Sechstagekrieg

»Ich konnte es nicht fassen«

Michael Kashi war einer der ersten, die die Kotel in Jerusalem erreichten

08.06.2017 – von Elke WittichElke Wittich

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Das Gefühl, an der Kotel zu stehen, könne man nicht beschreiben, sagt Kashi. Als er dann infolge des Sechstagekrieges plötzlich »an dem für Juden heiligsten Platz der Welt stand und ihn mit eigenen Augen sah, konnte ich es nicht fassen und nicht glauben«, erzählt der heute 69-Jährige. »Meine Familie war nicht religiös, aber traditionell, und als kleines Kind war ich mit meinen Eltern ein paarmal in Jerusalem. In die Altstadt durften wir ja nicht, aber es gab eine Stelle, wo man hochklettern konnte, und dann sah man zwar eher die Moschee und den Davidsturm als die Mauer, aber es war trotzdem ein ganz besonderer Anblick für uns.«

»Die Freude über die Wiedereroberung der Kotel stellte sich erst später ein, zuerst war ich völlig überwältigt. Ich glaube, unter uns Soldaten gab es niemanden, der nichts gefühlt hätte.« Es lasse doch »niemanden kalt, wenn er weiß, dass er heute Geschichte geschrieben hat, und genau das wussten wir in diesem Moment«.

Auch wenn Kashi nun schon seit Jahrzehnten in Stuttgart wohnt, ist seine Lebensgeschichte eng mit Israel verbunden: Geboren im Juni 1948, rund einen Monat nach der Staatsgründung, kämpfte er vor genau 50 Jahren als junger Soldat im Sechstagekrieg um das Fortbestehen des noch jungen Landes.

Kriegsausbruch Der 5. Juni 1967, der Tag, an dem der Sechstagekrieg ausbrach, hatte für den jungen Wehrpflichtigen begonnen wie jeder andere. Gerade hatte er seine Ausbildung zum Fallschirmspringer abgeschlossen und war zu einer anderen Einheit versetzt worden. »Sie wurde damals auch gegen Terroristen eingesetzt«, erinnert er sich. »Es war eine Kommandoeinheit. Überall, wo etwas passierte, waren wir als Erste vor Ort.« Stationiert war Kashis Einheit in einer Kaserne nahe der grünen Linie. »Unsere Aufgabe war es unter anderem, die Grenze zu Jordanien zu sichern.«

Wie praktisch alle Israelis wussten auch die jungen Soldaten in diesem Frühsommer, dass alles auf einen Krieg hinauslief. »Die Frage war eigentlich nur, ob er morgen oder übermorgen ausbrechen würde.« Und so war es für die jungen Männer keine Überraschung, als der Kommandant ihnen sagte, sie sollten sich darauf vorbereiten, dass man innerhalb der nächsten Stunden wahrscheinlich eine Operation in Jordanien starten würde.

Was macht man in so einer Situation? Ganz einfach, schlafen, sagt Kashi. »Wir haben uns hingelegt, es gab ja sonst nichts zu tun, vorbereitet waren wir schließlich immer, denn dies war ja genau der Fall, für den wir trainiert hatten.« Nach drei oder vier Stunden, so genau erinnert er sich nicht, wurden sie geweckt, »wir sollten uns einer Gruppe anschließen und mit ihr in Jordanien einmarschieren«.

So begann für Michael Kashi und seine Kameraden der Krieg: »Als Ausspäher waren wir die Ersten, die die Grenze überquerten. Wir fuhren in Jeeps vorneweg, wir sollten den Weg kontrollieren und für die Sicherheit der Einheit hinter uns sorgen.«

Die jungen Soldaten befanden sich also schon seit Langem in einer Art Lauerstellung. Arabische Politiker hatten seit Monaten keinen Zweifel daran gelassen, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels war. Der damalige syrische Präsident Nureddin Mustafa al-Atassi hatte schon im Mai 1966, also ein Jahr zuvor, erklärt: »Wir wollen einen totalen Krieg ohne Einschränkungen, einen Krieg, der die zionistische Basis zerstören wird.« Ein Jahr danach erklärte sein späterer Nachfolger, Hafiz al-Assad, zu dem Zeitpunkt noch Verteidigungsminister: »Unsere Streitkräfte sind nun bereit, (...) dem Akt der Befreiung den Anstoß zu geben und die zionistische Anwesenheit im arabischen Heimatland in die Luft zu jagen. Ich als Militär glaube, dass die Zeit gekommen ist, den Vernichtungskrieg zu führen.« Und acht Tage vor dem Ausbruch des Krieges verkündete der ägyptische Präsident Nasser laut BBC: »Unser grundlegendes Ziel ist die Vernichtung Israels. Das arabische Volk will kämpfen.«

