Flüchtlinge

Sicher in Deutschland?

Sie wollen nur ihr Leben retten, doch hier begegnen ihnen Bürger und Politiker mit gemischten Gefühlen

20.08.2015 – von Sergey LagodinskySergey Lagodinsky

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Der Sommer 2015 scheint ein Tränen- und Gänsehautsommer zu werden. Es gibt keine richtigen und keine falschen Emotionen, doch die Grenze zwischen dem Wunsch, anderen zu helfen, und dem Streben der deutschen Öffentlichkeit, sich in eigener Ergriffenheit zu ertränken, ist äußerst dünn.

Sie bewegt sich zwischen den Beinahe-Tränen von Claus Kleber über das Flüchtlingsdrama, die anscheinend mehr Mitleid hervorriefen als die Bürgerkriegsflüchtlinge selbst, den Empörungswellen und substanzlosen politischen Vorhaltungen an die Politiker, meist ohne Sinn für die Komplexität der Lage, bis hin zum Internetkreuzfeuer, das der unglücklich ehrliche Til Schweiger abbekam.

Tränen Die politische Betroffenheits- und Hasskultur verdeckt jedoch den wahren Schauder der vergangenen Monate. Sie verdrängt die Gänsehaut, die die Drohungen und Angriffe gegen Flüchtlinge und ihre Unterkünfte in Deutschland auslösen, die Tränen, die einem beim Anblick sinkender Schiffe mit ganzen Flüchtlingsfamilien und erschöpfter Geretteter in die Augen schießen. Und eben diese Rührung stellt sich ein bei Menschen, die etwas Richtiges und etwas Wichtiges für andere tun, statt sich zu empören: Kleider sammeln, Deutsch unterrichten, Menschen beraten oder zu Hause aufnehmen. Das sind die wirklich bewegenden Emotionen dieses Sommers.

Politische Gegner zerfleischen sich über die Fragen, welche Länder zusätzlich als sicher gelten können und welche Erleichterungen die Politik im Gegenzug den Flüchtenden aus »echten« Krisenstaaten garantieren muss. Aber neben der Frage der sicheren Herkunftsstaaten bleibt die Frage unbeantwortet, ob Deutschland überhaupt ein sicherer Ankunftsstaat ist.

Wer jemals in einem Krisengebiet gelebt hat und sich darüber nicht lediglich über Arte-Dokumentationen informiert, der weiß die Lage in Deutschland 2015 sehr wohl zu schätzen. Auch eine Unterkunft mit einer Gemeinschaftsküche oder einem Bett unter einem Zeltdach kann für einen Kriegsflüchtling Erleichterung bringen. Vorausgesetzt, er und seine Kinder fühlen sich von Nachbarn willkommen geheißen und haben eine Zukunftsperspektive.

Integration
Eine Perspektive über den Sommer hinaus heißt ganz konkret: ein festes Dach über dem Kopf. Noch ist Sommer, doch schon sehr bald wird es kälter und nasser. Mittelfristig stellt sich also die Frage, wie Deutschland den fliehenden Menschen eine menschenwürdige Unterbringung und eine Integrationsperspektive bieten kann. Die zahlreichen gutgemeinten Wünsche übersetzen sich nicht immer in gutgemachte Vorschläge.

Beispiel: Der Wunsch nach einer sofortigen dezentralen Unterbringung der Fluchtfamilien berücksichtigt nicht, dass zentrale Unterbringungsstätten zumindest in der Anfangsphase des Lebens in Deutschland wichtige Funktionen erfüllen. Denn nur hier gibt es Informationen und gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Wenn Flüchtlingen soziale Kontakte fehlen, drängt sie eine dezentrale Unterbringung in die Isolation und sorgt für Informationsdefizite: Wo einkaufen? In welche Schule die Kinder schicken? Wie und wo rechtzeitig Anträge stellen? Eine Dezentralisierung kann nur dann Erfolg haben, wenn zugleich eine persönliche Betreuung der Untergebrachten gewährleistet werden kann. Doch ist das bei bis zu 750.000 zu erwartenden Flüchtlingen in diesem Jahr überhaupt realistisch?

Wir sollen Gutes tun, ohne naiv zu sein. Wir sollen helfen, ohne in unserer Ergriffenheit politische Verantwortung gegenüber den Menschen in Not zu vernachlässigen. Wir sollen helfen, ohne die Flüchtlinge selbst durch unser Streben nach Gutmenschentum zum wiederholten Mal zu dehumanisieren.

Bildung Es sind Menschen, die zu uns kommen, keine Heiligen. Auch sie lieben und hassen, arbeiten und lungern herum. Manche sind fleißig, andere faul, manche leiden, manche lügen. Manche werden in Deutschland gut ankommen und dieses Land bereichern. Viele andere aber auch nicht. Manche Kinder werden schnell Deutsch lernen und Ärzte oder Schriftsteller werden. Andere Kinder werden zu »Problemfällen« an überfüllten Schulen.

Manche werden Unternehmer, andere Kriminelle, und manche werden beides, ganz so wie viele Deutsche in unserem Land. Und ja, viele von den Ankömmlingen von heute könnten eines Tages auf deutschen Straßen gegen Israel oder gar gegen Juden marschieren. Ganz so, wie es zahlreiche Menschen mit Wurzeln im Nahen Osten oder der Türkei im vergangenen Sommer taten. Auch das gehört zur Realität.

Aber das ist zurzeit egal, denn die meisten kommen nicht nach Deutschland, um uns zu gefallen. Sie fliehen nach Deutschland, um ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Kinder zu retten. Wer diese Menschen pauschal für gute Menschen hält, hat keinen Kopf. Wer ihnen ein Recht auf Leben und auf Sicherheit absprechen will, hat kein Herz. Und ehe wir den Kopf einschalten, müssen wir beweisen, dass wir ein Herz haben.

Über Integrationsprobleme müssen wir später reden. Das steht auf einem anderen politischen Blatt – übrigens neben den Kapiteln über den politischen Umgang mit rechtsradikalen Jugendlichen in der Sächsischen Schweiz oder den deutschstämmigen Randalierern vom Alexanderplatz. Aber erst einmal schlagen wir das Kapitel eins des politischen Buches auf. Und dieses Kapitel heißt Menschlichkeit.

Der Autor ist Anwalt und Publizist in Berlin.

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