Tischa be Aw

Ende einer Zeit

Warum der Tag der Tempelzerstörung auch Anlass zu Hoffnung gibt

Aktualisiert am 11.07.2013, 11:37 – von Nils EderbergNils Ederberg

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Tischa be Aw ist der traurigste Tag des jüdischen Kalenders. Am neunten Tag des Monats Aw gedenken wir der Zerstörung des ersten wie des zweiten Tempels in Jerusalem und vieler anderer Katastrophen der jüdischen Geschichte. In der Synagoge ziehen wir die Schuhe aus, setzen uns auf den Fußboden und singen Klagelieder, die kein grausiges Detail der Verfolgung auslassen. Wir trauern, wir fasten und sollen außer einigen Texten, die von Zerstörung handeln, nicht einmal Tora lernen. Am Morgen von Tischa be Aw hüllen wir uns nicht in Tallitot und legen auch keine Tefillin. Der Aron Hakodesch erscheint nackt ohne Vorhang. Kurzum, wir sind in Trauer.

Wie kann es da sein, dass einige meiner stärksten und (ich muss das Wort benutzen) schönsten religiösen Erlebnisse mit Tischa be Aw verbunden sind? Habe ich etwas intellektuell nicht verstanden? Kann ich etwas emotional nicht nachvollziehen? Begehe ich den Tag nicht, wie es die Tradition vorgibt? Oder ist an Tischa be Aw der Trauer auch etwas anderes beigemischt? Liegt möglicherweise gerade in der Art und Weise, wie wir trauern, etwas Positives?

Betsaal Das erste Erlebnis, an das ich jedes Jahr wieder denken muss, wenn Tischa be Aw sich nähert, fand in Prag statt. Zufällig war ich einmal dort und ging Erew Tischa be Aw in die Altneuschul. Diese älteste erhaltene Synagoge Europas stammt aus dem 13. Jahrhundert und hat alles an guten und schlechten Zeiten jüdischer Geschichte erlebt.

Die Nazis haben sie nicht zerstört, denn sie planten, dort das Museum einer ausgestorbenen Rasse einzurichten. In diesem kleinen gotischen Betsaal bei Kerzenlicht auf dem Fußboden zu sitzen und die biblischen Klagelieder zu singen, wie Juden es an diesem Ort, in diesem Raum seit über 700 Jahren getan haben, war traurig, war schrecklich und zugleich beglückend.

Um jenseits persönlicher Erfahrungen beurteilen zu können, wie Tischa be Aw in der jüdischen Tradition zu verstehen ist, hilft ein Vergleich mit anderen Trauertagen und -ritualen. Der einzige andere Tag im Jahr, an dem wir volle 24 Stunden fasten, ist Jom Kippur. An Jom Kippur geht es um den Einzelnen. Wir fragen uns persönlich, was wir im letzten Jahr getan und dabei auch falsch gemacht haben. Aufgrund unseres individuellen Handelns richtet uns Gott und bestimmt unser Geschick für das nächste Jahr.

An Tischa be Aw aber steht nicht der Einzelne im Fokus, sondern das jüdische Volk als Kollektiv. Auch hier geht es um unser Handeln und seine Konsequenzen. Schließlich versteht die jüdische Tradition Tempelzerstörung und Exil als Ergebnis unserer Sünden und Verfehlungen. Was wir getan haben als Gemeinschaft, als Volk, als Staat, bestimmt unser Geschick.

Kollektiv Tischa be Aw ist kollektive Trauer. Die Trauerrituale nach dem Tod eines nahen Angehörigen sind dadurch geprägt, dass wir die Trauer intensiv beginnen und dann über eine Reihe von Stufen abnehmender Intensität wieder aus ihr herausfinden. Auf den Zustand der Schockstarre des Onen, der zwischen der Todesnachricht und der Beerdigung von allen positiven, zu erfüllenden Geboten befreit ist, folgen die sieben Tage der Trauerwoche, in denen man zu Hause bleibt. Auf die Schloschim, die 30 Tage des ersten Monats, folgt schließlich das Ende des Trauerjahres nach weiteren elf Monaten.

