AfD

Falsche Freunde

Warum die rechtspopulistische Partei sich besonders um jüdische Wähler bemüht

24.08.2017 – von Ronen SteinkeRonen Steinke

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Dass es so wenige Juden in Deutschland gibt, führt in der Politik manchmal zu einer kuriosen optischen Täuschung. Es genügt schon, wenn irgendwo zwei, drei, vier Juden für dieselbe politische Partei antreten. Schon wittern Kommentatoren einen Trend, ein statistisch signifikantes Ereignis, das Rückschlüsse auf Größeres zulässt.

In Baden-Württemberg etwa bewerben sich jetzt laut der Wochenzeitung »Zeit« vier jüdische Quereinsteiger (neben 34 nichtjüdischen) für die rechtspopulistische AfD um Direktmandate für den Bundestag. Heißt das, die Juden laufen alle zur AfD? Natürlich nicht. Es sieht nur schnell danach aus, weil die Gesamtheit aller Juden in diesem Land so klein ist.

Was stimmt, ist, dass sich die AfD in diesem Bundestagswahlkampf besonders um jüdische Wähler bemüht. Das ist erstaunlich genug. Die rechtspopulistische Partei tritt sonst nicht als Schutzmacht von Minderheiten an. Zu ihrem sogenannten Markenkern gehört, dass sie genau das nicht ist. Sie stellt sich als Schild der Mehrheit dar, gegen die angeblichen Sonderwünsche von Minderheiten.

Nun wirbt die AfD-Chefin Frauke Petry damit, ihre Partei sei »einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland«. Der nordrhein-westfälische Fraktionschef Marcus Pretzell ruft in eine Halle voller Rechtsradikaler hinein, Europa könne von der Regierung Benjamin Netanjahus lernen. »Israel ist unsere Zukunft, meine Damen und Herren!« Es wirkt, als würden die AfD-Oberen eine Ausnahme machen. Als würden sie auf die Wählerstimmen zumindest einer Minderheit schielen.

wähler Die AfD-Oberen wissen natürlich, dass Juden am 24. September nicht einmal zwei Promille der Wahlberechtigten ausmachen werden. Es gibt zwar keine demoskopischen Erkenntnisse darüber, ob jüdische Deutsche öfter zur SPD neigen, die als erste Partei jüdische Abgeordnete in den Bundestag schickte, oder zu den Grünen Daniel Cohn-Bendits, zur CDU Michel Friedmans oder zur FDP Ignatz Bubis’. Doch wenn die AfD-Chefs sich als Freunde der Juden inszenieren, dann spekulieren sie nicht ernsthaft auf diese winzige Wählerschaft – zumal bei ihnen ohnehin nichts zu holen ist. Vielmehr spricht die AfD eine Gruppe von potenziellen nichtjüdischen Wählern an, die gut und gern hundertmal größer ist. Es sind die vielen unentschlossenen Rechts-Wähler, die sich selbst nicht als rechts bezeichnen würden.

Die meisten sind männlich, viele sind gut ausgebildet und arbeiten in bürgerlichen Berufen. Der Bauch sagt: Ausländer raus. Der Kopf sagt: So darf man das nicht sagen. Es sind Menschen, die zuletzt vielleicht CDU oder SPD gewählt haben. Für historischen Mief, zumal für den Gestank, den eine Holocaust-Rede wie jene des AfD-Rechtsaußen und Landeschefs Björn Höcke aussondert, ist ihre Nase noch nicht immun. Da meldet sich ein Ekelreflex, das geht gegen die bürgerliche Kinderstube, da zuckt der Wähler zurück.

Wenn im Stuttgarter Landtag ein Abgeordneter bei der AfD sitzt, der in Büchern von zionistischer Weltverschwörung schwafelt, dann schmerzt das die AfD-Parteioberen nicht deshalb so sehr, weil es ein paar jüdische Wählerstimmen kosten könnte, die es vielleicht gar nicht gibt. Es schmerzt, weil es eine bürgerliche Klientel verschreckt. Jedes mal, wenn die AfD-Chefin Petry oder Pretzell sich mit betontem Respekt für Juden äußern, ist das ein Signal an diese Bürgerlichen. Man beteuert gewissermaßen, dass man stubenrein ist.

Das fasst im Übrigen die Wahlstrategie dieser noch jungen Partei nicht schlecht zusammen: Die »Entteufelung« rechter Positionen nennt das Marine Le Pen, die Chefin der französischen Rechtspopulisten. Ein bisschen rassistisch darf es schon sein, aber ohne Glatzen und Frakturschrift-Tattoos. Dafür werden in Deutschland »die Juden« als rhetorische Figur missbraucht, als vermeintliche Gewährsleute.

Parallele Eine interessante Ähnlichkeit schildert der in München und Washington lehrende Historiker und Professor für jüdische Geschichte, Michael Brenner. Es sei ein weit verbreitetes Missverständnis, die Solidaritätsadressen amerikanischer Politiker für Israel auf die vielzitierte »jüdische Lobby« in Washington zurückzuführen, schreibt Brenner in seinem Buch Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates (2016).

»Der jüdische Bevölkerungsanteil von 1,7 Prozent ist nahezu bedeutungslos. Was zumeist übersehen wird, ist die Tatsache, dass die proisraelischen Äußerungen der amerikanischen Politiker insbesondere aus dem republikanischen Lager sich gar nicht so sehr an die jüdische Wählerschaft, sondern an die evangelikalen Christen richten, deren Bevölkerungsanteil ein Vielfaches der jüdischen Amerikaner beträgt.«

Es gibt sogar kaum eine Gruppe in den USA, die so beständig linksliberal wählt wie die Juden. Zu etwa 90 Prozent halten sie treu zu den Demokraten, was sich vielleicht aus der Empathie einer lange ausgegrenzten Minderheit mit anderen Minderheiten erklärt. Dass rechte US-Politiker trotzdem so oft von den vermeintlichen Wünschen ausgerechnet von Juden sprechen, hat damit zu tun, dass viele Christen in ihrem Publikum das gern hören wollen. Selbst wenn sich real existierende Juden mit Grausen abwenden.

Und so ähnlich ist es bei der AfD: Die freundlichen Töne von Frau Petry oder Marcus Pretzell erleichtern vor allem ihren vielen bürgerlichen Vielleicht-Wählern die Entscheidung, ihren Ressentiments gegen andere Minderheiten – in erster Linie gegen Muslime und Flüchtlinge – freieren Lauf zu lassen. Den Juden kommt in diesem Spiel nur die Rolle der nützlichen Idioten zu. Es irrt gewaltig, wer sich in dieser Rolle geehrt fühlt.

Der Autor ist Politikredakteur bei der »Süddeutschen Zeitung«.

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