Chanukka

Mit Familie und Freunden

Acht Gemeindemitglieder erzählen, wie sie das Lichterfest verbringen und was sie mit ihm verbinden

14.12.2017 – von Christine SchmittChristine Schmitt

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Rachel Dohme, Gemeindevorsitzende Hameln (65)
Ich wuchs in den USA auf, und immer zu Chanukka kam in meinem Elternhaus die ganze Familie zusammen – etwa 50 Angehörige. Meine Mutter begann bereits Wochen vorher mit den Vorbereitungen, und die Verwandten, die nicht kommen konnten, schickten ihre Geschenke schon vorab in Kartons. Wir legten sie auf die Treppenstufen, bis diese kaum noch begehbar waren. Es war immer ein wunderschönes Fest in warmer Atmosphäre. Als ich der Liebe wegen in Deutschland blieb und selbst Kinder hatte, wollte ich ihnen auch so etwas bieten – aber es gab keine weiteren Juden bei uns. Ich ging in ihre Schule und versuchte, ihren Klassenkameraden das Fest nahezubringen. Wenn Lichter im Fenster standen, sagte ich zu meinen Kindern, dass sie mit »unseren Sachen« geschmückt seien. Ich bediente mich kleiner Lügen. Als 1990 die ersten Kontingentflüchtlinge aus der Sowjetunion nach Hameln kamen, fuhren wir in das Übergangsheim. Auf einmal gab es viele jüdische Kinder, meine waren nicht mehr »allein«.

Galina Ivanizky, Projektleitung des Jugendzentrums München
Chanukka ist eines meiner Lieblingsfeste – mit dem viele schöne Erinnerungen verbunden sind. Als Kind habe ich Channukagelt und Süßigkeiten bekommen. Als meine Tochter zur Welt kam, hat mein Vater ihr Channukalieder beigebracht. Er hat ihr dabei erklärt, dass sie sie nicht öffentlich singen dürfe, weil das – damals in der ehemaligen Sowjetunion – Probleme mit sich gebracht hätte. Nun feiere ich das Lichterfest mit meiner Familie gemütlich zu Hause, bereite leckeres Essen zu, zünde Kerzen an. Jedes Jahr teile ich die Freude des Festes mit zahlreichen Freunden beim öffentlichen Kerzenzünden am Jakobsplatz. Unterstützt von pädagogischen Kräften und von Jugendlichen führe ich diverse Aktionen und Projekte im Münchner Jugendzentrum Neshama zu Chanukka durch. Wir schenken die Wärme des Festes den Leuten, die sie besonders brauchen: unseren Senioren. So werden unsere Traditionen und Bräuche bewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben.

Inge Robert, Gemeindemitglied Berlin (82)
Heute finde ich Chanukka nicht mehr so spannend. Das war früher, als meine Kinder und später meine Enkel klein waren, ganz anders. Da haben wir Kerzen angezündet und Lieder gesungen. In der Nachkriegszeit waren wir ja nicht allzu viele Juden, aber bald kamen die Berliner wieder und später die Juden aus Polen, und die Gemeinde wuchs auf 3000 Mitglieder. Jeder wusste über den anderen Bescheid, und zu den Chanukkafeiern wurde der große Saal im Gemeindehaus schön hergerichtet. Mit Kind und Kegel kamen wir zu den Feiern. Kantor Estrongo Nachama hat gesungen, es wurden Kerzen angezündet, es wurde getanzt: Es war toll. Hunderte von Menschen waren da. Damals wurde mehr gefeiert als heute. Aber ich muss auch sagen, dass ich heute nicht mehr zu einem Chanukkaball gehen würde, denn es ist jetzt eine andere Generation an der Reihe. Ich würde mich dort fremd fühlen.

Alexander Bondar, Fechter, Rostock (38)
Richtig Chanukka gefeiert habe ich zum ersten Mal in Deutschland. Ich bin in Odessa aufgewachsen, bis ich als Zwölfjähriger in ein Sportinternat kam, das 600 Kilometer weit entfernt lag. Wenige Jahre später zog ich mit meiner Familie nach Rostock, wo wir mit anderen zusammen feierten, ohne über ein großes Wissen zu verfügen. Das änderte sich, als ich zu den ZWST-Machanot fuhr, denn dort lernte ich die schöne Geschichte des Festes kennen. Es gibt für mich seitdem zwei schöne Feste: Purim und Chanukka. Heutzutage feiere ich Chanukka anders, nämlich mit meiner Familie. Unsere Kinder, 21, 14 und zwei Jahre alt, sind schon gespannt und freuen sich sehr, natürlich auch auf das Geld und die Geschenke. Es wird mit dem Opa schon viel verhandelt. Wir zünden zu Hause Kerzen an. Natürlich gehen wir auch zur Feier in die Gemeinde, zu der etwa 200 Gäste kommen. Der Rabbiner wird sprechen, und es wird getanzt.

