Dror Zahavi

Tatort Tel Aviv

Israeli mit DDR-Biografie: Eine Begegnung mit dem Regisseur Dror Zahavi

22.01.2009 – von Anna KemperAnna Kemper

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von Anna Kemper

Als er 23 war, suchte Dror Zahavi eine neue Heimat. Er wollte weg aus Israel, wo er von der Schule geflogen war, im Militärgefängnis gesessen hatte, ein Filmstudium nicht bezahlen konnte. Er suchte ein Land, in dem er seinen Traum vom Film wahrmachen konnte, er suchte die Freiheit. 1982 hatte er dieses Land gefunden: die DDR. Heute finde er das auch seltsam, sagt Zahavi, aber damals habe er nicht in solchen Kategorien gedacht. Er wollte unbedingt Regie studieren. Und in der DDR bekam er ein Stipendium.
Ein Café in Charlottenburg, schwarze kühle Ledersofas, aus den Lautsprechern schallt Dolly Parton, es riecht nach Räucherstäbchen. Zahavi sitzt vor einem Latte Macchiato. 49 Jahre ist er alt, ein schmaler Mann. Er hat es geschafft, ist Regisseur, drehte aufwendige Fernsehproduktionen, gerade schneidet er einen Tatort, er hat Marcel Reich-Ranickis Biografie verfilmt. Und nun läuft sein erster Kinofilm an (Besprechung auf dieser Seite). Regelrecht auf ihn zugeschnitten sei diese Geschichte, sagt Dror Zahavi, „sie entspricht meiner politischen Gesinnung, meiner Vorstellung von der Lösung des Konflikts“.
Für den Film ist Dror Zahavi weit zurückgegangen, in seine eigene Vergangenheit, dahin, wo alles anfing, im Süden Tel Avivs. „Slum“ nennt er die Gegend von Kirjat Schalom, in der seine Mutter ihn und seine Schwester aufzog. In der Nachbarschaft lebten fast ausschließlich streng religiöse orientalische Juden. Seine Mutter, Europäerin, alleinerziehend, Lehrerin, Atheistin, war dort „eine eigenartige fremde Pflanze“. 1967, während des Sechstagekriegs, ging er mit ihr, einer Kriegsgegnerin, demonstrieren. Steine schmiss man ihnen hinterher, „Geh nach Russland! Araberfreundin!“. Seine Mutter nahm Drors Hand. „Wir rennen nicht“, sagte sie, „wir hauen nicht ab“.
Diese Haltung seiner Mutter, sagt Zahavi, hat sich auf ihn übertragen. Als Schüler sprühte er politische Parolen, flog von der Schule. Als Soldat verweigerte er 1980 aus Gewissensgründen den Dienst in den palästinensischen Gebieten gemeinsam mit zwei anderen Soldaten, sie waren die Ersten. „Wenn Israel angegriffen wird, werde ich es immer verteidigen“, sagt er. „Aber ich will kein Besatzer sein.“
Eine „emotionale Reise“ seien die Dreharbeiten in Tel Aviv für ihn gewesen. „Meine Heimat, von der Gefühlswelt her, ist Israel. Meine berufliche Heimat, mein Leben, ist Deutschland.“ Nun drehte er zum ersten Mal in seiner Muttersprache. Und als der Film fertig war, als er seine neuen Freunde zum ersten und seine altenFreunde zum zweiten Mal verließ, war plötzlich etwas anders. Als ob sich eine Tür geöffnet hätte, sagt Dror Zahavi, eine Tür, hinter der ein Leben in Israel liegt. Für einen Augenblick konnte er sich vorstellen, hindurchzugehen, für eine Millisekunde. Geblieben ist das Gefühl, dass seine zwei Leben zueinandergefunden haben.
Nun also wieder Berlin, Westberlin. Da wollte der junge Dror 1982 auf keinen Fall hin. „Für mich war die BRD das Land der Täter und die DDR das Land der Opfer.“ Dieses Bild, sagt er, habe sich allerdings recht schnell geändert: „In der DDR wurde die Vergangenheit einfach unter den Teppich gekehrt.“
An seine erste Woche erinnert er sich noch gut. Wie er seinen schweren Koffer vom Flughafen Schönefeld zur S-Bahn schleppen musste, „Taxis waren ja in der DDR selten.“ Wie er in Greifswald Deutsch lernte, im Winter, und sich über das Glas auf der Straße wunderte, das doch Eis war. Wie es ihn abtörnte, dass die Frauen unrasierte Beine hatten. Er studierte an der Filmhochschule in Potsdam, in einer Villa in der Domstraße in Babelsberg. Er reiste viel, nach Westberlin, nach Frankreich, nach Dänemark. Und es schmerzte ihn, dass er seine Kommilitonen, seine Freunde, nicht mitnehmen konnte.
Sein Diplomfilm wurde vor Beginn der Dreharbeiten verboten, er rücke die DDR in ein diktatorisches Licht, so die Begründung. Dabei ging es um einen russisch-jüdischen Dichter in Israel, „das hatte mit der DDR nichts zu tun“. Zahavi besoff sich fürchterlich. Dann ging er in den Studentenclub der Hochschule, wo alle in Aufruhr waren: Der neue Direktor sei da gewesen, sie hätten ihm von dem Verbot erzählt. Zahavi sollte zu ihm ins Büro kommen, gleich am nächsten Tag. Das machte er, gab dem Direktor das Drehbuch zu lesen. Zwei Tage später hatte er die Drehgenehmigung. Der Direktor hieß Lothar Bisky. Und Dror Zahavis Film wurde für den Studenten-Oscar nominiert.
In den 90er-Jahren drehte Zahavi für das Fernsehen. Alles Mögliche, von Verbotene Liebe über Alarm für Cobra 11 bis zu Zwei Mädels auf Mallorca. Weiß Marcel Reich-Ranicki davon, dessen Erinnerungen Zahavi verfilmt hat? Er habe nicht da-nach gefragt, sagt er und lacht. Aber beim ersten Treffen hatte er ein „Abchecken“ erwartet, gegen seine Gewohnheit zog er sogar ein Jackett an. „Doch dann fragte er mich nicht, ob ich alles von Thomas Mann gelesen habe.“ Es ging um Inhaltliches. Dror Zahavi wusste, dass er auch einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte verfilmen würde, außer seinem Vater und einem Onkel hat väterlicherseits niemand die Schoa überlebt. Und er spürte, dass ihn und Reich-Ranicki noch etwas verband: das Leben an einem Ort, der die Landschaft der Kindheit nicht ersetzen kann.
Seit über 20 Jahren lebt Dror Zahavi jetzt in Berlin. Sein Lieblingsplatz ist zwischen Ost und West: an der Spree, mit dem Rücken zum Reichstag und dem Blick Richtung Hauptbahnhof, nachmittags, wenn die Sonne untergeht. Dort findet er sie wieder, die Anziehungskraft des Wassers, die er schon in Tel Aviv immer spürte, wenn er auf die Weite des Meeres hinausschaute. Denn nur dort, sagt er, am Meer, wo es keine Entfernungen mehr gibt, kann man die Schärfe des Auges auf Unendlichkeit stellen.

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