50 Jahre Elysée-Vertrag

Kleiner Grenzverkehr

Wie deutsche und französische Gemeinden zusammenarbeiten

24.01.2013 – von Iris HartlIris Hartl und Elke WittichElke Wittich

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Nur eineinhalb Stunden Autofahrt trennen Saarbrücken von Straßburg. Um also schnell mal in das Nachbarland Frankreich zu reisen – nicht nur wegen der vielen guten Restaurants, sondern auch, um der jüdischen Gemeinde einen kurzen Besuch abzustatten –, bedarf es also keines großen Aufwands. 50 Jahre nach dem Elysée-Vertrag, der die deutsch-französische Freundschaft besiegelte, ist das Verhältnis zu Frankreich sehr eng. Sowieso sei es von jeher ein Besonderes gewesen, erzählt Richard Bermann, Vorsitzender der Synagogengemeinde Saar.

Als 1946 die jüdische Gemeinde in Saarbrücken neu gegründet wurde, gehörte das Saarland noch zu Frankreich. »Wir jüdischen Kinder gingen damals auf das französische Gymnasium, weil unsere Eltern nicht wollten, dass wir von Nazi-Lehrern unterrichtet wurden«, erinnert sich Bermann. Nach dem Abitur zog es viele zum Studium ins Nachbarland, »das war schon sehr schmerzlich für die Gemeinde, denn es führte zu einem Ausbluten, weil natürlich die meisten nicht zurückkehrten, sondern in Frankreich arbeiteten und Familien gründeten«.

Nachbarn Als 1956 die politische und 1958 die wirtschaftliche Rückgliederung in Kraft trat, wanderten weitere jüdische Familien ins benachbarte Straßburg aus, weil man sich so kurz nach dem Ende der Nazizeit nicht vorstellen konnte, wieder in Deutschland zu leben. »Später kam dann das Problem dazu, dass die pflegebedürftige Eltern von ihren Kindern nach Frankreich geholt wurden und nicht ins Heim der Gemeinde gingen – das war dann der zweite Aderlass«, sagt Richard Bermann.

Die Kontakte zu den jüdischen Gemeinden in Frankreich blieben sehr gut, man half sich gegenseitig, wo man nur konnte. Weil die Saarbücker im Keller des Gemeindehauses keine eigene Mikwe bauen können – die Synagoge liegt in einem von Hochwasser gefährdeten Gebiet – fuhr man eben mit der Straßenbahn ins benachbarte Sarreguemines (Saargemünd), »wir haben jahrelang einen Obulus für die Nutzung bezahlt«, berichtet Bermann. Bis heute kommt ein Mohel aus Straßburg, um die saarländischen jüdischen Jungen zu beschneiden.

Und der Religionsunterricht wird von einer in Straßburg lebenden schweizerischen Jüdin erteilt, die zweimal in der Woche nach Saarbrücken fährt. »Zu insgesamt sieben französischen Gemeinden im Dreieck Saarland, Frankreich, Luxemburg sowie der in Forbach haben wir noch enge Kontakte«, freut sich Bermann, viele haben jedoch mit großen Problemen zu kämpfen: »Die Jungen sind weggezogen, nach Paris, Lyon, Bordeaux, die Friedhöfe werden nicht mehr gepflegt, weil niemand mehr da ist, einige Gemeinden haben schon keinen Minjan mehr, und man kommt zum Gottesdienst zu uns.«

In Saarbrücken sind die Mitgliederzahlen durch die Zuwanderung seit Beginn der 90er-Jahre dagegen stark gestiegen, 98 Prozent der Gemeindeangehörigen stammen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die meisten sprechen allerdings kein Französisch, »gemeinsame Veranstaltungen, wie sie früher die WIZO-Gruppen gemacht haben, sind nun nicht mehr möglich«, bedauert der Vorsitzende. Und auch Besuche bei der großen jüdischen Gemeinde in Straßburg, zu deren Mitgliedern viele Alteingesessene noch private Freundschaften pflegen, sind aufgrund der Sprachbarriere nicht mehr nachhaltig.

Pläne Immerhin hat man Pläne: »Wir gründen gerade einen eigenen Koscher-Laden, der zwei-, dreimal die Woche geöffnet haben wird und ein Anreiz für alle sein soll, die bisher nicht koscher gelebt haben, weil sie nicht nach Metz oder Straßburg fahren können.«

Ein Vorhaben, an dem Bermann viel gelegen hätte, weil damit ein Grundstein für zukünftige gute Beziehungen zwischen den Gemeinden gelegt werden könnte, bleibt wohl allerdings ein Traum: »Wir hätten so gern ein Projekt gemacht, in dem die jüdische Jugend beider Länder zusammengeführt wird. Aber da haben sowohl die Franzosen als auch wir ein Problem: »Sobald die jungen Menschen ihren Schulabschluss gemacht haben, gehen sie weg in die großen Metropolen und kommen nicht wieder.«

Auch im Nachbarland spielt die Sprache hierbei eine große Rolle. Gerade im Elsass können viele Deutsch. Dort pflegt die mit über 2000 Mitgliedern größte jüdische Gemeinde Straßburg auch die meisten Beziehungen zu deutschen Städten und Gemeinden. Gérard Dreyfus, der Vizepräsident des israelitischen Zentrums von Straßburg und Verantwortlicher des niederrheinischen Konsistoriums, berichtet, dass die Zusammenkünfte meist kultureller und religiöser Natur sind und hauptsächlich mit kleinen Gemeinden oder jüdisch-christlichen Gruppen unweit der Grenze stattfinden. Dazu gehören etwa Emmendingen, Ettenheim oder Baden-Baden. Zu Städten, in denen es keine jüdische Gemeinschaft gibt, wie zum Beispiel Kehl, unterhält die Straßburger Gemeinde offizielle Beziehungen zu den Stadtverwaltung.

Schulklassen »Die Begegnungen sind sehr vielfältig, das geht von Konferenzen über Exkursionen bis hin zu kulturellen Veranstaltungen. Vor allem der Chor der Großen Synagoge tritt regelmäßig in Deutschland auf«, erzählt Dreyfus. Für dieses Jahr haben wir bereits mehrere Einladungen erhalten, wie etwa für die Teilnahme an einem Kulturfestival in Stuttgart. Außerdem treffen wir uns natürlich mit religiösen und politischen Verantwortlichen in großen Städten wie Berlin, München, Frankfurt oder Mannheim.« Straßburg spielt auch bei der Sensibilisierung von Schülern eine wichtige Rolle. Das ganze Jahr über kommen Schulklassen, um das Gemeindezentrum zu besuchen, wo auch Treffen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Jugendlichen im Mittelpunkt stehen.

Ganz anders sieht es dagegen in Mulhouse aus. Dort haben die rund 1000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde, laut ihrem Vorsitzenden Patrick Hirschhorn, keinerlei Kontakt zu deutschen Nachbargemeinden. »Vor ein paar Jahren wollten wir zur Gedenkfeier an die Pogromnacht nach Berlin fahren, mussten aber in letzter Minute aufgrund von Renovierungsarbeiten am Gemeindezentrum absagen. Ansonsten haben wir es einmal mit Basel versucht, doch das hat auch nicht wirklich geklappt«, bedauert Hirschhorn. »Ich denke, das liegt an der Sprachbarriere. Deshalb beschränken sich unsere Kontakte vor allem auf Gemeinden wie Nancy oder Colmar.«

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