Handel

Stadt der Steine

In Ramat Gan steht die zweitgrößte Diamantenbörse der Welt

Aktualisiert am 30.01.2014, 12:25 – von Ulrike SchleicherUlrike Schleicher

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Leibish Polnauer kommt auf dem Weg in sein Büro nur langsam voran. Der Grund sind nicht nur die dicht an dicht stehenden Menschen in der Halle, der kleine Mann mit dem Strohhut muss zudem alle paar Augenblicke lang Hände schütteln und Höflichkeiten austauschen. Er geht gerade durch den Trading Floor, das Herzstück der zweitgrößten Diamantenbörse der Welt in Ramat Gan bei Tel Aviv.

Hier in der riesigen Halle treffen sich nicht nur die rund 3000 Börsenmitglieder aus Israel, sondern oft auch Diamantenhändler aus der ganzen Welt. Sie kaufen und verkaufen geschliffene, ungeschliffene und farbige Diamanten. Polnauer ist einer davon. Er hat die »Leibish Company – Fancy Color Diamonds« vor mehr als 30 Jahren gegründet und sich einen Ruf als Experte für die seltenen farbigen Steine erarbeitet.

Sein Weg zum renommierten Diamantenhändler ist nicht der übliche, denn zunächst studierte Polnauer in den 70er-Jahren an der Filmhochschule München, bevor der gebürtige Ungar nach Israel ging und heiratete. Dort entdeckte er dann – »vielleicht aufgrund meiner Vorliebe für Visuelles«, wie er sagt – seine Leidenschaft für Diamanten. Mit rund 16 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr und 35 Mitarbeitern gehört er zu den mittelständischen Unternehmern in der Branche, seine Geschäftsräume – so wie die der anderen ansässigen Firmen – sind in einem der vier Wolkenkratzer untergebracht, die zur Börse gehören.

Kosmos Alle vier Gebäude sind miteinander verbunden und bilden einen eigenen Kosmos: Hier praktizieren Ärzte, Friseure schneiden Haare, es gibt Restaurants für jeden Geschmack, Reiseagenturen und vieles mehr. Wer nicht will, braucht die Diamantenstadt nicht zu verlassen. Den rund 15.000 Mitarbeitern ist es aus Sicherheitsgründen während der Arbeitszeit schlichtweg nicht erlaubt. »Hier hat es noch nie einen Raub oder Überfälle gegeben«, sagt Sharon Gefen, Pressesprecherin der Israel Diamond Exchange (IDE), stolz. Die Kontrollen sind penibel. Nicht nur der Pass wird verlangt, es werden auch Fingerabdrücke genommen. Ohne eine spezielle Karte, die zusammen mit einem Finger an jeder Tür gescannt wird, kommt man auch im Gebäude nicht weit.

In der Trading Hall sind in langen Reihen einfache Tische aufgestellt. Dort sitzen die Händler mit einer Lupe um den Hals, die Pinzette ist stets griffbereit, um die Steine zu begutachten. Es kommt auf Gewicht (Karat), Farbe, Schliff und Reinheit an. Die Lupen sind genormt, sodass beispielsweise in punkto Reinheit alle die gleichen Voraussetzungen haben. An vielen Tischen wird Jiddisch geredet, man sieht viele ultraorthodoxe Juden. Diese sind seit Jahrhunderten mit dem Diamantenhandel verbunden. Die Steine waren im Falle der wiederkehrenden Pogrome gut transportierbar – zur Not in einem Stück gefalteten Papier in der Hosentasche. Dieses Transportsystem hat sich bis heute erhalten. Sogar die wertvollsten Stücke sind in Papier eingewickelt – die sogenannten Briefken. Darauf ist mit Bleistift vermerkt, wie viele Steine enthalten sind sowie Karat und Farbe.

Erhalten hat sich auch die Art, einen Handel abzuschließen: »Mit Handschlag und den Worten masal ve bracha«, erklärt Robert Altman, Verkaufsmanager für den europäischen Markt bei »Brachfeld« – einer der traditionsreichsten Firmen aus Antwerpen, auch mit Sitz in Frankfurt. »Glück und Segen« heißt das übersetzt, und auch die indischen, chinesischen und russischen Händler, die heute den Weltmarkt bestimmen, bewahren dieses Stück Geschichte.

Trotz Globalisierung ist das Diamantengeschäft ein sehr persönliches, auf Vertrauen basierendes. »Mit dem Handschlag gilt das Abkommen, Wortbrüche kommen so gut wie niemals vor. Der Händler würde gegen die guten Sitten verstoßen«, sagt Altman. Und so etwas spricht sich schnell herum.

Blutdiamanten Gegen Ethik und Moral verstoßen auch die sogenannten Blutdiamanten – so werden die Steine genannt, deren Erlöse Bürgerkriege in den klassischen Abbaugebieten in Afrika finanzierten. Die Diamantenindustrie kam in Verruf und etablierte 2003 deshalb in Zusammenarbeit mit Menschrechtsgruppen den Kimberley-Prozess, eine Art Zertifizierungssystem zur Bekämpfung des illegalen Diamantenhandels. Israel war eines der ersten von insgesamt 80 Ländern, die beitraten.

Nicht in der Charta enthalten sind bislang jedoch Diamanten, die unter menschenunwürdigen Bedingungen, Ausbeutung, Missachtung der Menschenrechte und Brutalität geschürft wurden, so wie etwa in Zimbabwe. Das hat zu massiver Kritik und zum Austritt verschiedener Menschenrechtsgruppen aus dem Kimberley-Prozess geführt. Eli Izhakoff, bis vor Kurzem noch Präsident der weltweiten Dachorganisation World Diamond Council (WDC), sieht das nicht ganz so negativ. Man habe schon vieles erreicht – »nun geht es darum, die Ziele zu erweitern«, sagt er und bezieht sich damit auf die oben genannten Kriterien.

Vergänglich Als Marktplatz hat sich Israel längst behauptet, auch die heftige Krise vor zwei Jahren ist überstanden. So ist die Nachfrage in Ländern wie China und Indien gestiegen: »Hier gibt es wie in Russland eine neue wohlhabende Mittelschicht, die Luxusgüter haben will.« Immer noch anders liegt der Fall beim europäischen Markt, der aufgrund der Wirtschaftskrise als schwierig gilt. »Niemand denkt an Diamanten«, ist Altmans Erfahrung.

Und noch etwas macht den Diamantenhändlern dort zu schaffen: die Liebe. Sie schwindet, was die Branche am dramatischen Rückgang der Hochzeiten in Europa – um fast die Hälfte seit den 70er-Jahren – und dem Anstieg der Scheidungen festmacht. Eine der erfolgreichsten Werbestrategien ist deshalb zum Bumerang geworden: Vergängliche Liebe braucht keinen Diamanten.

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