Literatur

Der Chronist von Kazimierz

Mordechai Gebirtig beschrieb seine Heimat wie kaum ein anderer – der Journalist Uwe von Seltmann begab sich auf die Spuren des jiddischen Dichters

25.09.2016 – von Anett BöttgerAnett Böttger

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S’brent, undzer shtetl brent« (Es brennt, unser Schtetl brennt), stimmt man in Israel an jedem Holocaust-Gedenktag an. Auch zu Gedenkfeiern in Deutschland wird das Lied oft zitiert. Der Text stammt von Mordechai Gebirtig (1877–1942). Der Tischler aus Krakau schrieb es 1938 nach einem Pogrom in der polnischen Kleinstadt Przytyk und nahm damit geradezu apokalyptisch die Vernichtung der Juden vorweg.

Der Verfasser der jiddischen Zeilen ist den meisten Menschen unbekannt, bedauert Uwe von Seltmann. Der Journalist und Schriftsteller beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren intensiv mit Gebirtig und seinem Werk – so intensiv, dass er und seine polnische Frau Gabriela beschlossen haben, darüber in Krakau einen Film zu produzieren. Gerade »S’brent« sei mit seiner Botschaft äußerst aktuell, sagt der 52-Jährige, und er zitiert aus dem Liedtext: »Und ihr steht und gafft nur herum, eure Arme verschränkt, und ihr steht und gafft nur herum, wenn unser Städtchen brennt.«

Der aus Nordrhein-Westfalen stammende Journalist lernte Gabriela 2006 in Kazimierz kennen, dem früheren jüdischen Viertel von Krakau. Dort leben die beiden seit nunmehr zehn Jahren, nur einen Katzensprung von dem Ort entfernt, an dem Gebirtig tagsüber an Möbeln hobelte und nachts am jiddischen Lied feilte.

Uwe von Seltmann kam erstmals im Jahr 1989 in die südpolnische Metropole, um das Geburtshaus des Dichters zu suchen. Allerdings: »Niemand konnte mir das Gebäude zeigen. Niemand hatte überhaupt je von Gebirtig gehört«, erzählt er rückblickend.

Alltag
Dabei gilt der dichtende Tischler noch heute als »Chronist von Kazimierz«. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten die meisten der rund 65.000 Krakauer Juden in diesem Viertel gelebt. Von Seltmann findet, dass Gebirtigs Lieder einen tiefen Einblick in das einstige Alltagsleben dort gewähren: während der österreichischen Herrschaft (bis 1918), unter polnischer Rgierung (bis 1939) und bis zum bitteren Ende unter deutscher Besatzung.

Als Gebirtig im Oktober 1940 mit seiner Familie deportiert wurde und Kazimierz verlassen musste, verewigte er seinen Abschiedsschmerz in dem sehr berührenden Gedicht »Blayb gezunt mir, kroke«.

Bleib gesund mir, Krakau,
ich seh heut zum letzten Mal dich
und alles, was mir lieb ist,
an meiner Mutter Grab
das Herz sich ausgeweint
es ist so schwer zu gehen.

Am 4. Juni 1942 wurde der jiddische Dichter und Sänger von den Deutschen im Krakauer Ghetto erschossen. »Obwohl er gesundheitlich schwer angeschlagen war, schrieb er bis zuletzt, immer auch mit hoffnungsvollen Tönen auf eine bessere Zukunft«, sagt Uwe von Seltmann über den »Brecht von Kazimierz«, wie Gebirtig einmal genannt wurde. Rund 170 seiner Werke haben die Schoa überdauert, darunter Wiegen- und Schlaflieder, Kinder- und Liebeslieder sowie Arbeiter-, Antikriegs- und Protestsongs. Etwa 90 davon wurden schon zu Lebzeiten des Dichters veröffentlicht.