Angst Hatten Kashi und seine Freunde Angst angesichts solcher Drohungen? »Nein«, sagt er. »Wir waren doch noch halbe Kinder, gerade einmal 19 Jahre alt. Natürlich fühlten wir uns schon erwachsen, aber das waren wir nicht. Wenn man noch so jung ist, ist alles so leicht, das ganze Leben liegt vor einem. Man denkt nicht daran, dass einem etwas passieren könnte. Wir waren selbstsicher, wir haben nicht eine Sekunde daran gedacht, dass es auch anders ausgehen könnte.«

Bei den älteren Reservisten, das habe er später in Gesprächen erfahren, sei das anders gewesen. »Sie haben sich natürlich viel mehr Sorgen gemacht als wir. Sie waren ja schon verheiratet, hatten Kinder, trugen Verantwortung für die Familie, natürlich haben sie daran gedacht, was werden soll, wenn wir diesen Krieg verlieren. Oder sie sorgten sich, was aus ihren Lieben wird, wenn sie getötet werden.«

Kashis Einheit, die zur Legende gewordene Sayeret Haruv, wusste meistens nicht, »welche Aufgabe uns zugeteilt werden würde, es gab immer ganz kurzfristige Befehle, die dann manchmal in letzter Sekunde geändert wurden«, erzählt Kashi. Manchmal erwies sich dieser schnelle Wechsel von Einsatzbefehl und Rückzug auch als Glück: »Wir erhielten zum Beispiel die Order, einen sehr gut abgesicherten Munitionsbunker der Jordanier einzunehmen, der sich auf einem Hügel nahe Jerusalem befand. In letzter Minute wurde dieser Befehl jedoch zurückgenommen, weil schon eine andere Einheit dort war.« Es sollte einer der verlustreichsten Kämpfe des kurzen Krieges werden.

Damals, so ist sich Kashi sicher, wäre er vermutlich stolz gewesen, an diesem Kampf teilzunehmen, »aber heute denke ich: Wenn ich dort dabei gewesen wäre, dann wäre mir vielleicht etwas passiert. Ich bin froh, dass ich da nicht kämpfen musste«.

Dabei hatte der Krieg für Kashi mit einer relativ unspektakulären Einnahme einer Polizeistation direkt an der Grenze auf jordanischem Gebiet begonnen. »Ich glaube, als die Polizisten sahen, dass wir die Grenze überquerten, sind sie geflohen, denn als wir dort ankamen, war niemand mehr da.«

Kriegsverlauf Für Kashis Einheit ging es dann weiter nach Nabi Samwil. Der arabische Ort, bekannt durch die Grabstätte des Propheten Samuel, war bereits im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 ein wichtiges strategisches Ziel der Palmach-Operation Yevusi gewesen. »Natürlich wurde er nicht ohne Gegenwehr aufgegeben«, erinnert sich Kashi. Mehr möchte er dazu nicht sagen.

»Von dort aus sind wir Richtung Ramallah vorgerückt und haben die Stadt erobert«, umreißt er den weiteren Kriegsverlauf. Anschließend sollte sich die Einheit in die Nähe von Dschenin begeben. »Wir hatten die Information bekommen, dass eine jordanische Einheit in Richtung Jerusalem unterwegs war. Die sollten wir stoppen. Aber es kam niemand, vermutlich hatte man den jordanischen Soldaten befohlen, umzukehren, weil sie es sowieso nicht schaffen würden.«

Jerusalem »Aber weil wir schon einmal da waren, bekamen wir dann den Befehl, aus östlicher Richtung auf Jerusalem vorzustoßen.« Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt noch umkämpft, die israelischen Truppen waren von Westen her in die Altstadt vorgestoßen. »Und dann wurde eine Straße nach der anderen erobert, die Jordanier haben ziemlich gut gekämpft, und wir sollten unseren Kameraden helfen«, erinnert sich Kashi. Allerdings stießen er und seine Kameraden auf keinen nennenswerten Widerstand. »Wir sahen dann, dass die anderen Fallschirmspringer schon an der Kotel waren, und sind auch dorthin: So war ich als einer der ersten israelischen Soldaten an der Klagemauer, die uns so lange versperrt war.«

Jerusalem sei ja nicht nur historisch betrachtet immer die Hauptstadt gewesen, sondern auch das Sehnsuchtsziel der Juden in der Diaspora, die davon träumten, eines Tages dort leben zu können. »Ich hatte mehr als einmal gesehen, wie Neueinwanderer ins Land kamen und buchstäblich den Boden küssten«, erzählt Kashi, »das war für mich immer sehr bewegend. Und nun mit dafür gesorgt zu haben, dass sie endlich ungehindert an der Kotel beten konnten, war natürlich etwas ganz, ganz Besonderes.«

