Schweiz

Fünf Franken für eine Esther

In Basel und Zürich verleihen zwei Frauen in ihren Wohnungen Purimkostüme

22.02.2018 – von Peter BollagPeter Bollag

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Ein unauffälliges Reihenhaus in ei­ner unauffälligen Straße im Basler Gotthelf-Quartier. Ausgerechnet hier befindet sich in diesen Wochen ein kleines jüdisches Zentrum – und zwar eines, in dem es Purimkostüme für Kinder und Erwachsene gibt.

Es ist das Reich von Lea Lang, einer gebürtigen Engländerin, die seit ihrer Heirat vor mehr als 30 Jahren in der Schweiz lebt. Im Andenken an einen verstorbenen Freund hat sie sich vor einigen Jahren entschlossen, jedes Jahr in den Wochen vor Purim im oberen Stock ihres Hauses Hunderte Kostüme zu verleihen, die sie sonst auf ihrem Dachboden aufbewahrt.

freude »Ich mache es auch, weil ich Freude habe, zu sehen, wie Kinder hier ein Kostüm finden. Manchmal gilt das sogar für eine ganze Familie«, sagt Lea Lang, die selbst Kinder und Enkelkinder hat und diese nach Wunsch auch mit Polizisten-, Krankenschwestern-, aber auch Sheriff- und vielen anderen Verkleidungen versorgt.

So entstand überhaupt erst die Idee des Kostümverleihs. Auch gebe es Erwachsene, die sich an Purim gern im Partnerlook verkleiden möchten, wie Pirat und Piratin. Ebenso seien normalerweise Strejml und Bärte gefragt, als »Markenzeichen« orthodoxer Juden. »Doch in diesem Jahr ist das erstaunlicherweise nicht so ein Thema«, sagt Lang.

Trends bei der Suche nach originellen Kostümen seien schwer zu erklären: »Letztes Jahr wollten erstaunlich viele Kinder ein Ritterkostüm. Früher waren auch schon Spider-Man oder Superman sehr gefragt.« Ob da ein Kind das andere mit seinem Wunsch »ansteckt«? In diesem Jahr seien es eher die »Klassiker« wie Polizisten oder Feuerwehrleute, sagt sie. Und weil das Fest auf einen Wochentag fällt, sei die Nachfrage ohnehin etwas kleiner als beispielsweise an einem Sonntag, wenn man mehr Zeit hat, seine Verkleidungen in der Stadt spazieren zu tragen.

Brautkleider Die Nachfrage nach klassischen Kostümen ist ein Trend, den auch Margalith Altmann in Zürich spürt, die ebenfalls einen Purim-Kostümverleih hat und diesen schon einige Jahre länger betreibt als Lea Lang. »Erstaunlicherweise sind bei mir die Kostüme englischer Soldaten überaus gefragt.« Auch Kostüme, die dem jüdischen Rettungsdienst Hazoloh nachempfunden sind, gehen immer sehr gut. Kleinere Mädchen würden auch sehr gern Brautkleider anziehen, die seien immer gefragt, erzählt Altmann.

Lustig sei auch, dass oft sehr religiöse Jungs kämen und sich als Chassidim verkleiden möchten – »ein Trend, den ich bis heute nicht so ganz verstanden habe«, sagt Altmann. Sie ist allerdings bei ihrem Angebot grundsätzlich etwas zurückhaltender als ihre Basler Kollegin. »Accessoires zu den Kostümen wie Pistolen, Schwerter oder Ähnliches gibt es bei mir nicht, das müssen sich die Kunden anderswo besorgen.« Auch beschränkt sie ihr Angebot auf Kinder und Jugendliche. Erwachsene kommen bei ihr – im Gegensatz zum Verleih von Lea Lang – nicht zum Zug.

Und bei Margalith Altmann trägt jedes Kostüm eine Nummer. »Das macht bei mehr als 500 Kostümen, die ich in meinem Verleih habe, die Übersicht einfacher und bequemer«, sagt die gebürtige Holländerin, die seit mehr als 25 Jahren in Zürich lebt. Wenn es darum geht, einige Wochen vor Purim die Kostüme vom Dachboden zu holen, helfen auch ihre Kinder mit.

zubehör Anders als Margalith Altmann findet Lea Lang das Zubehör zu gewissen Kostümen sehr wichtig. Deshalb hat sie eine ganze Kiste mit Plastikpistolen und Holzschwertern. Wenn sie beschädigt würden, sagt sie, »dann repariere ich sie, wenn ich das kann«. Auf Wunsch nimmt sie an Kostümen auch Änderungen vor, »manchmal tue ich das, wenn ich vor dem Fernseher sitze und mir einen Krimi anschaue«.

Wichtig seien auch die Kopfbedeckungen, findet Lang: »Zu einem gelungenen Kostüm gehört ein Hut.« Gemeinsamkeit in Basel und Zürich ist, dass es zwei Zimmer gibt – je eines für Jungen und eines für Mädchen. Und auch bei den Preisen gibt es keinen Unterschied: Ein Kostüm auszuleihen, kostet hier wie dort fünf Franken. Weitere fünf Franken muss man als Pfand hinterlegen.
Im Allgemeinen bekämen sie die Kostüme in »einem anständigem Zustand« zurück, berichten beide Frauen übereinstimmend.

Begonnen hat der Purim-Kostümverleih bei beiden Frauen sehr unterschiedlich. In Zürich kam vor einigen Jahren bei einem Vorpurim-Abend einer jüdisch-orthodoxen Frauenorganisation die Frage nach originelleren Purim-Verkleidungen auf. Da sei ihr die Idee zu dem Verleih gekommen, erzählt Margalith Altmann.

ausverkauf Lea Lang hingegen kaufte die ersten Kostüme im Ausverkauf für ihre Enkelkinder – und daraus entwickelte sich dann die Idee, auch anderen günstig Kostüme anzubieten. Inzwischen kauft Lang auch im Internet oder wenn irgendwo ein Kleidergeschäft schließt und dort ein Räumungsverkauf ansteht.

Im Gegensatz zu Margalith Altmann ist bei Lea Lang auch die Fasnacht ein Thema, die in Basel einen ganz anderen Stellenwert hat als in Zürich. »Ich habe Kunden«, erzählt sie, »die für die Fasnacht ein Kostüm ausleihen und es dann gleich bis Purim behalten.«

An der Schule, an der Lea Lang Englischunterricht erteilt, hat es sich herumgesprochen, dass sie in diesen Wochen einen Kostümverleih betreibt. »Dann stehen manchmal nichtjüdische Kollegen bei mir auf der Matte und leihen sich das eine oder andere Kostüm aus – warum auch nicht?« Dankbar sei sie ihrem Mann, der ihr dabei den Rücken freihalte. »Er hat von Anfang an meine ›Meschugas‹, meine Verrücktheit, vollumfänglich unterstützt«, sagt Lea Lang lachend – und eilt zur Tür, denn dort wartet bereits der nächste Kunde.

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