Wieso Weshalb Warum

Hachnasat Orchim

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

Aktualisiert am 21.01.2015, 14:43 – von Rabbiner Avraham RadbilRabbiner Avraham Radbil

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»Hachnasat Orchim« (wörtlich: Hineinführen der Gäste) ist der hebräische Begriff für Gastfreundschaft. Sie ist eine der wichtigsten Mizwot und gehört zu den Geboten, die unser Vorvater Awraham dem Judentum als Wurzel eingepflanzt hat.

Im Midrasch steht, dass Awrahams Zelt in jede Himmelsrichtung Eingänge hatte, die immer geöffnet waren, denn Awraham wartete ständig auf Gäste, um dieses wichtige Gebot zu erfüllen. Selbst unmittelbar nach seiner Beschneidung saß Awraham, trotz Schmerzen und der unerträglichen Hitze vor dem Zelt und hielt Ausschau nach Gästen. Während er wartete, sprach er mit G’tt. Doch als er Menschen in der Ferne sah, unterbrach er seine Unterhaltung mit dem Allmächtigen, um zu den Fremden zu eilen und sie einzuladen.

Daraus lernen unsere Weisen, dass es wichtiger ist, das Gebot der Hachnasat Orchim zu erfüllen, als die Schechina, die Präsenz G’ttes, zu empfangen. Denn wie kann man G’tt mehr Liebe und Respekt erweisen als dadurch, dass man Seine Geschöpfe liebt und ehrt? Nicht die Worte beweisen die Liebe, sondern die Taten.

Wallfahrtsfeste Ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig das Gebot der Hachnasat Orchim ist, zeigt sich in der Tatsache, dass jeder Mann an den drei Wallfahrtsfesten Pessach, Schawuot und Sukkot verpflichtet war, nach Jerusalem zu pilgern. In Awot deRabbi Natan 33 lesen wir, dass kein Einziger jemals behauptete, er habe in Jerusalem kein Bett finden können, oder die Stadt sei zu klein gewesen, um dort zu übernachten. So sehr waren die Einwohner Jerusalems darauf bedacht, die Mizwa von Hachnasat Orchim zu erfüllen.

Es gibt viele Menschen, die sich mit großer Hingabe an dieses Gebot halten und anderen alles, was sie besitzen, zur Verfügung stellen. So erzählt man von Jacky Levinson, der im Londoner Stadtteil Standford Hill lebte, er habe ein sehr großes Haus besessen, das er allen Gästen, die nach London kamen, öffnete. Es war wie ein kostenloses Hotel, in dem sich jeder bedienen konnte: Der Kühlschrank war immer voll, und jeder nahm sich, was er brauchte.

Eines Morgens kam Levinson zum Frühstück, und ein Mann, der nicht wusste, dass Levinson kein Gast war, fing an, sich bei ihm zu beklagen. »Der Besitzer des Hauses ist kein guter Gastgeber. Ich wohne nun schon mehrere Tage hier, und er hat mich noch nicht begrüßt.« Darauf Levinson: »Du hast gut reden. Ich wohne schon seit mehr als 20 Jahren hier und weiß immer noch nicht, wer der Besitzer des Hauses ist.«

Das Bemerkenswerte ist, dass diese Antwort nicht wirklich scherzhaft gemeint war, sondern der Mann fühlte sich tatsächlich nicht als Besitzer des Hauses, denn es gehörte den Gästen.

Schabbat So gibt es auch viele Familien, die ihr Haus am Schabbat und an Feiertagen für all jene öffnen, die sonst keine Möglichkeit haben, gemeinsam mit anderen zu essen. Auf diese Weise entstehen mitunter Tischgemeinschaften von 20 oder 30 Personen, von denen die meisten einander noch nie zuvor gesehen haben. Große Mengen von Essen werden liebevoll zubereitet und verteilt.

Es mag sein, dass Gäste sich manchmal als undankbar erweisen. Doch wie wir im Siddur lesen, gehört Hachnasat Orchim zu den Dingen, deren Früchte man nicht nur in dieser Welt genießt, sondern man baut damit auch das Fundament für die kommende Welt. Am Beispiel von Awraham haben wir gesehen, dass Gäste ein besonderer Segen für jedes Zuhause sind.

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