Chanukka

Licht in dunkler Zeit

Das Kerzenzünden stand vielerorts unter dem Eindruck des Terroranschlags in Berlin

05.01.2017

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Acht Lichter für den Frieden: In Deutschland stand das Chanukkafest ganz im Zeichen des Terroranschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz. Während einige Gemeinden Sicherheitsbedenken hatten und die Feier nach drinnen verlegten, wollten sich andere nicht einschüchtern lassen.

In Berlin kamen rund 300 Menschen auf dem Pariser Platz in stiller Anteilnahme zusammen. Hier war das Lichterfest ganz den Opfern des Terroranschlags gewidmet. Or Elyakim, dessen Mutter Dalia bei dem Anschlag am 19. Dezember ums Leben gekommen war, entzündete das Licht. Sein Vater Rami, der mit seiner Frau zu einem Kurzurlaub nach Berlin gereist war, liegt noch immer schwer verletzt im Krankenhaus. Or Elyakim ist mit seiner Schwester nach Berlin gekommen, um zu trauern und seinem Vater zur Seite zu stehen.

»Vor acht Tagen haben wir einen schlimmen Terrorabend erlebt. Es war ein Anschlag, der gegen alle Menschen gerichtet ist, die die Freiheit und die Demokratie lieben. Aber die Finsternis wird niemals über das Licht siegen«, sagte Chabad-Rabbiner Yehuda Teichtal. Angesichts der tödlichen Attacke an der Gedächtniskirche und vorheriger Ereignisse in Europa sei es von besonderer Bedeutung, »die Botschaft in die ganze Welt zu senden, dass Deutschland heute ein offenes und tolerantes Land ist«, sagte Teichtal. Am Lichterzünden nahmen neben christlichen, muslimischen und jüdischen Vertretern auch Politiker teil, darunter Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, Berlins Bürgermeisterin Ramona Pop und Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman.

»Unabhängig von unserer Religion müssen wir zeigen, dass wir Verantwortung für Frieden und Freiheit in der Welt tragen. Wir lassen uns unser Miteinander und unsere freie Art zu leben von niemandem kaputt machen«, sagte Petra Pau und wünschte allen Gemeindemitgliedern ein friedliches Chanukkafest. Das Licht der Chanukkia sei auch ein Triumph des Lebens über den Tod, ein Sieg der Demokratie über die islamistische Gewaltideologie. Viele Besucher wollten ein Zeichen gegen Terror und Hass setzen. »Jedes Jahr komme ich zum Kerzenzünden hierher«, sagte Gemeindemitglied Dagmar Otschik. Dieses Mal wollte sie auch ihr Mitgefühl mit den Opfern des Terrors ausdrücken.

köln Die Ereignisse in Berlin wirkten sich auch auf die Feier in Köln aus. So sagte die Synagogen-Gemeinde Köln das öffentliche Kerzenzünden einen Tag nach dem Berliner Anschlag ab. Ihr Sicherheitschef hatte den Kölnern dazu geraten, das Risiko hatte er nicht tragen wollen. Ursprünglich war es für Dienstagabend auf dem Theo-Burauen-Platz in der Innenstadt geplant gewesen. »So vernünftig die Entscheidung ist, so sehr blutet mir das Herz, dass solche Verbrecher unser Leben so beeinflussen können«, kommentierte Michael Rado, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde, die Absage.

Sie mag auch daran gelegen haben, dass man in Köln besonders sensibel auf Attentatsgefahr reagiert, nicht zuletzt wegen der prägenden Erfahrungen mit dem Messerattentat auf die damalige OB-Kandidatin und heutige Oberbürgermeisterin Henriette Reker sowie die Ausschreitungen am Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015.

So feierten Kölns Juden diesmal im Rahmen der Gemeinde – drinnen zwar, dafür umso ausgiebiger mit zahlreichen Veranstaltungen. Rund 180 Gemeindemitglieder kamen zum Fest in den Gemeindesaal, darunter zahlreiche Familien, die von Bettina Levy, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln, begrüßt wurden. Ein abwechslungsreiches Programm wartete auf die Besucher, die Kinder konnten basteln, tanzen, und am Ende gab es auch noch Geschenke für die Kleinen. »Eine wirklich schöne und gelungene Feier«, meinte eine Mutter, deren Kinder stolz mit ihrer Chanukkatüte, selbst gebastelten Dreideln und einer Chanukkia nach Hause marschierten. Am Abend dann gab es noch eine Chanukkaparty. Gemeinsam wurden Kerzen gezündet, es wurde gesungen und gegessen.

