Analyse

Wie rechts ist Deutschland?

Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind in der Mitte der Gesellschaft fest verankert

16.04.2015 – von Georg M. HafnerGeorg M. Hafner

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In Tröglitz hat es gebrannt. Keine Scheune oder ein Haufen Heu, wie sonst hin und wieder auf dem Land, sondern ein Haus für Flüchtlinge. Der ausgebrannte Dachstuhl wurde zum Symbol für Ausländerhass. Wie Mölln, Rostock und Hoyerswerda in den 90er-Jahren. Aber anders als damals, als die Politik das Asylrecht auf Druck der Straße runtergeknebelt hat, gibt es heute viele wackere Bürger und Politiker, die tapfer »Jetzt erst recht!« rufen und die Worthülse »Willkommenskultur« mit Leben füllen.

Aber es hat nicht nur in Tröglitz gebrannt, sondern im vergangenen Jahr an 35 weiteren Orten im Land – in West und Ost. Tröglitz wäre deshalb vermutlich auch nur Statistik geblieben, wenn nicht kurz zuvor sein Bürgermeister wegen rechter Hetze gegen ihn zurückgetreten wäre, was dem 2000-Seelen-Dorf plötzlich eine traurige Berühmtheit beschert hat.

Die Täter sind unbekannt, man sucht sie immer noch. Die Ermittler gehen von Tür zu Tür, und sie tun gut daran. Denn die Anstifter mögen zwar Rechtsradikale sein, aber es gibt genügend Menschen, die zwar nicht zündeln, denen aber die Wirkung der Brandstiftung durchaus in den Kram passt. Sie bewegen sich unauffällig in der Mitte.

zwölfjahrestief Diese Mitte kann man beziffern. Das erledigt in großer Zuverlässigkeit alle zwei Jahre die Universität Leipzig. Sie will wissen, wie die Mitte tickt, wenn es um Fremde und Juden geht. Und die Botschaft lautet: Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus stecken in einem Zwölfjahrestief. Aber was hilft diese erste Erkenntnis einem Landrat, dem Unbekannte den Kopf abschneiden wollen? Dem Bürgermeister, dessen Familie bedroht wird? Was hilft es den Politikern, die öffentlich eingestehen müssen, dass sie für die Sicherheit der Flüchtlinge keine Garantie abgeben können?

Sieht man sich die Zahlen der Studie genauer an, so stellt man denn auch erschrocken fest, dass im Westen der Republik im Schnitt 20 Prozent der Bürger ausländerfeindlichen Aussagen zustimmen. Bei 60 Millionen Westdeutschen sind das ungeheure zwölf Millionen Bürger, denen es wurscht ist, dass alleine im vergangenen Jahr 3500 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind. In Sachsen-Anhalt sind sogar mehr als 40 Prozent fremdenfeindlich. Es sind Menschen, die nicht mit Pegida auf die Straßen ziehen, weil die ihnen zu rechts und zu schmuddelig sind, die aber wie Pegida denken.

sündenböcke Wie sähen die Zahlen erst aus, sollte das Land nicht mehr so prosperieren wie derzeit und Sündenböcke brauchen? Juden wissen besser als alle anderen, was das heißt, zumal etwa in Bayern schon jetzt jeder achte Befragte drei Aussagen zustimmt, von denen ich hoffte, sie hätten sich längst erledigt: »Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß«, »Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen« und »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns«.

Nun lässt sich die Kippa ja zur Not unter der Baseballmütze verbergen. Aber was macht einer mit dunkler Haut? Ein junger Maschinenbaustudent aus Darmstadt, schwarz und aus dem Kamerun, erzählte mir kürzlich, es vergehe kaum ein Tag, an dem er nicht in der U- oder S-Bahn kontrolliert würde. Und das im vergleichsweise entspannten Hessen. Wer dann auch »aussieht wie ein Zigeuner«, der hat noch schlechtere Karten. Jeder zweite Deutsche äußert Vorbehalte gegen Sinti und Roma, auch wenn er sie nur aus dem Fernsehen kennt. Kommt einem irgendwie bekannt vor: In Gemeinden ohne Juden grölten die Antisemiten besonders laut.

Die Zahlen aus der Mitte verstören, denn die Mitte, das sind auch wir. Wenn sich unter uns also 17,2 Prozent der Ostdeutschen und 15,2 Prozent der Westdeutschen eine neue und starke »Volksgemeinschaft« wünschen mit nur einer Partei, dann zuckt der Chronist und hofft, dass eine Ranschmeiße an die AfD und andere endlich unterbleibt.

migrationshintergrund Nun ist es andererseits ja nicht so, als wäre alle Anstrengung vergeblich gewesen. Männer und Frauen mit dem befremdlichen Stempel »Migrationshintergrund« gehören zum Alltag und bereichern ihn. Im Fernsehen, in den Zeitungen, in der Politik. Schön, aber viel zu wenig angesichts der Not um uns herum. 1000 Flüchtlinge hat allein vergangenes Wochenende die italienische Küstenwache vor dem Ertrinken gerettet. Sie haben überlebt, aber wo dürfen sie leben? Jedenfalls nicht in Ostdeutschland: 84,7 Prozent finden das Asylrecht zu großzügig. Seit Januar gab es bereits 25 Angriffe auf Unterkünfte und 22 Gewalttaten gegen Flüchtlinge. Erfasste Gewalttaten.

Nicht erfasst wird die Verzweiflung von Menschen, die alles verloren haben und nun erleben, dass ihre Ankunft den Wert der Villen in Hamburg-Harvestehude mindert. Nicht erfasst ist die Angst der Flüchtlinge vor dem Wutbürger, der sein Reihenhaus verrammelt.

»Wir rüsten auf«, verkündet stolz ein Mann in einem Dorf, das 100 Flüchtlinge zugewiesen bekommen hat, und nagelt an einem hohen Bretterzaun. Immerhin ist er gegen Brandstiftung, wie er einem Reporter der »Zeit« sagte: »Das Gebäude kann ja nichts dafür.« Fand er vermutlich auch noch komisch. Der gute Mann aus der bösen Mitte.

Der Autor ist Publizist und Filmautor. Zusammen mit Esther Schapira schrieb er »Israel ist an allem schuld« (Eichborn 2015).

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