Sprachgeschichte(n)

Schabbesschmuser und andere Gauner

Warum manche Formen der Zärtlichkeit problematisch sein können

16.02.2017 – von Christoph GutknechtChristoph Gutknecht

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Mit »Das ist doch alles Schmus!« oder »Erzähl nicht solchen Schmus!« quittieren wir das wortreiche Getue mancher Gesprächspartner. »Das ist so ein Frankfurter Schmus« ist nach Weinberg in Die Reste des Jüdischdeutschen (1969) »eine Redensart oder Anekdote, wie sie unter den Frankfurter Juden geläufig war«.

Die Rotwelschformen »schmuoß« und »schmußen« (schwatzen) wurden ins Deutsche entlehnt, denen das jiddische »schmues« (Gehörtes, Gerüchte) zugrunde liegt, das seinerseits auf das biblisch-hebräische »sch’mua« (Nachricht, Kunde, Neuigkeit) und die Pluralform »sch’muot« beziehungsweise »sch’muauss« (unnützes Geplauder, auch: Geklatsche) zurückgeht.

»Schmus« kommt auch in Dialekten und Sondersprachen vor. Karl Schmidt deutet im Aufsatz über hebräisch-jiddische und rotwelsche Ausdrücke im Eichstetterischen »Schmus und G’schmus« als »schön-süßes Gerede« und führt unter anderem den »Klugschmuser« (Besserwisser) an.

Im Basler Glossar von 1733 bezeichnete die »blatte Schmuserey« die »Diebssprache«, in Avé-Lalle mants Untersuchung über Das Deutsche Gaunertum (1862) ist der »Schmuser« ein »Gauner, welcher die Aufmerksamkeit des zu bestehlenden Ladeninhabers durch lebhafte Unterhaltung vom Diebe ablenkt«.

Verb Das Verb »schmusen«, das heute für den Austausch von Zärtlichkeiten steht, benutzte Carl Falkenberg 1816 im Versuch einer Darstellung der verschiedenen Klassen von Räubern, Dieben und Diebeshehlern noch im Sinne von »plaudern, schwätzen, reden«: »Wenn sich Diebe untereinander auffordern, Kochum zu schmusen oder zu loschen, so heißt dieses mit anderen Worten: dass sie sich untereinander in der Diebessprache unterhalten wollen.« 150 Jahre später kannte Werner Weinberg sogar das Wort »weitschmuser« für das Telefon.

Heidi Sterns Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz in den deutschen Dialekten (2000) belegt die produktive Wortbildung des Lexems. Selbst »Schmenkenkes« ist zum Beispiel als Mischung aus »Schmus« und »Menkenke« (inhaltsloses Gerede) zu werten. Das Südhessische Wörterbuch (1965) nennt »Advokatenschmus« für anwaltliches Gerede, das Bayerische Wörterbuch (1996) erwähnt den vermittelnden »Heiratsschmuser« als seit dem 17. Jahrhundert sondersprachlich belegtes Synonym für den »Schadchen«.

Im Frankfurter Wörterbuch (1971) und im Pfälzischen Wörterbuch (1987) steht »Schabbesschmus« für wortreiches Gerede, mit dem jüdische Händler ihre Ware anpreisen, um Kunden zu überreden. Für makelnde Juden (vor allem beim Viehhandel) listet das Rheinische Wörterbuch (1948–1958) den Ausdruck »Schmusjude« auf.

Nebengewinn Hängen »Schmu« (für Betrug) und »Schmus« also zusammen? Nach Siegmund A. Wolfs Wörterbuch des Rotwelschen (1985) könne man »Schmu« als ablenkendes Schmusen deuten, »welches das unbeachtete Einstreichen des kleinen Nebengewinns ermöglicht«, wofür die Form »schmousgeld« spreche. Für Meir Fraenkel (in der Zeitschrift Muttersprache, 1960) sind »Schmuh« und »Schmu« Schwundformen von »Schmuggel«.

Nach Wolf könnte auch das homonyme »schmue« (Vulva) »insofern herangezogen werden, als »Vulva« oft mit »Tasche« gleichgesetzt wird – so wie das niederdeutsche »Bifickengeld« für »kleines Geldgeschenk« als unerhebliche Bestechung: »Da niederdeutsch ›Ficke‹ = Tasche ist, kann bei ›Schmugeld‹ ein ähnlicher Gedankengang vorliegen.«

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