An Tischa be Aw ist der Rhythmus genau andersherum: Da wir, anders als beim Tod eines Angehörigen, ja von vorneherein wissen, wann der Tempel zerstört wurde, steigern wir langsam die Intensität unserer Trauer bis zum Höhepunkt an Tischa be Aw. Wir können in der Bibel nachlesen, wie erst der Belagerungsring um die Stadt geschlossen (10. Tewet), dann eine Bresche in die Stadtmauer gebrochen (17. Tamus) und schließlich an Tischa be Aw der Tempel in Brand gesteckt wurde, der bis zum 10. Aw weiterbrannte.

Während der 10. Tewet zeitlich nicht mit Tischa be Aw verbunden wird (er liegt eine Woche nach Chanukka), beginnen am 17. Tamus die drei Wochen vor Tischa be Aw, in denen man als Zeichen der Trauer nicht heiratet. Am 1. Aw wird die Trauer gesteigert, spätestens ab Anfang der Woche, in der Tischa be Aw liegt, isst man kein Fleisch mehr, bis zum 9. Aw. So finden wir vier Stufen der Intensität von Trauer, sowohl beim Tod eines Angehörigen als auch bei der Erinnerung an die Urkatastrophe des jüdischen Volkes.

Trost Diese Rhythmisierung durch den jüdischen Kalender enthält zugleich eine Wertung der Ereignisse. Auch wenn bestimmte Daten biblisch vorgegeben und andere historisch dokumentiert und so im Kalender festgelegt wurden, so sind gerade die Bräuche der Vorbereitung auf bestimmte Tage und ihren Nachklang oft späten Datums. So ist es nicht selbstverständlich, dass liturgisch auf die drei Schabbatot der Mahnung vor Tischa be Aw die sieben Schabbatot des Trostes folgen. An ihnen lesen wir Prophetentexte, die von Gottes bleibender Liebe zu Israel und von der Verheißung reden, dass es wieder gut werden wird, dass Jerusalem und der Tempel nicht ewig zerstört bleiben.

Genauso hätte es nahegelegen, diese sieben Wochen als Überleitung von kollektiver Trauer an Tischa be Aw zur individuellen Umkehr der zehn Bußtage von Rosch Haschana bis Jom Kippur zu begehen. In vier dieser sieben Wochen werden in der sephardischen Tradition ja auch Slichot, besondere Bußgebete für den Monat Elul, gesagt.

Die Gebräuche vor und an Tischa be Aw und die Auswahl besonderer Texte dienen der Konfrontation mit der Geschichte und sollen Raum für Trauer schaffen. Die musikalische Gestaltung wiederum mit der besonderen Melodik von Echa, den Klageliedern Jeremias, und den Melodien vertrauter Kinot, Klageliedern aus der jüdischen Tradition, die an viele schreckliche Ereignisse der jüdischen Geschichte erinnern, setzt in ihrer Elegik einen Kontrapunkt. Sie hat trotz des Horrors der Texte einen tröstlichen Charakter.

Kontinuität Im Kontext mit den auf Tischa be Aw folgenden sieben Schabbatot des Trostes sehen wir hier aber keinen Versuch, der Gewalt und Trauer dieses Tages auszuweichen, sondern wir folgen der grundlegenden Weichenstellung der jüdischen Geschichte. Im Gegensatz zu allen anderen Völkern der Antike, zu allen Nachbarn des alten Israel gibt es das jüdische Volk immer noch.

Mit der Eroberung des Landes und der Zerstörung des lokalen Tempels durch die Babylonier war eben nicht das Ende der jüdischen Geschichte verbunden. Die verzweifelten Überlebenden stellten im Exil fest, dass ihr Gott, der Gott Zions, der einzige, der wahre Gott ist; der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Dieser Gott wollte und will, dass die Geschichte für Israel nicht zu Ende ist. Er wollte und will, dass auf die Zerstörung des Landes, der Stadt Jerusalem und des Tempels eine Rückkehr der im Exil Zerstreuten stattfindet, die nicht nur eine Wiederherstellung des Status quo darstellt, sondern eine gute Zukunft für die ganze Welt bedeutet.

