Ausstellung

Geschichte, bewusst

Das neue Militärmuseum in Dresden will ab Herbst auch an den Holocaust erinnern

14.04.2011 – von Martin KraussMartin Krauss

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Hier entsteht ein großes Museum. Aber nicht jeder ist hier erwünscht. »Nazis sollen sich bei uns nicht wohlfühlen«, sagt Matthias Rogg, Oberstleutnant der Bundeswehr und Chef des Militärhistorischen Museums in Dresden. Und dessen wissenschaftlicher Leiter, der Historiker Gorch Pieken, ist sich sicher: »Wir werden nicht mehr der Anlaufpunkt für die NPD und solche Gruppen sein!« Bislang, so Pieken, kamen die Kameraden nach ihren Aufmärschen gerne in die alte Ausstellung, »quasi zur Entspannung«.

Da war das Haus in der Dresdner Albertstadt noch ein klassisches Militärmuseum: Panzer, Uniformen, Wimpel und bestenfalls mal ein Essbesteck. Was Pieken und Rogg so optimistisch macht, dass sie bei der Eröffnung Ende 2011 auf ihrer riesigen Ausstellungsfläche von 10.000 Quadratmetern keine Nazis und Militaria-Fans mehr vorfinden werden, ist das neue Konzept, das sie vehement verteidigen. »Wir sind kein Sinnstiftungsmuseum«, erklärt der 49-jährige Pieken, »wir sind ein Denkstiftungsmuseum«. Diesen Anspruch sieht man schon von außen. In das alte Gebäude wurde nach Vorstellungen des amerikanischen Architekten Daniel Libeskind eine Art Keil getrieben: ein Vergrößerungsanbau, der durch das alte Gebäude geht, mit den für Libeskind typischen schiefen Wänden.

ambivalenz Pieken ist kein Soldat. Sein Pferdeschwanz beweist, dass er nicht militärisch erscheinen will. »Wenn Sie bei uns zum Haupteingang reinkommen, werden Sie kein Flugzeug und keinen Panzer finden«, sagt er. »Stattdessen ist da die Installation ›Love and Hate‹ eines schottischen Künstlers zu sehen.« Liebe und Hass als die Leitbegriffe, mit denen Pieken Gewalt erklärt. »Natürlich ist das ein Museum des Hasses«, sagt er heftig und fügt sanft hinzu: »Aber auch der Liebe.«

1990 übernahm die Bundeswehr das Armeemuseum der DDR. Davor fand sich hier das Heeresmuseum der Wehrmacht, zuvor das Sächsische Armeemuseum, und 1877 war es als Arsenalgebäude der sächsischen Armee eröffnet worden, wo auch Beutewaffen ausgestellt wurden. Das Haus steht für 134 Jahre Militärmuseum. Für Generationen Dresdner Schüler war das Museum ein Grauen: Jahr für Jahr wurden sie hier durchgeführt und mussten sich NVA-Uniformen anschauen.

Doch jetzt haben Pieken, Rogg und ihre 80 Mitarbeiter, davon nur 20 Soldaten, Neues vor, Großes. Alles Alte ist ausgeräumt, es ist eine einzige Baustelle, und was die künftigen Besucher erwartet, ist etwas, das es sonst in keinem Militärmuseum der Welt gibt, sagt Pieken. Der zentrale Begriff des neuen Museums lautet Ambivalenz. Pieken will immer zwei Blicke auf ein Ereignis zulassen, will immer, dass die Perspektive der Opfer militärischer Gewalt berücksichtigt wird.

überleben Beispiel Dresden, die Stadt, die jedes Jahr im Februar an die Bombardierung durch die Alliierten im Jahr 1945 gedenkt. »Selbstverständlich erzählen wir auch die Geschichte von Menschen wie Henny Brenner«, sagt Pieken. Die Dresdner Jüdin war für den 13. Februar 1945 zur Deportation in ein KZ vorgesehen. Das Bombardement der Stadt, das viele Menschen das Leben kostete, sicherte Henny Brenner das Überleben. Pieken glaubt, dass das Museum auch zu einem Dresdner Erinnerungsort werden könnte – »mehr noch als die Frauenkirche«.

Rogg nennt ein anderes Beispiel, um die Konzeption des Museums zu erläutern: die V2, die »Vergeltungswaffe 2«, mit der die Nazis England auslöschen wollten. »Bei uns wird eine V2 zu sehen sein, aber dazu auch ein Objekt, das wir gefunden haben: die Puppenstube eines englischen Mädchens aus dem Zweiten Weltkrieg.« Das Kind hatte sein Spielzeughaus »kriegsfest« gemacht: verdunkelte Fenster, davor kleine Sandsäckchen – es zeigt die Angst der Opfer. »Und wenn wir von der V2 reden, müssen wir auch von Mittelbau Dora reden, dem KZ, in dem sie zusammengebaut wurde«, sagt Rogg. Ohne den Holocaust in den Mittelpunkt zu rücken, davon sind Pieken und Rogg überzeugt, kann der Zweite Weltkrieg in einem Museum unmöglich erzählt werden. Das ist der Unterschied zu allen bisherigen Darstellungsformen.

mündigkeit Woran das liegt, glaubt Rogg zu wissen: »Die Bundeswehr ist anders als alle anderen deutschen Armeen.« Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte könne seine Museumskonzeption gar nicht anders aussehen. Es gebe zwar Kritik, räumt Rogg ein, »aber wir machen ja nichts anderes, als das Konzept der Inneren Führung umzusetzen«.

Diese Konzeption der Streitkräfte, die mit Begriffen wie »Staatsbürger in Uniform« oder »mündiger Soldat« umschrieben wird, hat in Rogg einen überzeugten Anhänger. »Bei aller Kritik und allen Widerständen, die es ja gibt«, sagt er mit Blick auf Skandale, die in der Bundeswehrgeschichte zu verzeichnen waren, »wichtig sind die Selbstreinigungskräfte der Bundeswehr. Und die funktionieren.« Dann erzählt Rogg mit sichtlichem Spaß, dass am Rande der Kommandeurstagung der Bundeswehr im vergangenen November einige Generale anerkennend sagten: »Wir hätten nicht gedacht, dass ihr so frech seid.«

Ob das Militärhistorische Museum Dresden, wenn es voraussichtlich im November 2011 eröffnet wird, wirklich gut angenommen wird, weiß derzeit niemand. Rogg sagt: »Ich will nicht, dass jemand sagt, er gehe gern hierhin.« Da widerspricht Pieken: »Doch, ich will, dass die Leute gerne kommen. Man kann sich ja auch gerne mit sehr ernsten und schwierigen Themen beschäftigen.«

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