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Der Basler Synagogenchor will jetzt auch um Sänger werben, die nicht zur Gemeinde gehören

14.12.2017 – von Peter BollagPeter Bollag

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Er ist kaum mehr aus Basel wegzudenken: der über 90 Jahre alte Synagogenchor. Das ausschließlich aus Männern bestehende Vokalensemble begleitet mit seinen Gesängen den Gottesdienst am Schabbat und an den Feiertagen. Seit einiger Zeit jedoch bangt diese Basler Institution um ihre Existenz: Den Chor, der mittlerweile aus nur noch acht bis zehn Sängern besteht, plagen ernste Nachwuchssorgen.

Einen rein männlichen Synagogenchor gibt es in der Schweiz außer in Basel nur noch in Zürich. Dort hat man offenbar weniger Probleme, neue Chormitglieder zu finden, als in der Rheinstadt. Die Israelitische Gemeinde Basel leidet schon seit einigen Jahren an einem stetigen Mitgliederschwund. Dadurch wird auch das Reservoir an möglichen neuen Sängern ganz automatisch kleiner.

Daneben plagen den Chor aber noch weitere Probleme. »Kein anderer Verein in unserer Gemeinde verlangt eine derart hohe Präsenz wie wir«, drückt es Chorpräsident Gilbert Goldstein aus. Bei vielen anderen Vereinen genüge es, seinen Mitgliedsbeitrag zu bezahlen und bei der jährlichen Generalversammlung zu erscheinen. Beim Synagogenchor hingegen sei das anders: »Da finden unter der Woche Proben statt, und am Schabbat und an den Feiertagen sind Auftritte.« Hinzu kommen Proben mit dem Chasan, dem Kantor, damit die Auftritte entsprechend professionell gelingen. Das verlange viel Engagement, das nur wenige Familienväter bereit seien zu geben.

Proben Goldstein selbst ist bereits in Rente, gehört also zu denen, die zeitlich etwas flexibler sind. Im Chor gab es aber immer wieder Diskussionen darüber, inwieweit man bei der Festsetzung der Proben auf Berufstätige Rücksicht nehmen soll und kann.

Grundsätzlich gehe man im Chor davon aus, dass die Gemeinde das traditionsreiche Vokalensemble nicht einfach sterben lassen wolle. Schließlich traten die Sänger immer wieder auch in anderen Ländern auf und veranstalteten im vergangenen Jahr ein viel beachtetes Chasanut-Festival mit zahlreichen Gastchören, das sehr gut besucht war.

Vor einigen Monaten startete der Chor eine Werbeoffensive: Während der Hohen Feiertage hingen plötzlich überall auf dem Gemeindegelände, an Türen, Wänden, Säulen bunte Plakate. Neben dem Logo und dem Schriftzug des Synagogenchors war zu lesen, dass das Ensemble wegen seines hohen Alters gewissermaßen zum Inventar der Gemeinde gehört und dringend neue Sänger sucht.

Aussichten Der Notruf war erfolgreich. Inzwischen sehe es für den Chor bereits viel besser aus, sagt Goldstein: »Die Aktion hat einiges ausgelöst, wir sind in Gesprächen.« Genaue Zahlen über neue Chormitglieder wolle er aber erst vermelden, wenn sie tatsächlich feststehen.

Die Suche nach neuen Sängern gehe trotzdem weiter, sagt Goldstein. Man werde versuchen, vermehrt jüngere Gemeindemitglieder anzusprechen, die noch keine Familie gegründet haben und deswegen keiner Doppelbelastung ausgesetzt sind.

Außerdem – und das ist nicht zu unterschätzen – wolle man unter den Israelis werben, die in der Stadt leben und größtenteils keine Gemeindemitglieder sind. Chorleiter Doron Schleifer, selbst Israeli und Berufsmusiker, werde seine guten Kontakte einsetzen, auch über die sozialen Medien, sagt Goldstein.

Man hoffe, auch davon zu profitieren, dass Basel einen guten Ruf als Musikstadt hat: An der lokalen Schola Cantorum studieren viele jüdische Musiker, die sich zumindest zeitweise dem Chor zur Verfügung stellen könnten. Vereinzelt ist das an den Hohen Feiertagen schon geschehen, als Musikstudenten aus Australien halfen, den Gottesdienst in der Gemeinde zu beleben.

Um aber mehr Zeit für die Mitgliederwerbung zu haben, hat sich die Leitung des Synagogenchors entschieden, von November bis Januar eine schöpferische Pause einzulegen. Diese Zeit will man außerdem nutzen, um das zum Teil etwas veraltete Notenmaterial zu sichten und, wo nötig, neu zu gestalten.

Die freiwillige Pause soll am Schabbat Beschalach Ende Januar enden. Das ist der Schabbat vor Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume, an dem man verschiedene und seltene Früchte isst. Die Symbolik ist kaum zu übersehen: Es besteht die Hoffnung, dass bis dahin die Bemühungen, neue Chormitglieder zu gewinnen, Früchte getragen haben.

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