Purim

Uralte Tradition?

Was die iranische Vernichtungsdrohung gegen Israel mit der persisch-jüdischen Geschichte zu tun hat

22.02.2018 – von Michael WolffsohnMichael Wolffsohn

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Geschichte ist oft eine (tages)politische Waffe. So auch – und wegen der langen gemeinsamen Geschichte: erst recht – in den Beziehungen zwischen Israel und dem Iran. Dieser Tage bekamen wir wieder einmal Anschauungsunterricht. Israels Premier Netanjahu schlug kurz vor und im Zusam­menhang mit dem Purimfest (das in diesem Jahr am kommenden Mittwochabend beginnt) den Bogen von der israelisch-iranischen Gegenwart zur persisch-jüdischen Geschichte.

Kurz vor Netanjahus historischem Crashkurs hatte Israels Luftwaffe eine aus Syrien kommende iranische Drohne über Galiläa abgeschossen und danach sowohl syrische als auch iranische Stellungen im Herrschaftsgebiet der iranischen Marionette, Präsident Assad, angegriffen. Irans Aggressivität gegen Israel, so Netanjahu, folge einer uralten persischen Tradition. Stimmt das?

antike Purim ist sozusagen das jüdische Gegenstück zum Fasching. Der Ursprung führt tatsächlich in die jüdisch-persische Vergangenheit. Genauer in die biblische Antike. Die mehr theologische als historische Darstellung findet man im Esther-Buch. Geschildert wird hierin, wie ein regierungsamtlich geplanter Massenmord an den Juden Persiens verhindert wurde.

Der historische Kern sei kurz ergänzt. Er führt in die Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts. Unter König Xerxes I. dürfte es nach den Niederlagen von Marathon, Salamis und Plataiai in den Kriegen gegen das antike Hellas zu allgemeinen sowie gegen die Juden gerichteten Unruhen gekommen sein. Unschwer zu erraten ist die gedankliche Brücke, über die Netanjahu ging: Wie die persischen Vorfahren vor 2500 Jahren wolle der heutige Iran die Juden vernichten. Vor allem den jüdischen Staat, Israel. Vermengt wird dabei die persisch-jüdische mit der Holocaust-Geschichte.

Das dokumentierte Netanjahus Rede am vergangenen Sonntag auf der Münchener Sicherheitskonferenz. Frage 1 bezieht sich auf den »kurzen« Rest der 2500-jährigen persisch-jüdischen Geschichte. Frage 2 lautet: Plant der heutige Iran – gegebenenfalls sogar nuklear –wirklich eine nahöstliche »Endlösung der Judenfrage«, die Israel, notfalls präventiv, verhindern müsse und werde?

mesopotamien Frage 1 sei stichwortartig beantwortet. Kultur- und religionshistorisch verflochten sind der Großraum Persien-Mesopotamien und die Juden schon lange vor Xerxes-Esther-Zeiten. Das dokumentiert auf ihre Weise die biblische Geschichte von Stammvater Abraham. Der stammte, wie die Sintflut-Geschichte, aus Mesopotamien. Im Jahre 721 v.d.Z. wurden die Juden aus dem Königreich Israel von den Assyrern und 586 v.d.Z., nach der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels, von den Babyloniern nach Mesopotamien verschleppt.

538 v.d.Z. besiegte Perserkönig Kyros II. Babylon. Noch im selben Jahr erlaubte er den Juden die Rückkehr nach Zion, den Bau des Zweiten Tempels und in Judäa einen autonomen Quasi-Staat. Nur eine Mini-Minderheit der Juden zog es nach Zion. Die Mehrheit blieb, und jüdisches Leben in Persien erblühte. Es blühte – trotz mancher Rückschläge – lange. Auch unter den vorislamischen Nachfolge-Dynastien. Es ist kein Zufall, dass der Babylonische (eigentlich persische) Talmud noch heute (ge)wichtiger ist als der Jerusalemer. So gesehen ist Netanjahus Geschichtskurs, sagen wir, verzerrt.

Weniger verzerrt, wenngleich nicht unrichtig, ist seine Lektion für das muslimische Persien. Das gilt für die vorschiitische als auch erst recht für die schiitische Periode seit dem 16. Jahrhundert. Wie immer und überall im Islam waren Juden (und Christen) Bürger zweiter Klasse. Mal wurden sie mehr, mal weniger drangsaliert oder liquidiert. Nach der Machtübernahme der Schiiten verschlechterte sich die Situation der Juden dramatisch.

schah-dynastie Sie verbesserte sich von 1925 bis 1979 unter der Schah-Dynastie der Pahlavis. Diese wurde 1979 von den noch heute im Iran herrschenden Islamisten gestürzt. Sie haben nicht nur das Leben der iranischen Juden erschwert und teils mit Henkers Hilfe liquidiert, sie revolutionierten Nahost insgesamt. Sie verfügen – auch nach und trotz des 2015 geschlossenen Atomabkommens – jederzeit und schnell über die Möglichkeit, ihr Militär zu nuklearisieren und damit, wie Nordkorea, sozusagen »die Welt« zu erpressen.

Womit wir bei Frage 2 und der Realität des »Iranischen Rings« wären. Immer erfolgreicher hat der Iran Israel (und die verbliebenen prowestlichen Staaten in Nahost) umzingelt. Iranische Soldaten stehen mit beiden Beinen fest im Libanon, in Syrien, im Irak und Jemen. Unterschwellig verschärft der Iran massiv die innerstaatlichen Konflikte in Bahrain, in der saudi-arabischen Ölprovinz im Osten des Königreichs und in Ägypten.

Irans Unterstützung der islamistischen (wenngleich sunnitischen) Hamas im Gazastreifen ist nicht einmal ein offenes Geheimnis, sondern allseits bekannt, zumal sich der Iran offen dazu bekennt. Ebenso zu seinem Wunsch, Israel zu vernichten. Irans Ring, seine Ideologie, Theologie und sein nukleares Potenzial sind Fakten. Fakten zu bestreiten, ist heute nicht nur Trump-Mode. Irans Außenminister Sarif kann es elegant. »Zirkus« nannte er Netanjahus Münchener Rede. Leider Tatsachen – auch für »Bibi«-Gegner.

Der Verfasser ist Historiker in München und Buchautor, unter anderem von »Wem gehört das Heilige Land?« und »Deutschjüdische Glückskinder«.

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