gerhard baader

»Ruhestand? Nur formal«

gerhard baader ist Medizinhistoriker und arbeitet auch mit über 80 noch an der Uni

22.10.2009 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Die Rabbinerin in meiner Gemeinde sagt immer, ich sei nur formal in den Ruhestand verabschiedet worden. Vielleicht hat sie recht. Ich bin tatsächlich nach wie vor jeden Werktag in meinem Büro an der Universität. Ich lege großen Wert darauf, vor neun Uhr am Schreibtisch zu sitzen, um mit der Arbeit beginnen zu können. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die zu erledigenden Aufgaben sogar noch mehr geworden sind. Während des Semesters gebe ich an der Charité und an der Freien Universität Berlin Seminare zur Rolle der Medizin im Nationalsozialismus. Dadurch, dass ich von Kollegen auf Kongresse eingeladen werde, reise ich auch noch ziemlich viel. Kürzlich habe ich eine Einladung nach Istanbul erhalten. Dort werde ich einen Vortrag halten, kurz darauf referiere ich in Tirol. Manche meiner Freunde sagen, ich solle mir mehr Ruhe gönnen. Aber für mich stellen die Reisen kein Problem dar. Ich bin ein leidenschaftlicher Bergwanderer und habe im Vergleich zu anderen 80-Jährigen eine ausgezeichnete Kondition.
Viele meiner Professorenkollegen empfinden die Lehre als eine nicht zu vermeidende Pflicht. Sie würden gerne nur forschen. Mir dagegen gefällt der Umgang mit jungen Menschen sehr. Es wird immer gesagt, dass die Studierenden heute wesentlich unpolitischer seien als früher. Was das Thema Nationalsozialismus betrifft, ist die heutige Generation aber nicht weniger sensibel. Die Studenten besuchen meine Lehrveranstaltungen nicht nur, um etwas über den Nationalsozialismus zu hören. Sie wollen es vor allem von mir hören. Erfahrungsgemäß wissen sie schon vor Beginn des Kurses von meiner Lebensgeschichte und sind sich bewusst, dass sowohl ein Historiker als auch ein Zeitzeuge spricht.

jugend Ich komme aus einer österreichischen Familie und bin in Wien aufgewachsen. Meine Kindheit endete 1934, als ich sechs Jahre alt war. Da wurde mein Onkel, Jude und Sozialist, von den Nazis standrechtlich gesucht. Er konnte sich 1938 gerade noch in die Schweiz retten. Von dort ist er mithilfe eines Programms der Sozialisten nach Bolivien ausgereist. Mein Vater war der nichtjüdische Teil meiner Familie, das hat mich gerettet. Noch bis 1942 besuchte ich in Wien eine reguläre Schule. In meiner Klasse war ich der einzige »Halbjude«. Dort schimpfte man mich »Judenbengel«. Das war für mich eine außerordentlich schwierige Situation. Als sogenannter Halbjude musste ich später »nur« Zwangsarbeit leisten. Anschließend war ich ein knappes Jahr im Arbeitslager; befreit wurde ich in Wien durch die Rote Armee.
Nach der Befreiung habe ich in einem Kurs, der eigens für politisch und »rassisch« Verfolgte eingerichtet worden war, Abitur gemacht. Dort waren wir unter uns und haben die Grundlagen für unsere späteren politischen Aktivitäten geschaffen. Gemeinsam mit alten für uns glaubwürdigen Genossen haben wir die Organisationen der österreichischen Sozialdemokratie wieder errichtet. Wir waren davon überzeugt, dass es möglich sein würde, eine gerechte Welt zwischen Ost und West zu schaffen. Wir wussten, dass es dabei auf uns junge Menschen ankommen würde. Dass dies unrealistisch sein könnte, kam uns damals nicht in den Sinn. Ein politisch denkender Mensch bin ich Zeit meines Lebens geblieben. Meine politische Heimat ist die Linke. Mir bereitet es große Kopfschmerzen, dass dort der Antisemitismus wächst und oftmals im Gewand des Antizionismus daherkommt.
Als Sozialist war ich während meines Studiums zweimal in Israel. Es gab durchaus die Möglichkeit, dort in einem Kibbuz zu bleiben. Ich wollte aber in Wien mein Studium beenden. Auf diese Zeit geht meine starke Bindung zum jüdischen Staat zurück. Direkt im Anschluss an meine Emeritierung habe ich über zehn Jahre in Israel gelebt und an der Hebräischen Universität Jerusalem gelehrt. Damals schloss sich für mich der Kreis.

