München

Für Mut und Leidenschaft

Karl Freller erhält den Rabbiner-Spiro-Preis

Aktualisiert am 12.02.2014, 14:48 – von Katrin DiehlKatrin Diehl

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Er sei ein »Glücksfall für Bayern«, lobte Zentralratsvizepräsident Josef Schuster den Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller. In Anerkennung seiner Verdienste um die jüdische Gemeinschaft im Freistaat zeichnete der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern den 57-Jährigen am Montagabend mit dem Rabbiner-Spiro-Preis aus. Er ehre mit Freller einen großen Gelehrten, fügte Schuster vor rund 250 Gästen im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz hinzu.

Karl Freller gehe »konsequent seinen Weg«, betonte der Preisträger des Jahres 2009 und jetzige Laudator, Johannes Friedrich. Damit gehöre der Geehrte in die Reihe jener Christen, die erkennen, »dass das Judentum für das Christentum wichtig ist«, sagte der evangelische Theologe.

unter freunden Karl Freller selbst, der sich zwar unter »Freunden« fühlte und sich gerührt zeigte, blieb zaghaft und wies darauf hin, dass das »Menscheitsverbrechen« unter den Nationalsozialisten »singulär« war. »Aber«, so fügte er hinzu, »machen wir uns nichts vor, nur bis dato«.

Seit Ende 2007 ist Freller Direktor der »Stiftung Bayerische Gedenkstätten«. Der gelernte Journalist und Religionslehrer ist Landtagsabgeordneter und unter anderem von 1986 bis 1994 jugendpolitischer Sprecher, danach bis 1998 bildungspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion gewesen. Anschließend war Freller bis 2007 Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. In seinen Bereich fielen auch die politische Bildung und damit auch die Gedenkstätten des Freistaats Bayern.

Der Rabbiner-Spiro-Preis wurde 2007 ins Leben gerufen und an Persönlichkeiten vergeben, »die zur Aufrechterhaltung und Entwicklung jüdischer Gemeinden in Bayern beigetragen haben«. Freller habe dies nicht erst als Direktor der Stiftung getan, in dessen Funktion er auch für die KZ-Gedenkstätten in Dachau und Flossenbürg zuständig sei, sagte Staatsministerin Beate Merk (CSU).

werdegang Seit seinen beruflichen Anfängen als Religionslehrer, später dann als Staatssekretär, bis heute als Landtagsabgeordneter, bringe er ein »hohes Maß an Motivation« für eine lebendige Erinnerungskultur mit, bescheinigte Merk dem Preisträger. Sie vertrat an diesem Abend den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und nannte Freller einen »Aufbauer«, der Innovation in die Gedenkstätten gebracht habe und dem die Begegnung mit den Überlebenden viel bedeute. Sie danke ihm für »Leidenschaft und Mut«.

Ein kurzer Film, gedreht von Jugendlichen aus bayerischen Gemeinden, brachte den Zuschauern David Spiro ein wenig näher. Dieser hatte mehrere Konzentrationslager überlebt. Ein großer Teil seiner Familie war während der Schoa ermordet worden. Dennoch sei Spiro nach seiner Befreiung nach Fürth zurückgekehrt, dorthin, wo Judentum über Jahrhunderte eine große Tradition hatte, um wieder eine jüdische Gemeinde zu gründen, berichtete Schuster. Damit habe er das »Signal« gegeben: »Jüdisches Leben in Deutschland ist möglich.«

Zentralratspräsident Dieter Graumann, der zu Beginn die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, herzlich begrüßt hatte, nutzte den Abend, um von einem frischen Wind in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu künden.

Optimismus Jüdisches Leben müsse mit positiven Ideen und Gedanken und noch vielem mehr besetzt werden. Da wäre etwa die Zuwanderung zu nennen. »90 Prozent« in den Gemeinden seien »Neue«, und das präge sie. Während andere über Integration debattierten, »leben wir sie und leben sie vor«, betonte Graumann. »Unser Glück und unser Geschenk« nannte er die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. »Denn ohne sie wären wir jetzt wahrscheinlich gerade dabei, zu überlegen, wer als Letzter das Licht ausmacht ...«.

»Wir sind gemeinsam gewachsen, jetzt müssen wir gemeinsam zusammenwachsen«, forderte der Zentralratspräsident. Daraus entstehe innerhalb der Gemeinden eine neue Pluralität, »die neue Normalität«. Und dennoch gehe es darum, vor der Politik als eine Kraft aufzutreten, als der Ansprechpartner »Zentralrat der Juden«. Der werde sich auch weiterhin, wenn nötig, bemerkbar machen, so ganz komme man eben aus der »Dauermeckerecke« nicht heraus. Zu viele Themen gebe es, die verlangten, laut und deutlich angesprochen zu werden.

konflikte »Wir suchen nicht die Konflikte, die Konflikte suchen uns«, erinnerte der Zentralratspräsident. Von der neuen Bundesregierung und dem Bundestag wünsche er sich endlich ein NPD-Verbot, was spontanen Applaus im Publikum hervorrief, dazu viel Fingerspitzengefühl in der Sache Gurlitt, »die Spitze einer weitverzweigten Eisberglandschaft«. Wie Deutschland damit umgehe, werde im Ausland sehr genau beobachtet.

Obgleich die jüdische Gemeinschaft auch »hier und dort kräftige Schrammen« einzustecken habe – Graumann erinnerte damit an »die hässliche Beschneidungsdebatte«, lasse er sich nicht den positiven Ausblick verstellen. Einen »Perspektivwechsel« nannte es Graumann, »gestalten statt meckern, Vergangenheit plus viel mehr Zukunft«. Die Jugend solle von keinerlei Opfer-Gefühl mehr beherrscht werden. In die Köpfe müsse bei allen ein neues Bild vom Judentum: »hell, heiter, leuchtend. Der frische Wind ist längst zu spüren in der jüdischen Welt, aber auch im Rest der Republik.«

Die »hochkarätige« Festgesellschaft, Repräsentanten und Interessierte, Rabbiner, Männer und Frauen der großen Kirchen, Jugendliche, die den Abend mitgestaltet hatten, dankten Graumann für seine Rede mit viel Applaus im Max-Joseph-Saal. Den musikalischen Rahmen bot der Kammerchor des Regensburger Albrecht-Altdorfer-Gymnasiums, der mit ausgesuchten Stücken demonstrierte, dass jüdisches Kulturgut in allen Schulen seinen Platz finden kann. Josef Schuster bescheinigte den jungen Künstlern »wirklich gutes Hebräisch«.

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