Vom gemeinsamen Theaterbesuch zu Noahs Kinder im Horizont Theater Köln am Dienstag zündeten die Gäste auch dort zusammen die Chanukkakerzen, aßen Sufganiot und plauderten mit der Produzentin Shulamit Jacobi und den Schauspielern. Beim Chanukkakonzert mit Kantor Binyamin Munk im Jüdischen Wohlfahrtszentrum am Mittwoch hingegen stand ganz die Musik im Vordergrund.

Am selben Tag feierten auch die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frechen gemeinsam – zum ersten Mal an diesem Ort. In der an Köln grenzenden Kleinstadt habe die Gemeinde bislang noch keine Dependance, aber etwa 70 Mitglieder, berichtet Vorstandsmitglied Rado. Er sieht diese zusätzliche Feier als »positive Entwicklung«. Der Geiger Igor Epstein begeisterte die Gäste, die es sich am koscheren Büfett schmecken ließen.

düsseldorf Ausgelassen und hip ging es auf der Chanukkafeier am ersten Tag Chanukka im Düsseldorfer Kulturzentrum ZAKK zu: mit DJ statt Kantor, koscherem Glühwein statt Kaffee und Falafel statt Hefegebäck. Der Altersdurchschnitt der Gäste lag bei unter 30. Inessa Lipskaja, Eventmanagerin der Gemeinde, blickt stolz auf einen besonderen Abend. Laut Lipskaja hat er seinem Motto »Chanukka Night of Magic, Light and Gold« alle Ehre gemacht: »Die etwa 300 Gäste kamen nicht nur aus Düsseldorf, sondern auch aus Dortmund, Köln, Essen, Krefeld – es war wunderschön«, sagte Lipskaja der Jüdischen Allgemeinen. Aus Berlin war die »Aletchko Band« angereist, die den Abend musikalisch prägte. Möglich war dies durch die Unterstützung aus dem Kulturprogramm des Zentralrats. Bis drei Uhr früh wurde auf der Chanukkaparty getanzt und gefeiert.

Ein sechs Meter hoher Leuchter stand am Mittwoch mitten auf dem Grabbeplatz in der Düsseldorfer Innenstadt und symbolisierte das jüdische Lichterfest in der Öffentlichkeit. Mehr als 100 Teilnehmer waren gekommen. In der Düsseldorfer Gemeinde war der Sicherheitsaspekt im Vorfeld zwar diskutiert worden, jedoch habe man keine höhere Gefährdungslage gesehen als sonst auch bei öffentlichen Veranstaltungen. »Gerade in diesen Zeiten war es uns wichtig, Solidarität zu zeigen und uns nicht einschüchtern zu lassen«, betonte Oded Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Die Stimmung auf dem Grabbeplatz habe er als »sehr gut« empfunden, Unsicherheit unter den Teilnehmern habe er nicht gespürt. Neben dem Oberbürgermeister der Stadt, Thomas Geisel, und Chabad-Rabbiner Chaim Barkahn sprach auch Oded Horowitz. Er appellierte an die Zuversicht der Menschen, besonders in Zeiten des Terrors und der Unsicherheit seien Hoffnung, Freude und Glück wichtig – allen Ängsten zum Trotz.

stuttgart Religionsgemeinschaften, ganz gleich, ob jüdisch, christlich oder muslimisch, müssen gemeinsam mit der Politik »den Menschen wieder mehr Ordnung geben«. Mit dieser Forderung begrüßte am Dienstagabend, dem vierten Tag Chanukka, Barbara Traub die Teilnehmer des Lichtzündens vor dem Neuen Schloss in Stuttgart. »Fast unwillkürlich fragt man sich, in welche Richtung sich unsere Welt entwickelt«, legte die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) ihre Gedanken dar. Das Ziel einer besseren Welt – im Judentum unter dem Gebot des Tikkun Olam gefasst – scheine derzeit vielen Menschen aus dem Blick geraten zu sein.

Normalerweise sei die Zeit von Chanukka und Weihnachten eine ruhige Zeit, so Traub. Doch die Ereignisse von Berlin, Ansbach, Würzburg, Nizza und Paris hätten alle zutiefst getroffen. »Die Menschen sind verunsichert, reagieren in ihren politischen Entscheidungen auf Stimmungen, Emotionen und Gefühle statt auf Fakten«, stellte Traub fest. Wie könne es sonst sein, dass in Dresden mit 525.000 Einwohnern besonders heftig gegen die sogenannte »Islamisierung des Abendlandes« demonstriert werde. »In Dresden leben gerade einmal 750 Muslime, in Stuttgart sind von insgesamt 600.000 Bewohnern 65.000 Menschen muslimischen Glaubens«, führte die Vorstandsvorsitzende der IRGW ein Zahlenbeispiel vor. Es veranschauliche das Wort des Jahres, »postfaktisch«, besonders deutlich.

