Stavenhagen

Ort der Begegnung

Das Gebäude einer alten Synagoge in Mecklenburg-Vorpommern soll in Zukunft als Kulturzentrum dienen

27.07.2017 – von Claudia SchallaClaudia Schalla

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Geschafft sei er, aber glücklich, sagt Klaus Salewski und lächelt. Der Vorsitzende des Vereins Alte Synagoge Stavenhagen hat an einem Sonntagvormittag Mitte Juli mit rund 100 Gästen die Neueröffnung des Gebäudes der alten Synagoge in Mecklenburg-Vorpommern gefeiert.

Es ist der Abschluss einer ganzen Eröffnungswoche mit Konzert, Ausstellung und Gedenkveranstaltung. Auch Ehren-Landesrabbiner William Wolff, der zu den Gründungsvätern des Vereins gehört, ist aus London angereist. Er sei sehr berührt von dem, was hier entstanden ist, sagt der 90-Jährige.

Fachwerk Fast alle Plätze in dem rund 90 Quadratmeter großen Fachwerkbau sind besetzt. Darüber freut sich der Vereinsvorsitzende ganz besonders. Zeigt es ihm doch, dass die Arbeit des Vereins akzeptiert wird. Einige Jahre zuvor seien er und seine Mitstreiter noch für verrückt erklärt worden, als sie die Idee äußerten, die alte Synagoge Stavenhagens wiederaufzubauen. »Es gab viele Zweifler«, so Salewski. Juden leben nicht mehr in Stavenhagen, Kultureinrichtungen gibt es auch schon. Warum also das Ganze? Diese Frage stand im Raum.

Doch nun hat Stavenhagen einen Teil seiner Geschichte zurückbekommen. Fünf Jahre Arbeit stecken in dem hübschen Fachwerkgebäude. Jahrzehntelang war es ein trauriges Bild gewesen: Ein paar Stützbalken, die die Stadt 1996 hatte einziehen lassen, bewahrten das Gebäude vor dem endgültigen Zusammenbruch. Eine Ruine: Kaum vorstellbar, dass dieses Haus einmal Zentrum der fünftgrößten jüdischen Gemeinde in Mecklenburg war.

Gebaut wurde die Synagoge 1821/22. Zu Zeiten des niederdeutschen Schriftstellers und Kindes der Stadt, Fritz Reuter, lebten rund 200 Juden in Stavenhagen, das waren zehn Prozent der Einwohner. Bis 1930 wurde das Haus genutzt. Durch Abwanderung und Repressalien der Nationalsozialisten war die Gemeinde schon so geschrumpft, dass keine Gottesdienste mehr möglich waren. Trotzdem wurde die Synagoge in der Pogromnacht im November 1938 angezündet. Ein Nachbar löschte den Brand, weil er Angst um sein Haus hatte. Später nutzte ein Tischler das Gebäude als Werkstatt.

Ruine Klaus Salewski rauchte als Kind mit dem Enkel des Tischlers auf dem damals eingezogenen Zwischenboden seine erste Zigarette. »Da wusste ich nicht, dass es eine Synagoge war«, erzählt er. Er war nicht der Einzige. »Die Geschichte der Juden ist kollektiv verdrängt worden«, sagt Salewski. 2011 hatte der Verein das Gebäude per Erbpachtvertrag von den privaten Eigentümern für 99 Jahre übernommen mit dem Ziel, aus der Ruine einen Ort der Erinnerung und Begegnung zu machen.

Heute bekommen Besucher wieder eine Ahnung, wie die Synagoge einst ausgesehen hatte. Dank einer Dissertation der Universität Braunschweig konnte die ehemalige Farbgebung im Inneren rekonstruiert werden. Die Decke ist wieder dunkelblau gestrichen, die Wände sind graublau, mit einem einfachen Fries verziert.

Michael Häcker, Mitarbeiter im Stavenhagener Reuter-Literaturmuseum, hat die Archive auf der Suche nach weiteren Informationen durchforstet. »Es gibt keine Fotos der Synagoge vor 1988, und auch keine Fotos der Innenaufnahmen. Aber da es mehrere baugleiche Synagogen in Mecklenburg gibt, zum Beispiel in Plau am See und auch in Hagenow, und da das alles orthodoxe Gemeinden waren, konnte ich den schematischen Aufbau rekonstruieren«, erzählt er. Auch eine Versicherungspolice und eine Inventarliste halfen. Michael Häcker weiß nun, es gab früher einen Kronleuchter. Die Bima stand in der Mitte. Der Toraschrein befand sich unter dem mit dem Davidstern verzierten Mitrach-Fenster an der Ostwand.

Grafik Die Rekonstruktion ist auf einer von mehreren Ausstellungstafeln als Grafik zu sehen. Darauf sind auch Wirken, Leben und Geschichte der Juden Stavenhagens dargestellt. Diese Ausstellung soll erinnern und mahnen. »Es ist wichtig, so eine Stätte zu erhalten, die daran erinnert, was in der Zeit von 1933 bis 1945 mit einer jüdischen Minderheit geschehen ist. Das darf nie wieder passieren«, so Klaus Salewski.

700.000 Euro Fördermittel und Spenden sind in die Sanierung der ehemaligen Synagoge geflossen. Unter anderem haben der Bund, das Land, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Jost-Reinhold-Stiftung, aber auch viele Menschen der Region das Projekt unterstützt.

Über einen grün bepflanzten Innenhof ist nun auch ein barrierefreies Servicegebäude erreichbar. In dem grau gestrichenen Haus an der Malchiner Straße befinden sich Büro, Toiletten und Veranstaltungsraum. Allerdings ohne Möbel: Sie sollen im kommenden Jahr mit EU-Mitteln bezahlt werden.

Film Nach dem Abschluss der Arbeiten soll das Haus mit Leben gefüllt werden. Konzerte, Kabarett, Lesungen stehen auf dem Programm. Die alte Synagoge ist im September Spielort des Usedomer Musikfestivals. Der Reuter-Chor wird hier proben. Mit der örtlichen Schule hat der Verein Alte Synagoge Stavenhagen einen Kooperationsvertrag geschlossen. Außer einem Projekt zur Erforschung der Euthanasie in Stavenhagen sind regelmäßige Filmvorführungen geplant.

Bereits in den vergangenen fünf Jahren gingen junge Leute aus Mexiko, der Türkei, Spanien und Israel im Zuge eines Sommeraustausches hier ein und aus. Juden, Muslime, Katholiken und Atheisten nahmen gemeinsam alte Ziegel auf, rodeten Unkraut und packten beim Lehmbau mit an. Stavenhagens ehemalige Synagoge als Ort der friedlichen Begegnung: So soll es bleiben, wünscht sich der Verein.

www.synagoge-stavenhagen.de

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