Einen Zettel habe er an diesem Tag nicht in die Mauer gesteckt, sagt Kashi. »Ich habe einfach nicht daran gedacht.« Gefeiert haben sie dann aber doch alle zusammen an der Kotel, erinnert sich Kashi, »allerdings nicht lange«, denn der Krieg war noch nicht vorbei, »und wir mussten gleich Richtung Ramallah und Nablus weiterfahren. Aber ich habe es etwas später nachgeholt«.

Als einer der Befreier Jerusalems möchte sich Kashi jedoch nicht unbedingt sehen. »Sagen wir: Ich habe einen Stein in der Klagemauer befreit, die eigentliche Arbeit haben doch diejenigen gemacht, die sich aus Richtung Westen in die Stadt vorgekämpft haben, die Reservisten, die auch die meisten Opfer zu beklagen hatten.«

Empfang Und dann war der kurze Krieg auch schon zu Ende, obwohl er drei, vier Tage länger gedauert hatte, als US-Militärexperten prognostiziert hatten. »Wir hatten nichts mehr zu tun. Als wir die Grenze Richtung Israel wieder überquerten, standen dort Tausende Israelis und haben gejubelt und gefeiert – und uns beschenkt, mit Bonbons und Kuchen, und, ganz wichtig, Zigaretten.«

Kashis Einheit zog in eine aufgegebene Kaserne der Jordanier, »und dann begann unsere eigentliche Arbeit«. Zuvor allerdings wurde telefoniert. Während des gesamten Krieges hatten die jungen Soldaten keinen Kontakt zu ihren Familien gehabt, nun bestand endlich die Möglichkeit, sie anzurufen. »Ich rief in der Polizeistation an, in der mein Vater arbeitete, und hatte zunächst einen seiner Kollegen am Apparat.« Dessen Reaktion war verhalten: »Damals war ein Anruf von einem Armeeangehörigen fast zwangsläufig gleichbedeutend mit schlechten Nachrichten, mein herbeigerufener Vater ging also davon aus, dass ihm nun mitgeteilt werde, dass ich gefallen oder schwer verletzt sei.« Wie gelähmt sei er in dem kurzen Gespräch gewesen, erinnert sich der Sohn, »er hat ganz apathisch nur ein paar kurze Sätze gesagt und dann aufgelegt«. Die Angst der Soldatenfamilien damals müsse riesig gewesen sein, erinnert sich Kashi.

»Wenn heute eines meiner Kinder verreist, dann bin ich ja schon unruhig und mache mir Sorgen, wie groß müssen erst die unserer Eltern damals gewesen sein.« Erst später erfuhr er, wie glücklich sein Vater über das Telefongespräch war: »Er fuhr sofort nach Hause und rief schon von Weitem meiner zufällig auf dem Balkon stehenden Mutter zu: »Er lebt! Er lebt!«

Nie wieder Für Michael Kashi stand damals fest, dass dies »der letzte Krieg war, ich war davon überzeugt, dass die arabischen Länder aus den Niederlagen gelernt hätten und fortan versuchen würden, mit uns in Frieden zu leben. Nun, ich habe mich geirrt«.

Über die Spezialeinheit, in der Michael Kashi als Wehrpflichtiger Dienst tat, wurden sogar Lieder verfasst, eines der populärsten heißt übersetzt »Ich habe einen Geliebten bei Sayeret Haruv«. Fühlt man sich da nicht als Held? »Das ist eine große Frage«, antwortet er, »was ist ein Held? Ich habe damals nur das getan, was alle getan haben – wenn ich ein Held war, dann sind wir alle Helden gewesen. Für mich sind die Kameraden, die Jerusalem befreien wollten und denen es egal war, ob sie dabei ihr Leben lassen, die wahren Helden.«

Kashi kam Ende 1969 nach Stuttgart, wo Familienangehörige eine Gebäudereinigungsfirma betrieben. Er verliebte sich in eine junge Frau und blieb – heute ist er Pensionär und nicht traurig über die viele Freizeit: »So kann ich eine Menge für die Gemeinde tun.« Seit einigen Jahren ist er Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg in Stuttgart.

Seinen Geburtstag im Juni wird Kashi wie in jedem Jahr in Israel feiern, und auch in diesem Jahr wird er wieder neben der Kotel auch den Munitionshügel besuchen, um der dort getöteten Soldaten zu gedenken.

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