IRGW Erstmals wurde 2005 in der baden-württembergischen Landeshauptstadt – später auch in Zweigstellen der IRGW in Ulm, Heilbronn und Esslingen – eine Chanukkia im öffentlichen Raum entzündet. Wie sie sich optisch fast ohne Brüche in die historische Architektur am Schlossplatz einfügt, konnte jeder sehen, der Abend für Abend an diesem Ort vorbeiflanierte. »Auch wir verstehen das Chanukkalicht hier mitten auf dem Schlossplatz im Herzen der Stadt als ein Zeichen von Religionsfreiheit und Toleranz, ja, als ein Zeichen des friedlichen Zusammenlebens«, sagte Martin Schairer am gleichen Abend. Die errungenen Werte der freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft und die Offenheit der Stadt würden »unverdrossen verteidigt«, so der Stuttgarter Bürgermeister für Sicherheit, Ordnung und Sport.

Im Jahr 2005 war der Leuchter »aus Sorge vor Vandalismus« nur für einen Tag aufgebaut worden, erinnerte er die Anwesenden. »Heute erleben wir den für die ganzen acht Tage von Chanukka fest verankerten Leuchter als einen Teil unserer Stadt, an dessen Licht sich inzwischen sehr viele Bürger wärmen wollen«, so der Bürgermeister.

frankfurt
»In dieser dunklen Zeit zählt jedes Licht. Deshalb freue ich mich, dass so viele Lichter hier zusammengekommen sind.« Mit diesen Worten begrüßte Chasan Moshe Mendelson am Sonntag die rund 500 Menschen, die sich zur traditionellen Chanukkafeier auf dem Frankfurter Opernplatz eingefunden hatten. Bereits seit 15 Jahren lädt Chabad Frankfurt alle Bürger zum öffentlichen Lichterzünden ein – samt Sufganiot, heißem Kaffee und Süßigkeiten für die Kinder.

Mitten auf dem Platz prangte die prächtige Chanukkia aus silberglänzendem Metall. Um die zwei ersten Kerzen an dem riesigen Leuchter zu entzünden, mussten die Chabad-Rabbiner Zalman Gurevitch, Moshe Mendelson und Josef Havlin mit einer hydraulischen Hebebühne in die Luft gehoben werden. Mit dabei war auch Frankfurts neue Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD). In ihrer Ansprache hob sie hervor, dass an diesem Tag das fröhliche und friedliche Frankfurt ein gemeinsames Fest feiere. »Das lassen wir uns von Attentätern nicht nehmen«, betonte Weber. Die Antwort auf den Terror dürfe nicht noch strengere Kontrolle, sondern müssten vielmehr größere Offenheit und Demokratie sein. In Frankfurt sei Platz für viele Religionen. Doch reiche es in diesen Zeiten der Bedrängnis nicht aus, sich gegenseitig anzuerkennen. »Jetzt müssen wir einander zur Seite stehen und unterstützen«, appellierte die Dezernentin.

Angst vor einem Anschlag war den vielen Menschen, die auf dem Opernplatz ausgelassen Hora tanzten, nicht anzumerken. »Wir lassen uns nicht einschüchtern«, hieß es von vielen Teilnehmern. Doch gab es auch andere Stimmen. »Als ich am Erew Chanukka in der Synagoge war, haben mich mehrere Leute eindringlich davor gewarnt, heute hierherzukommen«, erzählte ein Gemeindemitglied. Jona Gilman aus Frankfurt hingegen sagte, sie habe »nicht einen Moment überlegt«, ob sie in diesem Jahr der öffentlichen Chanukkafeier fernbleiben solle. »Solange ich lebe, lebe ich«, sagt die Frankfurterin gelassen. »Wir leben unser Leben genauso weiter wie zuvor. Ich bin religiös genug, zu glauben, dass Gott für uns vorbestimmt, wie und wann wir sterben.« Daran könne auch kein Terrorist etwas ändern.

Jérôme Lombard, Annette Kanis, Brigitte Jähnigen, Barbara Goldberg

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