Ungarn

Ghetto Elisabethstadt

Mauerreste des ehemaligen Budapester Judenviertels stehen bis heute – doch allmählich verfallen sie. Eine Ortsbegehung

15.08.2013 – von Martin FejerMartin Fejer

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Das Aktenzeichen des handgezeichneten Ghettoplans des »Ungarischen Königlichen Innenministers« Gábor Vajna lautet »8935/1944.BM«. Einen König gab es schon lange nicht mehr, Staatschef war vielmehr der oberste Pfeilkreuzler-Faschist und »Führer der Nation« Ferenc Szálasi. Während die Rote Armee bereits die Belagerung Budapests begonnen hatte und Adolf Eichmann eilig nach Berlin abgereist war, machte sich Vajna Gedanken darüber, wie man trotz alledem die »Endlösung der ungarischen Judenfrage« zum Abschluss bringen könne.

Brandwände Nach den Massentransporten des Sommers 1944 nach Auschwitz waren allein die Juden der Hauptstadt übrig geblieben. Sie sollten in einem Ghetto eingesperrt werden. Die Wahl fiel auf eine ungewöhnliche Lösung: Das traditionelle Judenviertel, die Innere Elisabethstadt, wurde nicht wie sonst aufwendig umzäunt, sondern man benutzte die hinteren Grundstücksgrenzen. Die bestanden aus Brandwänden und alten Hofmauern. Man erhöhte und verstärkte sie und versah sie mit Stacheldraht.

Nach wenigen Tagen Bauzeit wird am 10. Dezember 1944 das sogenannte Große Ghetto geschlossen. Rund 70.000 Menschen leben zusammengepfercht auf 0,3 Quadratkilometern, meist Alte, Frauen und Kinder. 50.000 arbeitsfähige Männer sind zuvor zu Schanzarbeiten an die deutsche Reichsgrenze geschickt worden, auf Todesmärsche. Im Ghetto gibt es kaum Heizmaterial und Lebensmittel, Krankheiten grassieren. Pfeilkreuzler-Trupps ermorden willkürlich Menschen in den Straßen. Nach fünf Wochen, am 18. Januar 1945, befreien einrückende Sowjettruppen das Ghetto. Der Plan der Pfeilkreuzler, es im letzten Moment zu liquidieren, wird vereitelt.

Bewahrung Reste der Ghettomauer finden sich bis heute, die Bewohner der betreffenden Häuser wissen davon. Manche Mauern stürzen ein, andere werden abgerissen und durch neue Mauern ersetzt. Seit 2008 fordert die UNESCO die genaue Dokumentation und Kartierung, vor allem aber die Bewahrung der Mauerreste. Passiert ist bis heute kaum etwas, Ungarn ist mit einer Vergangenheitsbelebung der anderen Art beschäftigt.

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