Zoo

Eine Million für Israels Tiere

Werner Cohn fordert Entschädigung für jüdische Aktionäre

03.11.2011 – von André AnchueloAndré Anchuelo

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Auf den Zoologischen Garten in Berlin ist Werner Cohn schlecht zu sprechen. Wenn er auf den Tierpark im Stadtzentrum angesprochen wird, gerät der ältere Herr spürbar in Rage. »Die haben mich beklaut, da werde ich nie wieder hingehen.« In seiner Kindheit besuchte er regelmäßig den Zoo, denn Cohns Vater war Inhaber einer Zoo-Aktie, und die Familie hatte deshalb freien Eintritt.

Der gebürtiger Berliner und Jude musste im Spätsommer 1938 mit seinen Eltern und seiner Schwester aus Nazi-Deutschland nach New York flüchten. Die Biografie des 85-Jährigen ist in ihrer Einzigartigkeit typisch für viele deutsch-jüdische Exilanten. Nur zwei Jahre nach der Ankunft in der neuen Heimat musste Cohn das traurigste Kapitel seiner Exilgeschichte erleben: Sein Vater James Cohn, ein Arzt, kam mit den Schwierigkeiten des Neuanfangs nicht zurecht.

In Deutschland ein angesehener Dermatologe, der im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz dekoriert worden war, sollte er in den Vereinigten Staaten neue Prüfungen ablegen, seine deutsche Facharztausbildung wurde nicht anerkannt. Doch es gab eine unüberwindbar scheinende Hürde – Cohns Vater sprach kaum Englisch. 1940 nahm er sich aus Verzweiflung das Leben.

Freier Eintritt Schon vor der Emigration musste sich Werner Cohns Vater von seiner Zoo-Aktie trennen, die er Mitte der 20er-Jahre erworben hatte. Sie berechtigte die ganze Familie zu freiem Eintritt im Berliner Zoo. Dieses Recht nutzten Werner Cohn und seine Schwester Hilda besonders zum Besuch der Tiergehege, ihr Lieblingstier war der Seelöwe Roland. Der Zoo war damals für viele gut situierte Berliner Juden ein Zentrum sozialen Lebens.

Mehr als ein Drittel der 4.000 Zoo-Aktien sollen jüdische Besitzer gehabt haben. Die Anteilsscheine sind Liebhaberstücke, werden selten frei gehandelt und haben heute einen Wert von mehreren Tausend Euro.

Über 40 Jahre lang hat Werner Cohn versucht, herauszufinden, was mit der Aktie seines Vaters passiert ist. Fragen konnte er ihn ja nicht mehr. Doch erst vor gut zehn Jahren kam Bewegung in die Sache. Als Cohn im April 2000 den Brief eines Rechtsanwaltes erhielt, der ihm im Auftrag des Zoos mitteilte, es habe niemals Enteignungen jüdischer Aktionäre gegeben, beim Verkauf der Aktie seines Vaters seien weder »Druck noch Zwang noch Nötigung« ausgeübt worden, platzte dem freundlichen Mann der Kragen.

Cohn startete eine Pressekampagne, schaltete Anzeigen, stellte über das Internet Nachforschungen an. Dutzende Betroffene meldeten sich, historische Forschungen ergaben, dass ab 1938 Juden der Zutritt zum Zoo verweigert wurde. Die NS-Gesetze verboten darüber hinaus den weiteren Besitz von Wertpapieren, viele mussten ihre Aktien weit unter Wert verkaufen, der Zoo verdiente dabei kräftig mit.

Gedenktafel Inzwischen hat sich der Zoo zu seiner moralischen Mitverantwortung bekannt. Vor gut vier Monaten wurde am Antilopenhaus eine Gedenktafel angebracht. Auf ihr würdigt der Berliner Zoo die »Unterstützung seiner jüdischen Aktionäre«, durch die sich die Einrichtung »zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt« entwickelt habe. Weiter heißt es auf der Tafel: »Während der NS-Herrschaft wurden sie diskriminiert, verfolgt, entrechtet und enteignet. Sie waren gezwungen, auch ihre Zoo-Aktien zu veräußern.

