Libanon

Beiruts Beter

Noch 200 Juden leben im Zedernstaat. Die Zukunft für jüdisches Leben ist ungewiss

11.04.2013 – von Benjamin MoscoviciBenjamin Moscovici

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Mesdemoiselles Finkelstein, Professeures de Piano« verkündet die weiße Schrift auf einem rostigen Metallschild. Vier Schwestern waren es einst. Alle unverheiratet, daher steht hier »Mesdemoiselles« und nicht »Mesdames«. Nur noch Eleonore, die Jüngste von ihnen, lebt. Doch auch sie ist vom hohen Alter schwer gebeugt. Gerade erst hat sie ihre letzte Schwester im kleinen Kreis beerdigt.

Nur fünf Bekannte waren gekommen. Dennoch ist der Friedhof im Ostteil Beiruts damit noch der lebendigste Ort der jüdischen Gemeinde im Libanon. Nur hier kommen hin und wieder ein paar Juden zusammen, um gemeinsam von einem der wenigen Verbliebenen Abschied zu nehmen.

Einer von denen, die Mademoiselle Finkelstein die letzte Ehre erwiesen haben, ist Isaac Arazi, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Beirut. Er schätzt die Zahl der Juden im gesamten Libanon auf rund 200. Doch der Kontakt unter ihnen ist fast abgebrochen. Da es weder einen Rabbiner noch eine funktionierende Synagoge im Libanon gibt, beten die meisten Juden getrennt in ihren Häusern.

klavierunterricht Auch Eleonore Finkelstein, eine der letzten libanesischen Jüdinnen, lebt heute einsam und zurückgezogen. Ihre sorgfältig eingerichtete Wohnung in der Innenstadt wirkt nun weit und leer. Man sieht noch das Zimmer, in dem sie ihre Schwester bis zum Tod gepflegt hat. Früher lebten hier alle vier Schwestern gemeinsam, gaben Unterricht, und Schüler gingen ein und aus. Doch das Klavier und die Stimmen sind verstummt. Die ganze Wohnung, mit ihren Ölbildern, den Porzellanvasen und eleganten Einladungen zu Schülerkonzerten, scheint eine Erinnerung an ein glücklicheres Leben zu sein.

Während der Trauerzeit hat Eleonore trotz ihrer Gebrechen lange auf dem Boden gesessen, um ihrer Schwester und vergangener Zeiten zu gedenken. Ihre Erinnerungen sind fast das Einzige, was von der jüdischen Gemeinde im Libanon bleibt. Eine Gemeinde, die eigentlich gar nicht mehr existiere, wie Isaac Arazi leise gesteht. »Ich kümmere mich nur um ein paar Formalitäten«, erklärt er und fügt melancholisch hinzu: »Ein lebendiges Gemeindeleben gibt es bei uns schon lange nicht mehr.«

wahlen Obwohl Arazi sich immer bemüht, die Gemeinde aus allen politischen Angelegenheiten herauszuhalten, ist das Judentum momentan sehr präsent in den libanesischen Medien. Im Rahmen einer Verfassungsdebatte haben viele Intellektuelle öffentlich überlegt, zum Judentum zu konvertieren. Denn im Libanon dürfen nur Juden unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit wählen.

Sunniten müssen Sunniten, Schiiten Schiiten und Christen Christen wählen. Daher ist im Libanon das Judentum die ideale Religion für Atheisten. Ohne Rabbiner bleiben solche Überlegungen zwar nur ein Gedankenspiel, doch es zeigt die Offenheit weiter Kreise in der libanesischen Gesellschaft.

Anders als in vielen anderen arabischen Staaten war der jüdischen Gemeinde im Libanon lange Zeit ein bescheidenes, aber sicheres Leben beschieden. Selbst nach der Gründung Israels und dem folgenden Unabhängigkeitskrieg galt Beirut als sicherer Hafen für die Juden, die zu Tausenden aus anderen arabischen Ländern kamen, wo Pogrome und Judenhass mit dem Kampf gegen den »zionistischen Feind« einhergingen.

Südlibanon Auch in den folgenden Jahren lebten Juden im Libanon weitgehend unbehelligt, auch wenn immer mehr von ihnen auszuwandern begannen. Selbst während des 15 Jahre andauernden Bürgerkriegs hätten Juden keinesfalls mehr Probleme gehabt als alle anderen Libanesen, schreibt Kirsten Schulze 2001 in ihrem Buch über die Juden im Libanon. Erst 1982, mit der israelischen Operation »Frieden für Galiläa«, sei die Lage dramatisch schlechter geworden. Damals besetzte Israel den Südlibanon und die Hauptstadt Beirut. Der erste Gang der Eroberer führte in die einzige damals noch funktionierende Synagoge Magen Abraham.