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle (54)
Ich wuchs in Kiew in der ehemaligen Sowjetunion auf, wo jüdische Feste kaum gefeiert wurden. Mir fiel als Kind nur auf, dass es zu Pessach immer Mazze gab und meine Mutter zu Jom Kippur fastete. Das änderte sich, als wir 1990 nach Halle kamen. Auch in meinem Büro in der Gemeinde zünde ich Kerzen zu Chanukka an – allerdings ist mein Schreibtisch immer so voll mit Papieren, dass ich sie auf einen anderen Tisch stelle. Zum Lichterfest mietet die Gemeinde immer einen großen Raum, denn es ist unsere größte Veranstaltung im Jahr. Mitunter kommen 400 Besucher. Die Kinder sind voller Freude dabei und führen ein Theaterstück auf, in dem ein fremdes Wesen von einem Planeten auf die Erde kommt und nicht versteht, was es mit dem Fest auf sich hat. Es gibt Geschenke, Essen, Tanz. Ein Kind hat einmal gesagt, als es an dem Hotel vorbeikam, in dem wir Chanukka gefeiert haben: »Das ist unser Chanukka-Hotel.« Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf spenden wir übrigens Keren Hayesod. Für die Feier kommt die Gemeinde auf.

Wolfgang Krymalowski, Vorstandsvorsitzender Makkabi Köln (62)

In diesem Jahr freue ich mich besonders auf das Lichterfest, denn drei von meinen vier Kindern sind zu Hause, und wir können die Kerzen gemeinsam anzünden. Meine Tochter ist gerade in Israel und kann leider nicht kommen. Wir feiern privat immer in der Familie und mit Freunden. Ich mag es, dass wir uns regelmäßig treffen und uns austauschen. Ich finde es immer wieder schön, mit der Familie zusammen sein zu können. Als unsere Kinder noch klein waren – mittlerweile sind sie zwischen 17 und 28 Jahre alt –, haben wir jedes Jahr die Chanukka-Geschichte vorgelesen. Sie freuen sich immer sehr auf die Geschenke. Lieder singen wir wie gewohnt jedes Jahr. Pro Abend zünden wir eine Kerze mehr an. Ich kam als Fünfjähriger mit meinen Eltern aus Israel, meine Mutter war orthodox, mein Vater konservativ, aber an Chanukka in Israel habe ich keine Erinnerungen mehr.

Lyudmyla Veitsman, Gelsenkirchen (80)

Auf Chanukka freue ich mich gleich doppelt. Zum einen mag ich dieses schöne Lichterfest sehr gerne, und zum anderen stehe ich seit 15 Jahren als Chormitglied auf der Bühne und singe Chanukkalieder. Da bin ich besonders aufgeregt, denn es muss beim Auftritt ja alles klappen. Dabei bin ich mit Chanukka gar nicht aufgewachsen, denn in der Ukraine, wo ich herkomme, konnten wir es nicht feiern. Das änderte sich 1993, als ich nach Deutschland kam. Meine zwei Kinder und mittlerweile vier Enkel konnte ich seitdem immer mit Geschenken überraschen, ihnen gefiel und gefällt alles. Jedes Geschenk ist wundervoll. Zuerst feiere ich in der Gemeinde, schaue mir die Darbietungen der Kinder an, tanze. Dazu gibt es schöne Musik. Einen Tag später kommen meine Kinder und Enkel zu mir nach Hause, wo wir dann gemeinsam Kerzen anzünden werden. Chanukka, Purim, Pessach, Jom Kippur – ich muss sagen, es sind alle meine Lieblingsfeste.

Mark Perelmann, Mannheim, Sportstudent und Fechter (23)
Jedes Fest hat seine eigene Facette. Und bei uns in der Familie bedeutet Chanukka, dass wir uns alle treffen. Jeder nimmt sich von der Arbeit frei, und wir setzen uns an einen Tisch, essen zusammen und erzählen viel. Dabei sind neben meinen Eltern meine Schwester, mein Opa und mein Onkel, also der engere Familienkreis. Natürlich zünden wir Kerzen an und singen auch Chanukkalieder, aber ansonsten geht es bei uns eher asketisch zu. Für uns ist es am wichtigsten, dass wir zusammen sind, und wir unterhalten uns darüber, was gerade anliegt und wie das Jahr war. Es ist immer eine schöne Familienfeier. Geschenke haben bei uns zu Chanukka noch nie eine große Rolle gespielt. Als ich jünger war, sind wir auch mal in die Synagoge gegangen, aber unsere Tradition sieht doch anders aus. Und diese Familientradition schätze ich sehr. Darauf freue ich mich jedes Mal.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt.

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