Köln

Sozial und kompetent

Die Ausstellung »100 Jahre ZWST« geht auf Wanderschaft durch die Gemeinden

Aktualisiert am 22.02.2018, 10:23 – von Ulrike Gräfin von HoensbroechUlrike Gräfin von Hoensbroech

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Die Vergangenheit nicht vergessen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft hoffen.« Mit diesem Zitat von Max Willner (1906–1994) lässt sich der praktische Auftrag und das tatkräftige Handeln der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zeitlos gültig und treffend zusammenfassen.

Genau genommen steht Willner zwar für die Generation des Wiederaufbaus, ebenjene Frauen und Männer, die nach der Schoa in der damals noch jungen Bundesrepublik Deutschland die ZWST wiederbegründeten und maßgeblich prägten. Doch sein Ausspruch ließe sich spielend auch auf die anderen drei politischen Systeme anwenden – Kaiserreich, Weimarer Republik, Zeit des Nationalsozialismus –, in denen die ZWST zu dem geworden ist, was sie heute nach mehr als 100 Jahren ist: der Dachverband der jüdischen Wohlfahrtspflege für 17 Landesverbände und sieben selbstständige Gemeinden mit insgesamt 105 jüdischen Gemeinden sowie dem Jüdischen Frauenbund.

Doch mehr als diese beeindruckenden Zahlen sind es sicherlich das Erreichte sowie die Kompetenz, die den ältesten und kleinsten Wohlfahrtsverband unter den insgesamt sechs Mitgliedern der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) auszeichnen.

spektrum »Die ZWST war und ist maßgeblich an der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland beteiligt«, betont Abraham Lehrer. Der Zentralratsvize und Vorstandsvorsitzende der ZWST weiß das nicht zuletzt aus eigenem Erleben und bringt diese »dankbaren Erfahrungen« in seine Arbeit seit 2009 ein. »Meine Kindheit war geprägt von der praktischen Hilfe für Juden.«
Mit diesem Zitat wird Abraham Lehrer auch in der Ausstellung Führende Persönlichkeiten aus 100 Jahren geehrt, die im vergangenen Jahr aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der ZWST konzipiert worden ist.

Nun wird die Schau erstmals auch in einer jüdischen Gemeinde gezeigt, nämlich im Gemeindesaal der Synagogen-Gemeinde Köln (SGK), in der der 63-jährige Lehrer Vorstandsmitglied ist. Dabei werden 33 Schlüsselpersonen mit einem charakteristischen Zitat sowie biografischen Anmerkungen zu ihrem Leben und Handeln jeweils mit einem eigenen Plakat gewürdigt. »Die Ausstellung will anhand dieser maßgeblichen Personen die gesamte Entwicklung der ZWST in guten und in schlechten Zeiten darstellen«, sagt Sabine Hering.

Die Professorin für Sozialpädagogik, die auch Mitglied des Arbeitskreises Jüdische Wohlfahrt ist, hat die Ausstellung federführend erstellt. »Die gezeigten Personen bilden das Spektrum an Mentalitäten, Begabungen, Visionen der ZWST sowie deren Tatkraft und Herausforderungen ab.«

zedaka Eingeteilt wurden die Persönlichkeiten in vier Bereiche. »Weh’ dem, dessen Gewissen schläft«, lautet beispielsweise das Zitat von Bertha Pappenheim (1859–1936) für »Die Generation der Vorläufer und Gründer«. Dieser Aufruf der Frauenrechtlerin gilt bis heute als Signal zur Gründung einer koordinierenden Einrichtung der jüdischen Wohlfahrt.

Für »Die Generation der Funktionsträger« spricht unter anderem Hannah Karminski (1897–1942). »Ich bleibe, um meine Pflicht zu tun«, so die ZWST-Sozialarbeiterin, die später in Auschwitz ermordet worden ist. »Die Arbeit an der jüdischen Jugend ist eine kulturell-erzieherische Aufgabe«, wird Berthold Simonsohn (1912–1978) genannt. Die Sozialreferentin Aviva Goldschmidt (geboren 1938) erinnert für »Die Generation der Zuwanderung« daran: »Wenn Menschen zu uns kommen, ist es unsere Pflicht, uns um sie zu kümmern.«

Alle gezeigten Protagonisten verbindet die Überzeugung vom Gebot der sozialen Gerechtigkeit, auf Hebräisch Zedaka. »Der Sinn des jüdischen Lebens ist es, sich gegenseitig zu helfen«, heißt es in einem Zitat des Arztes und langjährigen Vorstands der ZWST, Simon Snopkowski (1925–2000). Das zeigen auch viele andere Facetten und historische Daten, in denen sich die ZWST bewährt hat, etwa in den Zeiten der Konsolidierung der 1970er-Jahre oder in den Jahren nach der Wiedervereinigung und dem Ende des Eisernen Vorhangs.

konzeption Einige namhafte Persönlichkeiten, die die ZWST jahrelang entscheidend geprägt haben, fehlen – etwa Bella Schlesinger. »Uns fehlen leider von diesen Persönlichkeiten Bilder oder Fotodokumentationen, die aber für die Konzeption der Ausstellung eine wichtige Rolle spielen«, bedauert Sabine Hering.

Die Wissenschaftlerin hofft, dass die als Wanderausstellung angelegte Schau auch in weiteren Gemeinden oder Einrichtungen gezeigt wird. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass sich die schlicht, aber vielleicht gerade dadurch so eindringlich angelegte Ausstellung ohne großen Aufwand aufbauen und präsentieren lässt.

Davon konnten sich bei der Eröffnung in der SGK auch eine Reihe bekannter Protagonisten der kölnischen Stadtgesellschaft überzeugen. Zu den Gästen zählten unter anderem Werner Jung, der Leiter des NS-Dokumentationszentrums, Hannelore Bartscherer, die Vorsitzende des Katholikenausschusses, Bernd Petelkau, Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der CDU Köln, Ulrich Soénius, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Köln, sowie Andreas Wolter, der Bürgermeister der Stadt Köln.

jugendarbeit »Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll die Verankerung der ZWST in der Gesellschaft«, so Wolter. Zugleich mahnte der Grünen-Politiker aber auch: »In Zeiten, in denen so viel Antisemitismus aufkeimt, müssen wir zusammenstehen und solidarisch sein.«

Damit sprach Wolter ein Thema an, das Michael Licht insbesondere in der aktuellen Jugendarbeit als eine Herausforderung für die ZWST ausmacht. »Wir müssen unsere Jugend, gerade auch im Umgang mit den sozialen Netzwerken, in ihrem Selbstbewusstsein stärken sowie sie befähigen, wachsam zu sein«, betonte Licht.

Der stellvertretende Vorsitzende der ZWST sowie Vorsitzende der Gemeindevertretung der SGK weist zudem darauf hin, dass die jüdische Wohlfahrtspflege offen für alle ist. »Die ZWST wird weiterhin zeitgemäße Angebote für ihre Mitglieder machen und sich darüber hinaus, wo es ihre Möglichkeiten zulassen, gesamtgesellschaftlich engagieren.«

Weitere Infos unter www.zwst.org

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