Wenn wir aus dieser Perspektive die Texte anschauen, die wir an Tischa be Aw in der Synagoge beten, so wird deutlich, dass die Klagelieder und Trauergesänge nur eine Ergänzung zu den Texten darstellen, die wir wie an jedem anderen Tag auch beten. Die besonderen Bräuche an Tischa be Aw fallen uns natürlich mehr auf als das Gewohnte. Aber die beiden Hauptabschnitte des täglichen Gebetes bleiben dieselben. In den Segenssprüchen rund um das Schma Israel loben wir Gott als den Schöpfer der ganzen Welt und als den, der Israel erwählt und gerettet hat. Im Achtzehnbittengebet beten wir um die Erlösung der Welt, indem die Exilierten nach Zion zurückkehren, Stadt und Tempel wiederaufgebaut werden und endlich Frieden herrscht.

So haben wir eine Antwort auf die Ausgangsfrage gefunden. Ja, Tischa be Aw bedeutet Trauer und enthält zugleich in seiner Musik und den ständigen Gebeten auch Trost für uns bereit. Diese messianische Zukunftsperspektive ist aber wiederum nicht ohne Probleme. Ich möchte das mit einem anderen Erlebnis am 9. Aw illustrieren.

Als ich in Jerusalem wohnte, habe ich mehrmals Tischa be Aw auf der Tayelet in Jerusalem erlebt. Südlich der Altstadt versammeln sich jedes Jahr an diesem Abend Gruppen, die alle dort beten und die biblischen und nachbiblischen Klagelieder singen. Es ist eine Demonstration des jüdischen Pluralismus, denn die Gruppen sind jung und alt, bestehen aus Frauen und Männern. Sie gehören allen Strömungen an, von der Orthodoxie bis zu Masorti und Reform. Jede Gruppe betet für sich, und doch begehen alle gemeinsam diesen Abend.

Tempelberg Während in der Prager Altneuschul die jüdische Geschichte überaus präsent ist, bleibt die Zukunftsperspektive dort eher allgemein. Anders ist das in Jerusalem auf der Tayelet, auf der man einen wunderbaren Blick auf den Tempelberg mit dem angestrahlten Felsendom hat, einer fast anderthalb tausend Jahre alten muslimischen Gebetsstätte. Wie versteht man also heute im Staat Israel die Mischung aus Trauer und messianischer Zukunftserwartung von Tischa be Aw? Angesichts der muslimischen Gebetsstätten auf dem Tempelberg ist das eine überaus reale Frage.

Für die Sicherheitsdienste Israels ist jeder Versuch, die Moscheen auf dem Tempelberg anzugreifen, ein Alptraum. Vor Jahren musste eine Gruppe religiöser Fanatiker am Versuch gehindert werden, diese muslimischen Bauten in die Luft zu sprengen. Hier stellt sich wie in einem Brennglas die Frage, welche praktischen Konsequenzen wir aus dem unseren Gebeten zugrunde liegenden Weltverständnis ziehen. Die einen sagen, dass wir die Erfüllung unserer religiösen Hoffnungen selber vorantreiben müssen. Jahrtausendelang haben wir gebetet, jetzt sollen wir handeln.

Dies ist im Grundzug die Überzeugung der Nationalreligiösen, aus denen die Siedlerbewegung entstanden ist. Die anderen sagen, dass nicht wir die messianische Zeit bringen, sondern Gott. Die jüdische Tradition während der vergangenen beiden Jahrtausende stützt eindeutig die zweite Ansicht.

Sinnloser Hass Das rabbinische Judentum ist aus der bewussten Abkehr von der Idee entstanden, selber und durch Gewaltanwendung die erhoffte Zukunft zu erlangen. Der Talmud diskutiert in Joma 9b die Gründe für die Tempelzerstörungen: »Warum wurde der erste Tempel zerstört? Wegen dreier Übel, die in ihm waren: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen … Aber warum wurde der zweite Tempel zerstört, als man doch Tora lernte, die Gebote erfüllte und Wohltätigkeit übte? Weil zu der Zeit, als der zweite Tempel stand, sinnloser Hass (sinat chinam) herrschte. Dies lehrt dich, dass sinnloser Hass so schwer wiegt wie Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen zusammen.«

Wir können daraus lernen, dass die Verletzung der elementaren Gebote des Menschseins genauso in die Katastrophe führen kann wie selbstgerechter religiöser Fanatismus. Tischa be Aw lehrt uns, die Konsequenzen unseres Handelns als Gemeinschaft zu bedenken, so wie Jom Kippur uns die Folgen unseres Handelns als Einzelne vor Augen führt.

Der Autor ist Judaist und studiert am Rabbinerseminar des Abraham Geiger Kollegs.

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