TV

Friede, Freude, Fleischklops

Das deutsche Fersehen verfilmt Lily Bretts Roman »Chuzpe« – und verheddert sich in Klischees

03.09.2015 – von Jörg TaszmanJörg Taszman

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Dieter Hallervorden ist plötzlich wieder in. Wenn ihm die ARD zum 80. Geburtstag zur Primetime einen ganzen Themenabend widmet, liegt das wohl auch an den sieben Millionen Zuschauern, die »Didi« gerade in Honig im Kopf feierten. Der Kinofilm von Til Schweiger zeigte Hallervorden als einen liebevoll-meschuggenen Vater, der nach dem Tod seiner Frau unter die Fittiche seines überforderten Sohnes kommt.

Das deutsche Fernsehen legt nun mit einer ganz ähnlichen Geschichte nach. Nur spielt Dieter Hallervorden diesmal keinen an Alzheimer Erkrankten, sondern den jüdischen Witwer Edek, der vor Jahrzehnten aus Deutschland floh und seiner Tochter Ruthchen zuliebe wieder nach Berlin zurückkehrt.

facettenarm Dabei hagelt es Klischees: Der Emigrant aus dem fernen Melbourne spricht zwar fließend Deutsch, muss aber unregelmäßig »jiddeln« oder das »R« rollen. Und mit dem deutschen Satzbau tut Edek sich natürlich auch schwer. Wenn Hallervorden schlagfertig sein darf, kommt dann doch die Berliner Schnauze ziemlich akzentfrei durch.

Frei nach dem unoriginellen Motto »Je oller, umso doller« nervt Papa Edek seine Karrieretochter gewaltig. So bestellt er tonnenweise Klopapier, weil man dabei 40 Prozent spart, oder legt Internet und Stromnetz lahm, weil er versehentlich beim Surfen auf einer Pornoseite gelandet ist. Ruthchen verliert dabei schnell die Fassung und wird von Anja Kling leider facettenarm und dauerverkniffen dargestellt.

Eigentlich sollte sich Ruth ja freuen, wenn ihr Papa die dralle polnische Köchin Zofia kennenlernt. Aber sie sieht immer nur schwarz, traut ihrem Vater keine eigene Sexualität mehr zu, und als die lebensfrohe Köchin mit Edek einen Klops-Imbiss eröffnet, hält Ruth es nur für eine weitere Schnapsidee.

Romanverfilmung Chuzpe – Klops braucht der Mensch unterfordert den Zuschauer leider permanent. Dabei basiert diese Verfilmung auf dem Roman Chuzpe von Lily Brett, einer in Deutschland geborenen Jüdin, die in Australien aufwuchs und heute in den USA lebt.

In der Vorlage kommt der 87-jährige Edek von Australien nach New York. Die Handlung nach Deutschland zu verlegen, schafft unnötige dramaturgische Löcher. So versteht man nie, seit wann die so superdeutsch wirkende Tochter eigentlich in Berlin lebt und warum das Verhältnis zum Vater so eng ist. Weigerte sich der Vater doch hartnäckig, wieder deutschen Boden zu betreten, und blieb bis auf einige Abstecher nach Marseille immer im fernen Australien.

Frei nach dem Motto »Man spricht Deutsch« ist auch die Rolle der Zofia mit Franziska Troegner besetzt. Sie spielt durchaus überzeugend, wirkt aber trotz Akzent nie wie eine Polin. Es ist ärgerlich, wie sehr das deutsche Fernsehen internationalen Trends hinterherhinkt. Berlin wird als Metropole auch sprachlich immer multikultureller, aber das Fernsehen scheut nach wie vor die Mehrsprachigkeit dieser Stadt. Wer schon kulturell derart eindimensional bleibt und bei den Darstellern so auf Nummer sicher geht, riskiert auch sonst nichts. Hier wird »gute Fernsehunterhaltung« am Reißbrett konstruiert.

Am Ende muss Edek der Spannung wegen einen Kreislaufkollaps erleiden, aber bei Friede, Freude, Fleischklops ist alles wieder gut. Mit jüdischem Witz oder einer jüdisch-deutschen Note hat das Ganze nicht viel zu tun – auch wenn im Hintergrund jiddische Musik dudelt. Chuzpe ist etwas anderes.

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 15.11.2018

Ausgabe Nr. 46
vom 15.11.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
1°C
bedeckt
Frankfurt
4°C
bedeckt
Tel Aviv
21°C
wolkig
New York
5°C
wolkig
Zitat der Woche
»Mal sind es die Flüchtlinge, dann die
Islamisten, dann die Juden.«
Der Psychologe Klaus Weber in seinem Buch »Resonanzverhältnisse.
Zur Faschisierung Deutschlands« (Hamburg 2018)