ERbe Was er hinterlassen hat, wird weltweit von namhaften Künstlern gesungen und interpretiert, beispielsweise von Sarah Gordon, Wolf Biermann, Daniel Kahn & The Painted Birds, The Klezmatics oder Karsten Troyke. Einige Prominente, die das poetische und musikalische Erbe Gebirtigs pflegen, sollen in dem geplanten Film über den Dichter und die jiddische Sprache mitwirken. Vor zwei Jahren haben von Seltmann und seine Frau begonnen, dafür Szenen an Originalschauplätzen in Kazimierz zu drehen, darunter mit dem »letzten Klezmer Galiziens«, Leopold Kozlowski-Kleinman.

Erste Eindrücke von den Aufnahmen in Krakau vermittelt eine Multimedia-Show, mit der Uwe von Seltmann seit 2015 unterwegs ist. Überschrieben ist das Programm mit dem Titel eines Gedichts von Gebirtig: »Ich hatte einen süßen Traum«. Die Filmsequenzen hat der Autor mit Melodien, Versen, Fotos, biografischen Beschreibungen und persönlichen Anmerkungen zu einer Collage zusammengefügt.

In einer Szene singt der New Yorker Kantor und Musiker Jeff Warschauer »Hulyet, hulyet, kinderlekh«. »Es war das Lied, das Gebirtig über die Grenzen Krakaus und Polens hinaus bekannt gemacht hat«, verrät von Seltmann. »Freut euch, liebe Kinder, tobt und tollt herum, versäumt keinen Augenblick, nutzt die Zeit, denn vom Frühling bis zum Winter ist es nur ein Katzensprung«, lautet eine Botschaft daraus. Die amerikanische Schauspielern Molly Picon erwarb 1921 die Aufführungsrechte und machte das Lied in ihrem Heimatland populär. 25 Dollar soll sie dafür bezahlt haben. »Es war das einzige Mal, dass Gebirtig mit seiner Kunst Geld verdienen konnte«, weiß von Seltmann.

Sein Interesse für den »jiddischen Superstar«, wie Uwe von Seltmann den Dichter nennt, kam nicht von ungefähr. Er selbst hat schon in Jugendjahren angefangen, Jiddisch zu lernen. Von Seltmann wuchs in einem christlichen Elternhaus auf. Früh wurde sein Interesse am Judentum geweckt. »Ich habe mit zwölf Jahren Exodus von Leon Uris gelesen«, erinnert er sich. Während des Theologiestudiums lernte von Seltmann Hebräisch, was ihm ermöglichte, jiddische Literatur im Original zu lesen. »Pfarrer zu werden, konnte ich mir nicht vorstellen«, räumt er ein.

Bukowina Stattdessen begann von Seltmann, als Journalist zu arbeiten. Er war unter anderem Korrespondent für den Evangelischen Pressedienst in Sachsen und vier Jahre Chefredakteur bei der Wochenzeitung »Der Sonntag« in Leipzig. Zudem veröffentlichte er acht Bücher. Reisen führten ihn nach Galizien und in die Bukowina, wo er »wunderbaren Lehrern« begegnete. Einer von ihnen ist Boris Dorfman aus Lemberg, einer der letzten jiddischen Muttersprachler in der Ukraine.

»Es war eine internationale Sprache, bis sie zusammen mit denen, die sie gesprochen hatten, von den Deutschen vernichtet wurde«, zitiert von Seltmann den ukrainischen Juden. Über Boris Dorfman hat das Paar von Seltmann schließlich seinen ersten Film gedreht. Sie gaben der Produktion den Titel A mentsh. Es ist das höchste Kompliment, das die jiddische Sprache für einen aufrichtigen, besonderen Menschen zu vergeben hat. Damit entstand zugleich der erste Teil einer Jiddisch-Trilogie, die das deutsch-polnische Paar geplant hat.