Arazi erinnert sich noch an diesen historischen Wendepunkt für seine kleine Gemeinde. Denn für sie endete mit der israelischen Befreiung die Zeit des leisen Friedens. »Noch im selben Jahr wurde die Synagoge in Brand gesetzt«, erzählt Arazi mit einem traurigen Lächeln. Ja, es habe auch Hoffnungen auf Frieden gegeben, aber die hätten sich sehr schnell zerschlagen. Er selbst hatte ein Foto, das israelische Soldaten in der Synagoge zeigt, erzählt Arazi. »Aber das habe ich schon vor langer Zeit verbrannt.«

Obwohl Israel seine Truppen stückchenweise zurückzog, dauerte die Besatzung insgesamt drei Jahre. Im letzten Jahr der Besatzung entführte die der Hisbollah nahestehende »Organisation der Unterdrückten der Erde« innerhalb von nur drei Tagen vier der führenden Köpfe der Gemeinde, um so den Abzug der israelischen Truppen zu erzwingen. Zehn weitere Geiselnahmen folgten, bis die Armee sich zur Grenze zurückzog, wo sie noch bis zum Jahr 2000 eine »Sicherheitszone« besetzt hielt. Die meisten der Geiseln wurden getötet.

grosser krieg Für Eleonore ist das der »große Krieg«. 15 Jahre der Angst. Verloren zwischen den Fronten. Unbewaffnet in einem Bürgerkrieg, der nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 120.000 Menschen das Leben kostete. Der Zweite Weltkrieg und die Schoa spielen für sie nur eine theoretische Rolle. Der »große Krieg« hingegen prägt ihr Leben bis heute. Seit fast vier Jahrzehnten war Eleonore nicht mehr im muslimischen Westteil der Stadt.

Bassem El-Hout ist der Anwalt der Gemeinde. Er kann das ängstliche Verhalten von Eleonore und Isaac kaum nachvollziehen. Für ihn sind Juden ein ganz normaler Bestandteil des Libanon – wenn auch ein winziger. »Die Juden brauchen keine Angst zu haben. Sie können sich völlig frei bewegen.« Er selbst ist Muslim, und die jüdische Gemeinde zu vertreten, stört ihn nicht im Geringsten. Für ihn sind die Gemeindemitglieder zu Freunden geworden. Er erkundigt sich aufrichtig interessiert nach Eleonore, während er den Totenschein ihrer Schwester zu den anderen nötigen Dokumenten heftet.

Und er ist sichtlich erleichtert zu hören, dass Eleonore nun endlich einen Generator hat. Seit Jahren schon fällt der Strom im gesamten Libanon für drei Stunden am Tag aus. Die meisten Haushalte haben daher ihre eigenen Generatoren, die Finkelsteins hingegen saßen bislang jedesmal im Dunkeln. Auf dem eleganten Holztisch in El-Houts Büro steht ein kleiner Pappaufsteller.

Werbung für die Jamaa al-Islamiya, den libanesischen Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft. Er sei schließlich auch deren Anwalt, erklärt er lachend. »Ein Problem ist das nicht«, meint er und behauptet: »Die Bruderschaft hat der Gemeinde schon häufig geholfen.« Unter anderem bei der Renovierung der Synagoge. »Gar nicht so besonders«, findet er. Schließlich hat sogar die Hisbollah den Wiederaufbau der Synagoge ausdrücklich begrüßt.

zukunftsmusik Die Synagoge Magen Abraham liegt im Herzen von Beirut hinter einer hohen Mauer. Nur wenige Meter vom Grand Serail entfernt, dem Sitz des libanesischen Premierministers. Wie Hunderte böser Augen wachen die leeren Fensterhöhlen des Murr Tower, dem höchsten Gebäude der Stadt, über der Synagoge. Von dort aus hielten Scharfschützen während des Bürgerkriegs die Stadt unter Kontrolle. Die Kämpfe um dieses strategisch wichtige Gebiet auf der Grenze zwischen dem muslimisch dominierten West- und dem christlich dominierten Ostteil der Stadt haben die Synagoge und die umliegenden Häuser stark mitgenommen.

Bis auf die Synagoge wurden alle Häuser im ehemaligen jüdischen Viertel abgerissen und als Luxusimmobilien wiederaufgebaut. Inzwischen sorgt Arazi auch für die Restaurierung der einst nahezu vollständig zerstörten Synagoge. Durch das verschlossene Gittertor in der Mauer kann man auf den Innenhof mit seinen Palmen sehen, über den drei Türbögen steht in hebräischer Schrift »Beit Haknesset – Magen Abraham«.

synagoge Hier hat Isaac Arazi vor fast 60 Jahren seine Barmizwa gefeiert. Doch daran will er sich heute nicht mehr erinnern. Er will nicht an die vielen Juden denken, die seine Aufnahme in die Gemeinde feierten, nicht an seinen Vater, nicht an die christlichen Freunde, die gekommen waren. Monsieur Arazi spricht nicht viel über die Vergangenheit. Obwohl er bereits Anfang 70 ist, spielt sein Leben in der Zukunft. Die Zukunft ist seine große Aufgabe. Über die spricht er gerne. »Spätestens diesen Sommer werden wir die Synagoge fertig renoviert haben«, ist er sich sicher.

Gottesdienste werden dennoch nicht automatisch stattfinden. Ein Rabbiner fehlt. Doch auch in dem Punkt ist Arazi zuversichtlich: »Am Anfang müssen wir einen Rabbi einfliegen. Aus Zypern, Tunesien oder Frankreich vielleicht. Nur für die wirklich großen Feste. Falls jemand heiratet oder es eine Barmizwa gibt.« Noch fehlen für diese Vision zwar die nötigen jungen Menschen, aber Arazi gibt sich hoffnungsvoll: »Irgendwann wird es hier wieder ein ganz normales Gemeindeleben geben.« Doch er ist Realist genug, um mit einem Anflug traurigen Humors zu bemerken: »Und wenn nicht – ja, wenn nicht, dann haben wir nur ein bisschen Geld verloren. Weiter nichts.« Er ist sich auch bewusst, dass er selbst wohl nicht mehr Zeuge seines Erfolges oder Misserfolges sein wird. Doch allein der Versuch ist ihm die viele Mühe wert.

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