Finale

Der Rest der Welt

Kvetch, Kvetch, Kvetch oder: Was es im Berliner Winter zu quengeln gibt

12.02.2015 – von Ayala GoldmannAyala Goldmann

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Erwarten Sie diesmal bloß keinen lustigen Text von mir. Putin auf Expansionskurs, Pegida, IS-Terror und der Berliner Winter ... alles überhaupt nicht witzig. Nicht mal die Berlinale konnte mich aufheitern. Bisher habe ich nur zwei Wettbewerbsfilme gesehen – zuerst Jafar Panahi als Taxifahrer im Kampf gegen die iranische Zensur.

Doch dieser Lichtblick wurde zunichtegemacht durch einen dementen Sherlock Holmes, der sich unter Mühen an seinen letzten Fall erinnert – eine Frau, die sich nach zwei Totgeburten vor den Zug stürzte. Total stimmungsaufhellend.

S-Bahn Den Rest des Wochenendes habe ich im Bett verbracht, im Abwehrkampf gegen Winterviren. Was mich am meisten nervt: Mein Weg zur Arbeit dauert seit dem 16. Januar eine Stunde, weil die S-Bahn den Nord-Süd-Tunnel gesperrt hat. Zweimal umsteigen, das ist gezielter Terror gegen Juden aus Berlin-Friedenau! Lesen Sie noch? Sie müssen Philosemit sein, um dieses Kvetchen zu ertragen. Bleiben Sie dran ...

Zum Glück hat unsere Redaktion keinen Livestream. Sonst könnten Sie mitverfolgen, wie ich mir wegen der Weltlage und meinetwegen die Haare raufe. Als Berufsjüdin hat man es nicht leicht. Bis zu meinem 67. Geburtstag werde ich hinter Glasscheiben sitzen, beschützt von freundlichen Wärtern, und Meldungen über wachsenden Antisemitismus schreiben. Außerhalb der jüdischen Blase werden alle denken, ich sei paranoid. Zunahme des Antisemitismus, nur weil der S-Bahn-Tunnel gesperrt ist?

Als ob sich immer alles um die Juden dreht ... Dabei dreht sich doch alles ums Geld. Warum gewinne ich nicht im Lotto? Weil ich Glück in der Liebe habe. Aber was hat man vom Glück, wenn man keine Zeit hat? Hätte ich mir doch einen Villenbesitzer aus dem Grunewald geangelt! Dann würde ich jetzt Kaffeeklatsch für andere jüdische Hausfrauen vorbereiten und je nach Laune ein paar Zeilen schreiben. Ansonsten würde ich Bilder von meinen reizenden vier Kindern auf Facebook posten.

Chance Doch realistischerweise werde ich es nicht mal auf zwei Kinder bringen – die letzte Chance habe ich in unserem Israelurlaub vermasselt. Eher zufällig, mit meinem Sohn an der Hand, besuchte ich das Grab von Schimon Bar Jochai.

Ich fiel auf, als Einzige in langen Hosen. Sofort stürzte sich eine fromme Frau auf mich: »Sind Sie jüdisch? Verheiratet? Haben Sie von den Gesetzen der Familienreinheit gehört?« Ich suchte das Weite. Später wurde mir klar, dass Frauen am Grab des Weisen um Nachwuchs beten.

Nur ich nicht, und in der Mikwe war ich auch nur ein einziges Mal. Schon klar, dass Haschem nichts für mich tut. Aber einen Hoffnungsschimmer sehe ich: Für Juden aus dem Stadtteil Friedenau wird nicht Pessach, sondern der Wonnemonat Mai die Befreiung bringen. Am 4. Mai um 1.30 Uhr sind die Bauarbeiten am Nord-Süd-Tunnel beendet, behauptet die Berliner S-Bahn. Wehe, das stimmt nicht. Dann beschwere ich mich beim Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde.

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