Für den zweiten Teil gehen die beiden nun den Spuren der rund 1000 Jahre alten Sprache in Krakau nach. Gemeinsam mit Muttersprachlern und Künstlern wollen sie die Magie eines der außergewöhnlichsten Stadtviertel Europas einfangen, indem sie Kazimierz mit all seinen Facetten und Widersprüchen zeigen. Uwe von Seltmann hatte den Ort bei seinem ersten Besuch noch als unwirtlich und heruntergekommen erlebt. »Doch in den späten 80er-Jahren begann die Wiederbelebung.«

Museum 2014 wurde auf private Initiative ein Museum im Wohnhaus von Mordechai Gebirtig eingerichtet. »Über viele Jahre hinweg konnte ich den unglaublichen Wandel von Kazimierz begleiten«, sagt von Seltmann. Er berichtete über das Jüdische Kulturfestival in Krakau oder über die Auswirkungen, die mit dem dort gedrehten Film Schindlers Liste für Kazimierz verbunden waren.

In diesem Viertel bekam er 1999 auch den Anstoß für die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Bei der Recherche für eine Reportage sprach von Seltmann in einer der sieben Synagogen des Viertels einen Juden aus London an. Dieser befragte schließlich ihn und wollte wissen, wann sein Großvater geboren wurde und ob dieser Nazi gewesen sei.

Die Nachforschungen führten zu äußerst schmerzlichen Erkenntnissen: Von Seltmanns Großvater Lothar war während des Zweiten Weltkrieges SS-Offizier in Krakau. Und er gehörte 1943 einem Bataillon an, das den Aufstand im Warschauer Ghetto niederschlug. In dem Buch Schweigen die Täter, reden die Enkel machte Uwe von Seltmann die Geschichte seines Großvaters öffentlich. Ein weiteres Tabu brach der Journalist, indem er sich ein paar Jahre später auf Spurensuche in der Familie seiner Frau begab. Gabrielas Großvater war von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet worden.

Offen stellte sich das Paar der Auseinandersetzung über die Geschichte ihrer zwei Familien, die auf fatale Weise verbunden sind. Uwe von Seltmann erzählt davon in dem Buch Todleben – Eine deutsch-polnische Suche nach der Vergangenheit sowie immer wieder in Vorträgen und Schülerveranstaltungen – allein oder gemeinsam mit seiner Frau.

Im Oktober reisen die Künstlerin und der freie Publizist in die USA. In New York, Boston, Pittsburgh und Louisville werden sie von ihrer besonderen Verbindung und ihren Projekten berichten. Die Zeit auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans wollen sie zugleich nutzen, um Sponsoren für ihr Gebirtig-Projekt zu gewinnen. Denn eigentlich sollte der musikalische Dokumentarfilm zu seinem 75. Todestag im Juni 2017 herauskommen. »Ich befürchte jedoch, wir werden es nicht schaffen«, gesteht von Seltmann.

Fördermittel Acht Drehtage sind bereits im Kasten, doch es fehlen noch Außenaufnahmen von Kazimierz. Außerdem mangelt es an Geld. »Wir hatten mit einer finanziellen Förderung für unser Projekt gerechnet«, sagt von Seltmann. »Doch bis auf einen kleinen Zuschuss der Stadt Krakau haben wir bisher keine öffentlichen Fördermittel erhalten.«

Es sieht so aus, als müsste das Paar alles aus Spenden finanzieren. Inzwischen gibt es eine von ihnen gegründete Stiftung mit Sitz in Krakau. »Die Zeiten in Polen unter der katholisch-nationalistischen Regierung haben sich verändert, und das betrifft auch den Kulturbereich«, bedauert der Autor, der Gründungsvorsitzender des Förderkreises Görlitzer Synagoge war. Doch er zeigt sich kämpferisch: »Ich will das nicht im Sande verlaufen lassen, nach allem, was wir investiert haben.«

Der Regisseur wird deshalb nicht müde, für das Projekt zu werben, wie vor Kurzem in Greifswald. Wenn es mit dem Film nicht klappt, will Uwe von Seltmann bis Juni wenigstens ein Buch herausbringen. »Es ist an der Zeit, den reichhaltigen Schatz zu enthüllen, der in Gebirtigs Leben und Werk steckt.«

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