Cynthia Ozick

Orthodoxe Ironikerin

Mit dem Roman »Miss Nightingale in Paris« lässt sich eine in Deutschland viel zu unbekannte amerikanisch-jüdische Autorin entdecken

12.10.2014 – von Reinhard HellingReinhard Helling

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Es ist eine lebenslange Liebesgeschichte, die Cynthia Shoshana Ozick mit ihrem amerikanischen Landsmann Henry James (1843–1916) verbindet. Als 17-Jährige entdeckte sie seine Novelle Das Tier im Dschungel und erkannte sich in den Erfahrungen des Protagonisten wieder: »Das ist ja meine Geschichte.« Zum Abschluss ihres Literaturstudiums an der Ohio State University untersuchte die damals 22-Jährige 1950 dann die »Gleichnisse in den späteren Romanen von Henry James«.

Auch ihr unveröffentlichter Roman Mercy, Pity, Peace and Love (300.000 verworfene Wörter) sowie ihr – bisher nicht ins Deutsche übersetztes – Debüt The Trust (1966), an dem sie sieben Jahre lang gearbeitet hatte, standen unter dem Einfluss von James. Vor vier Jahren erschien dann Foreign Bodies, Cynthia Ozicks sechster Roman, der jetzt unter dem Titel Miss Nightingale in Paris auf Deutsch vorliegt. Die Handlung nimmt das Thema aus James’ Roman The Ambassadors (deutsch: Die Gesandten) aus dem Jahr 1903 auf. Darin reist ein Mann nach Frankreich, um den Sohn einer Bekannten, der sich in eine ältere Französin verliebt hatte, zurück nach Amerika zu bringen.

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Cynthia Ozick variiert die Konstellation der maßgeblichen Personen in ihrer Geschichte, die im heißen Sommer des Jahres 1952 einsetzt: Als Gesandte nach Paris reist bei ihr Beatrice »Bea« Nightingale, 48 Jahre alt, Lehrerin in New York, geschieden von dem Musiker Leo Coopersmith. Im Mekka freiheitsliebender amerikanische Intellektueller begibt sie sich auf die Suche nach ihrem Neffen Julian, der sich im Nachkriegs-Paris als Kellner durchschlägt.

Auftraggeber und Finanzier der Reise ist Beas dominanter Bruder Marvin, dem der Lebenswandel seines Sohnes Sorgen bereitet. Der kalifornische Selfmademan Marvin, »Enkel von Leib Nachtigall, einem armseligen Niemand aus einem armseligen Dorf in der Provinz Minsk«, ist ein ziemlicher Kotzbrocken, was Ozick natürlich viel vornehmer ausdrückt: »Marvin strebte nach Höherem.«

Angekommen in der Stadt der Liebe, erkennt Bea schnell: Julian geht es gut, er hat Kontakt zu literarischen Kreisen, veröffentlicht sogar Kleinigkeiten – und ist liiert mit Lili, einer Rumänin, die ihren Mann und Sohn im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Hals über Kopf hat Julian sie zur Frau genommen – was bei der Familie in Amerika nicht gut ankommt. Julian will nichts von seiner Tante und ihren Versuchen, ihn nach Hause zurückzuholen, wissen.

Mit eingestreuten Briefen, in denen Bea Marvin Bericht von ihrer Mission erstattet, lotet Ozick die brüchigen Banden zwischen den Familienmitgliedern auf beiden Seiten des Atlantik aus. Als Bea mit ihrer Mission scheitert, schickt Marvin seine Tochter Iris, auf der all seine Hoffnungen ruhen, als Verstärkung hinterher.

glauben Mit diesem in Ozicks typischen Stil ironischer Mehrdeutigkeit geschriebenen Roman kann man eine jüdische Autorin (wieder-)entdecken, die bei uns längst nicht das verdiente Ansehen genießt, das ihr etwa in Amerika zuteil wird. Ihre in 17 Sprachen übersetzten Romane wie Die Kannibalengalaxis (1983), Puttermesser und ihr Golem (1997) und Der Messias von Stockholm (1987) sind auf Deutsch bei Piper erschienen, aber seit Längerem vergriffen.

Zuletzt brachte der Pendo Verlag vor knapp zehn Jahren Der ferne Glanz der Welt heraus, einen Roman, der 1935 in der New Yorker Bronx angesiedelt ist und »den Chor der Anklagen gegen Hitler vervollständigt«, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb.

Die heute 86-jährige Cynthia Ozick mit ihrer markanten Brille und der Prinz-Eisenherz-Frisur ist nicht nur Romanautorin, sondern auch eine ausgezeichnete Erzählerin von Kurzgeschichten, von denen einige die Schoa thematisieren (Der Schal und Rosa) und an amerikanischen Schulen Pflichtstoff sind. Auch als Essayistin und Kritikerin genießt Ozick in den USA einen außerordentlichen Ruf, erworben durch in sieben Bänden gesammelte, oft provokative Gedanken zu Literatur und Sprache, Kunst und Klamauk, Alter- und Judentum.

Anders als bei ihren Kollegen Bernard Malamud, Saul Bellow und Philip Roth, mit denen sie oft verglichen wurde, enthält Ozicks Werk keine Distanzierung von der Religion. Sie wuchs in der rationalistischen und antimystischen Tradition des litauischen Judentums auf und versteht sich als orthodoxe Jüdin. Als ihre Tochter Rachel, eine studierte Archäologin, 1992 heiratete, zelebrierte Rabbi Philip Weinberger die Feier an der orthodoxen Anshe-Sholom- Synagoge in New Rochelle.

lesesucht Ihre entscheidende Prägung erhielt Cynthia Ozick im familiären Umfeld im fast schon ländlichen Teil der New Yorker Bronx. Dort betrieben ihre Eltern Celia und William, die nach dem Ersten Weltkrieg aus dem nordwestlichen Russland ausgewandert waren, ab 1929 einen Drugstore, auf den die Tochter in ihrem Essay A Drug Store Eden im »New Yorker« ein Loblied sang.

Das Bewusstsein für ihr Judentum gewann sie als junges Mädchen an der Schule, wo sie die einzige Jüdin war und geschnitten wurde, weil sie die traditionellen Weihnachtslieder nicht mitsingen wollte. Als ihre Großmutter sie in einem Cheder anmelden wollte, wies der Rabbi sie zunächst ab. »Ein Mädchen muss nichts lernen.« Doch genau das wollte die damals Fünfjährige. Und sie ließ vom Lernen nicht mehr ab. In ihren Studienjahren las sie auch deutsche Autoren, sie liebt Heine, Goethe und Lessing.

Und sie ist auch im Privaten eine passionierte Schreiberin. Wer einen freundlichen Leserbrief an sie adressiert, der kann sicher sein, eine Antwort zu erhalten. Von der Sucht nach Lesestoff hat sie bis heute nicht abgelassen. Gefragt nach Hobbys, antwortet Ozick: »Hobbys? Oh nein, schon die Idee ist absurd. Aber ich bin eine rastlose Leserin.«

Cynthia Ozick: »Miss Nightingale
in Paris«. Roman. Deutsch von Anna und Dietrich Leube. Graf, München 2014, 361 Seiten, 22,99 €

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