lebenskrise Wie stark ich im Judentum verwurzelt bin und welchen Stellenwert die Religion tatsächlich für mich hat, wurde mir erst klar, als die Ehe mit meiner ersten Frau in die Brüche ging und ich infolgedessen in eine schwere Lebenskrise geriet. Damals bin ich zu Rabbiner Stein gegangen, mit der Bitte, meinen jüdischen Status wiederherzustellen. Denn was für mich anstand, war, die jüdische Linie meiner Familie wiederaufzunehmen.
Die Mutter meiner Kinder hatte ich noch in Wien während meines Studiums kennengelernt. Dass sie keine Jüdin war, war für unsere Beziehung aber nie ein Problem. Mein Sohn ist ganz bewusst den jüdischen und sozialistischen Weg gegangen. Er ist wie ich ein Achtundsechziger der ersten Stunde. Meine jüngste Tochter hat einen anderen Weg gewählt und ist eine junge, kritische Deutsche geworden. Weder ich noch ihr Bruder haben sie, im Gegensatz zu ihrer nichtjüdischen Mutter, mit jüdischen Themen überflutet, deshalb kommt ihre Entscheidung nicht von ungefähr. Trotzdem ist sie sich ihrer jüdischen Wurzeln sehr bewusst.
Der Glaube an Gott ist in meinem Elternhaus nie ein Thema gewesen. In der Familie meiner Mutter engagierten sich alle in der sozialistischen Arbeiterjugend und nicht in zionistischen Jugendbewegungen. Meine Eltern waren Gegner des katholisch geprägten politischen Klerikalismus in Österreich. Aber schon damals war ich für religiöse Dinge empfänglich. Meine jüdische Initiation erfuhr ich bei der Beerdigung meiner Großmutter, die mitten während der Deportationen noch in bürgerlicher Würde starb.
Ich bin davon überzeugt: Man kann sein Judentum in der Diaspora nicht durch ein sogenanntes Kulturjudentum ersetzen. In Israel würde bei säkularen Juden die jüdische Identität niemals zur Debatte stehen. Hier aber führt ein bewusstes jüdisches Leben nur durch das Tor der Tradition, das sich wiederum hauptsächlich in der Familie und in der Synagoge realisiert. Dies umzusetzen, bedeutet für mich jüdisch sein. Ich bin stark eingebunden in das Gemeindeleben und bin seit einem Jahr Gabbai in der Synagoge Oranienburger Straße. An dieser Gemeinde gefällt mir, dass sie egalitär ist. Dort kümmert man sich umeinander, und es finden regelmäßig Treffen statt. Es ist alles andere als eine »Schabbat-Schalom-Synagoge«, in der man sich kurz nach dem Gottesdienst mit diesen Worten verabschiedet und seiner eigenen Wege geht.

unauflöslich Meine zweite Frau hat sich dort auch immer sehr wohlgefühlt. Die Synagoge war ihr ein ungemein wichtiger Ort. Sie war wie ich gebürtige Wienerin und hat die Schoa als Kind in Belgien im Versteck überlebt. Unsere sich ähnelnden Kindheitsgeschichten waren das Band, durch das wir unauflöslich miteinander verbunden waren. Ich habe sie vor ungefähr 20 Jahren kennengelernt. Da waren wir beide etwa 60 Jahre alt. Das war genau die Zeit, wo man noch einmal ganz anders auf sich und sein Leben zurückschaut.
Im vergangenen Jahr ist sie verstorben. Ich habe sie sehr geliebt und vermisse sie. Es ist nicht allein Schmerz, der zurückbleibt, wenn eine geliebte Person stirbt. Es bleibt die Erinnerung an mehr als 20 wunderschöne und wertvolle Jahre mit ihr. Seitdem sie tot ist, habe ich in der Wohnung nichts verändert. Es war unser gemeinsamer Raum, hier fühle ich mich wohl.
Nun bin ich gezwungen, mein Leben alleine gut zu strukturieren. Einkaufen, kochen, waschen – das alles schaffe ich. Nur einmal pro Woche kommt eine Haushaltshilfe und macht die Wohnung sauber. Natürlich kann ich keine Wasserkästen mehr schleppen. Nun lasse ich sie mir bringen.
Ob ich Angst vor dem Tod habe? Als gläubiger Jude bin ich in einer glücklichen Lage: Der Tod bedeutet für mich keineswegs das Ende. Man kann nicht Jude sein und die Unsterblichkeit der Seele verneinen. Das ist die Spannung, die man auch als Wissenschaftler aushalten muss. Ich werde zuweilen gefragt, wie ich nach der Schoa noch an Gott glauben könne. Darauf antworte ich immer, dass nicht Gott, sondern der Mensch Urheber dieser Katastrophe gewesen ist. Ich bin sehr froh, dass die jüdische Tradition mir diesen Weg weist.

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