Als Juden blieb ihnen der Zutritt zum Zoologischen Garten Berlin verwehrt.« Die Tafel schließt mit den Worten: »In Trauer und zur steten Mahnung.« Doch nach Werner Cohns Empfinden ist das alles ein bisschen zu wenig und sehr verspätet. »Für die Tafel haben sie zehn Jahre gebraucht, aber mehr als 50 Jahre brauchten sie, um überhaupt anzuerkennen, dass ein Problem existiert.« Letzten Endes sei eine kleine Gedenkplakette nach allem, was passiert ist, fast schon eine Beleidigung.

Tatsächlich gibt es auf der Webseite des Zoos bis heute keine ausführliche Darstellung des unrühmlichen NS-Kapitels in der Zoo-Historie. Der Zweite Weltkrieg wird lediglich kurz unter dem Motto »Zerstörung und Tiersterben« abgehandelt. Die Frage nach finanzieller Entschädigung ist bis heute offen. Rechtliche Restitutionsansprüche bestehen vermutlich nicht mehr. Werner Cohn würde sich eine symbolische Wiedergutmachung von einer Million Euro an den israelischen Safari-Zoo in Ramat Gan bei Tel Aviv wünschen. Den findet er »wunderschön«.

Neugierde Bei alledem darf man sich Cohn keineswegs als verbitterten alten Mann vorstellen. Er ist noch immer neugierig auf die Welt und vielseitig interessiert. Während des Gesprächs gerät er immer wieder ins Fachsimpeln mit dem Fotografen – Cohn interessieren die Vorteile digitaler Kameras. Schon seit Jahren betreibt er eine eigene Webseite, auf der auch Briefwechsel und Presseartikel zum Umgang des Berliner Zoos mit »seinen Juden« dokumentiert sind.

Als junger Mann im New York der 40er-Jahre wird Cohn Trotzkist. Doch schon während seiner Studienjahre am New Yorker City College und der New School for Social Research bricht er mit dem Kommunismus. Als Linker bezeichnet sich Cohn noch heute – im humanistischen Sinne. Barack Obama mag er, die Kampagnen der Republikaner gegen den amtierenden US-Präsidenten lehnt er ab. Cohn steht »hundertprozentig« zu Israel – und ist stolz, am letzten Kongress der größten amerikanischen Pro-Israel-Organisation AIPAC teilgenommen zu haben. Bekannte Antizionisten wie Noam Chomsky, Israel Shahak und Edward Said kritisert er scharf.

Nach seiner Promotion erhält Cohn einen Ruf als Soziologieprofessor nach Vancouver. Mitte der 60er-Jahre verbringt er mit seiner Familie ein Sabbatjahr in Frankreich. Es ist das Land, in dem Cohns Frau Rita aufwuchs, bevor ihre Familie am 7. Dezember 1941, dem Tag des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor, nach Kuba emigrieren konnte. 1944 gelang es der polnischstämmigen jüdischen Familie schließlich, ebenfalls in die USA einzuwandern – Rita und Werner lernen sich später auf dem College kennen.

Autor Während des Jahrs in Frankreich trifft Werner Cohn auf sogenannte Zigeuner und beginnt, sich für deren Traditionen zu interessieren. 1973 erscheint seine viel beachtete Studie The Gypsies (Die Zigeuner). Weniger erfolgreich ist Cohns 2005 veröffentlichte autobiografische Novelle Early Companions (Frühe Weggefährten). »Das Buch ist untergegangen«, bedauert Cohn.

Nach Deutschland reist er nach dem Krieg mehrfach. Die vielen neuen Gebäude, die Cohn heute in Berlin sieht, gefallen ihm. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel findet er sympathisch. Vielleicht liegt es daran, dass ihn die Geschichte der DDR fasziniert. Wie die Stasi die Bürger bespitzelt hat. Wie die jüdischen Gemeinden unter der Knute des Staates standen.

Das Gespräch endet. Werner Cohn möchte seiner Frau die Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen zeigen. Die hat er schon bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin besucht. Die Folterkeller der Stasi zu sehen, das habe seine Leben verändert. Was aus der Aktie seines Vaters wurde, ist noch immer nicht geklärt. Sie hat eine Nummer: »1114«.

www.wernercohn.com

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