Synagoge

Ja, sie trauen sich

Potsdamer feiern auf der Straße und unterstützen eine neue Synagoge

16.10.2008 – von Olaf GlöcknerOlaf Glöckner

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von Elke Wittich

Auch wenn man sich in Potsdam nicht auskennt, ist es an diesem Sonntagmittag nicht schwer, den Schlossplatz zu finden, auf dem das Straßenfest der Jüdischen Gemeinde stattfindet. Viele Potsdamer sind unterwegs in die Richtung, aus der fröhliche jüdische Musik erklingt, und geben, nach dem Weg gefragt, nicht nur bereitwillig Auskunft, sondern erklären auch gleich, dass dies nicht etwa „ein x-beliebiges Straßenfest“ sei, sondern „was ganz Besonders, es wird nämlich bald hier eine Synagoge geben, und da wird gefeiert und gesammelt.“
Auf dem Schlossplatz haben sich mehrere hundert Besucher eingefunden. Ge- boten werden Simultanschach, eine kleine Ausstellung selbst gemalter Bilder der jüdischen Kindergruppe Körnchen, Informationen über die vielfältigen Aktivitäten der Gemeinde. Und viel zu essen. Gegen eine freiwillige Spende für den geplanten Synagogenneubau können die Besucher koschere Spezialitäten probieren. Für manch einen Potsdamer ist es die erste Begegnung mit der jüdischen Küche. Doch, doch, es schmecke gut, „bis auf diesen komischen Fisch da“, sagte eine junge Frau und deutet auf die Platte mit Gefillte Fisch, „aber darum geht es heute ja eigentlich nicht.“
Mit dem Straßenfest möchte die Gemeinde den Potsdamern einen ehrgeizigen Plan vorstellen: Eine neue Synagoge soll im Zent-rum errichtet werden. „79, nein, seit eben 80 Mitglieder hat der Bauverein Neue Synagoge“, freut sich Peter Schüler, der am Infostand des Vereins Besucherfragen zum Neubau-Projekt beantwortet. Der Rechtsanwalt, dessen Eltern 1948 aus der Emigration in die spätere DDR zurückgekehrt waren, bemüht sich auch, die vor einiger Zeit geäußerten Bedenken des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen den Neubau zu zerstreuen.
Die kleine Potsdamer Gemeinde könne das Gotteshaus aus eigener Kraft weder errichten noch unterhalten, hatte Generalsekretär Stephan J. Kramer im Januar 2007 gesagt. Kramer warf dem Land Brandenburg vor, dass die finanzielle Unterstützung durch das Land „unzureichend“ sei. Der Bauverein Neue Synagoge sammele nicht nur Spenden für die Errichtung des Gotteshauses, erklärt Schüler, nach der Fertigstellung soll eine unabhängige Stiftung für die Betriebskosten aufkommen. „Die Jüdische Gemeinde braucht einfach einen Ort, an dem sich die Leute zu Hause fühlen können, wo Feste gemeinsam gefeiert werden, und wo sich das religiöse Leben weiter entwickeln kann“, sagt Schüler, der sich selbst als „nichtreligiös“ bezeichnet.
Ein eigenes Gemeindezentrum wäre schön, sagt auch Firusa Talibor, Mitarbeiterin von Kibuz, dem Kultur-, Integrations-, und Begegnungszentrum in Potsdam. Das Angebot des Zentrums, das unter dem Dach der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWSt) angesiedelt ist, umfasst nicht nur Hilfsangebote für Zuwanderer, sondern auch eine Sonntagsschule, in der jüdische Feiertage und Traditionen erklärt werden.
Für größere Veranstaltungen nutzt Kibuz zur Zeit den Saal des ehemaligen Evangelischen Waisenhauses, ein eigenes Gemeindezentrum würde viel mehr Möglichkeiten bieten, sagt Talibor, die in Aserbaidschan als Ärztin arbeitete. „So ein Zentrum wäre ein Nukleus für die Potsdamer Juden, in allen Bereichen, denn im Judentum gibt es keine strenge Unterteilung in Kultur und Religion, alles hängt zusammen.“ Und entsprechend seien eben auch viele kulturelle Angebote wichtig, um den Zuwanderern das Judentum nahe- zubringen.
Mehr über das Judentum zu erfahren, ist aber auch für die nichtjüdischen Potsdamer, die sich an diesem Tag am Schloss- platz eingefunden haben, ein großes Anliegen. „Irgendwie sieht man Juden nur im Fernsehen“, sagt ein älteres Ehepaar, „und meistens nur dann, wenn es um die Nazizeit geht. Über das Leben der jüdischen Menschen mitten unter uns erfährt man dagegen so wenig.“ Das werde sich hoffentlich ändern, wenn die neue Syna- goge im Potsdamer Zentrum fertig sei, „es wäre schön, wenn dort dann zum Beispiel Führungen angeboten würden“.
Bis es soweit ist, schaut man gespannt der inszenierten jüdischen Hochzeit zu, die das Motto des heutigen Festes ist. Auf der Bühne heiraten zwei Paare, die im wirklichen Leben zwölf beziehungsweise 50 Jahre miteinander verheiratet sind, ein Symbol solle dies sein, „für die Hochzeit zwischen Potsdam und der Jüdischen Ge- meinde“, erklärt ein Sprecher.
Beginnen wird diese Ehe mit einem Abriss: Ein DDR-typischer Plattenbau, der auf einem Teil des Areals, auf dem die Synagoge errichtet werden soll, steht, muss zunächst beseitigt werden. Die Kosten dafür, 80.000 Euro, werden von der Stadt übernommen, bestätigte Oberbürgermeister Jann Jakobs während des Festes.
In der Zwischenzeit sollen internationale Architekten ihre Entwürfe für den Neubau einreichen, in dieser Woche be- ginnt die Ausschreibung, die von der Brandenburger Landesregierung finanziert wird. Anfang 2009 werden dann die besten 20 Entwürfe eingeladen, an der zweiten Runde teilzunehmen. Darauf freut man sich beim Bauverein ganz be- sonders, denn dann will man mit einer großen Spendenoffensive beginnen. Sponsoren und Spender wollen erfahrungsgemäß gern sehen, wofür sie ihr Geld hergeben, weiß der Vorsitzende des Synago- genbauvereins, Horst Mentrup. Und ist optimistisch, dass die fünf Millionen Euro, die der geplante Bau kosten wird, schnell zusammenkommen, wenn man Modelle und Entwürfe präsentieren kann.
Bis es soweit ist, setzt man auf pfiffiges Spendesammeln. Für 20 Euro können die Potsdamer Besucher des Festes einen symbolischen Baustein erwerben, eine viersprachige, aufwendig gestaltete Broschüre, in der auch die Geschichte der Potsdamer Juden kurz umrissen wird: Vom ersten jüdischen Hausbesitzer David Michel, der Einweihung der ersten Synagoge 1776, der zweiten größeren 1802 sowie der dritten 1903, in der bereits 154 Männer und 162 Frauen Platz fanden. Bis hin zu ihrer Schändung im November 1938 und ihrer Zerstörung durch einen englischen Bombenangriff 1945.
Am historischen Vorbild müssen sich die Architekten nicht orientieren, sagt Rabbiner Nachum Pressman, der Stil des Gebäudes sei nicht so wichtig. „Hell und bequem“ solle die neue Synagoge sein, und vor allem groß genug, denn derzeit leide man schon sehr unter dem Platzmangel. Die Laubhütte sei deswegen in diesem Jahr beispielsweise auf seinem Privatgrundstück errichtet worden.

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