Darmstadt

Ein Koffer voller Geschichten

Aus einem Schauraum für Judaica hat die Gemeinde ein interaktives Museum gestaltet

07.02.2013 – von Marc MandelMarc Mandel

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Einige der Schoa-Überlebenden, die aus Vernichtungs- und Konzentrationslagern befreit worden waren, halfen 1945, die Jüdische Gemeinde Darmstadt wiederaufzubauen. Unter ihnen Alexander Haas und Josef Fränkel. Schwer lungenkrank, war ihm und seiner Frau Johanna die Einreise in die USA verwehrt worden.

An diese Zeit des Aufbaus erinnerte die 87-jährige Johanna Fränkel, als sie am Sonntag die Besucher des neuen Museums in Darmstadt begrüßte. Ihre Tochter Ritula Fränkel, eine international erfolgreiche Installationskünstlerin, hat das Museum eingerichtet.

Erinnerungsstücke Nach dem Krieg waren im Darmstädter Schloss kostbare Dokumente und Kultgegenstände gefunden worden. Sie bildeten den Grundstock eines Schauraumes, der 1991 in der ersten Etage des Gemeindehauses eingerichtet wurde. Immer mehr Erinnerungsstücke tauchten auf und wurden in die Gemeinde gebracht. Aber Anforderungen an einen Erinnerungsraum haben sich verändert. Heute wünscht man sich einen Lernort, insbesondere für junge Besucher.

Mehr als zwei Jahre brauchte Ritula Fränkel, um ihre Ideen für das neue Museum umzusetzen. Der Historiker Thomas Lange, der die Künstlerin beriet, fragte etwa, wie man jüdische Geschichte vermitteln kann, ohne sie nur als Vorgeschichte des Holocaust zu verstehen. Eine Herausforderung, 500 Jahre jüdische Geschichte Darmstadts in einem einzigen Raum darzustellen. So empfängt den Besucher am Durchgang die plakatgroße Reproduktion einer spätmittelalterlichen Haggada.

In der Landesbibliothek Darmstadt wird ein besonders kostbares Exemplar mit vielen bunten Bildern aus dem Jahr 1430 aufbewahrt. Die jüdische Gemeinde besitzt eine faksimilierte Kopie der Pracht-Handschrift. Von den abgebildeten jüdischen Frauen in mittelalterlicher Tracht sieht man erstaunlich viele lesen, einige diskutieren offenbar. Erst durch die starke Vergrößerung werden viele Details sichtbar.

Kinder im Ghetto Im Hauptraum des Museums fällt der Blick als Erstes auf eine große Leinwand. »Wo sind die Kinder?«, fragt ein Zwischentitel. Ein Projektor wirft Fotos von Kindern in Ghettos an die Wand: Kinder, die nach 1933 nicht mehr in die gewohnte Schule gehen durften; Kinder, die den gelben Stern trugen; Kinder, die in Lagern verschwanden oder an denen medizinische Experimente vorgenommen wurden. Hier erhalten die Verschwundenen noch einmal Namen.

In diesem Museum darf alles angefasst werden, was nicht durch Glas geschützt ist. Öffnet man beispielsweise eine der vielen Türen des »Geheimnis-Schranks« kann man wertvolle Kultgegenstände betrachten. Anfassen kann man auch einen Mantel, ein gewöhnlicher Trenchcoat – doch auf der linken Seite wurde in Brusthöhe ein gelber Stern angenäht. Dreht man sich um, öffnen sich die handbemalten Türen eines Tora-Schranks. Er befand sich im ersten Bethaus, das die Darmstädter Juden nach dem Holocaust in der Osannstraße einrichteten. Wie alle Provisorien hielt es besonders lang – nämlich 40 Jahre.

Ein Überseekoffer ist weit aufgeklappt und enthält Dinge des Alltags: Ein Ricohflex-Fotoapparat, Spielzeug, eine Dose Hautcreme – und wieder »Judensterne«. Öffnet man eine Schublade darunter, erzählt eine Stimme die Geschichte einer Darmstädter Familie. Gleichzeitig finden sich hier Fotos und Dokumente aus dem Familien-Archiv. Den meisten Angehörigen der hier genannten Meyers, Neus oder Löwengardts gelang die Flucht in die Freiheit.

In jeder Schublade »wohnt« eine andere Familie. Eine gehört Marie Trier, die in Darmstadt einen vielbeachteten literarischen Salon betrieb, in dem Dichter wie Stefan George regelmäßig zu Gast waren. Doch nur ihr Mann und ihr Sohn konnten nach England fliehen. Marie Trier kam wie ihre Tochter in einem Vernichtungslager um.

Zielgruppen »Ein Museum jüdischer Geschichte ist in Deutschland kein beliebiges Museum«, sagt Thomas Lange, »es muss dem Besucher helfen, Schwellen zu überwinden.« Deshalb will es nicht diejenigen ansprechen, die ohnehin ein reflektiertes Verhältnis zum Judentum und zur Nazi-Vergangenheit haben. Es soll besonders für junge Menschen attraktiv sein, die mittels Karten eine Art »Rallye« durch die Ausstellung unternehmen können.

In edlen Glasvitrinen lagern Exponate aus der ehemaligen Liberalen Synagoge. Ausgestellt ist auch eine Torarolle mit Brandspuren. Sie wurde in der Osannstraße entdeckt und war offensichtlich in letzter Sekunde aus einer brennenden Synagoge gerettet worden. Aufgeschlagen war das 2. Buch Mose (22,6): »Wenn Feuer ausbricht, und Dornen ergreift, und ein Garbenhaufe, oder Getreide, oder ein Feld verzehrt wird; so soll’s der erstatten, der den Brand angesteckt hat.«

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