Jüdische Allgemeine | 08.03.2018 | Stefan Braun | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/30996

Geschichte

Epochenschwelle zur Moderne

Die Märzrevolution von 1848 brachte die Juden der rechtlichen Gleichstellung näher – mobilisierte aber auch antisemitische Ressentiments

Am 13. März 1848 berichtete die Leipziger »Allgemeine Zeitung des Judenthums« erstmals über »die großen Veränderungen«, die sich »urplötzlich« in Europa abspielten. Ihre Berichterstattung fängt bereits die ganze Widersprüchlichkeit ein, die diese Revolution auszeichnen wird: Aus dem Odenwald wurde über antijüdische Ausschreitungen berichtet, und gleichzeitig strahlten die Berichte über eine Vielzahl von Volksversammlungen, in denen die Gleichstellung der Religionen gefordert wurde, den Optimismus aus, dass die Revolution auch die rechtliche Emanzipation bringen würde.

Der Deutsche Bund war eine Gesellschaft im Übergang, teilweise noch ständischen Strukturen verhaftet, befand sich ihre Industrialisierung doch noch in den Kinderschuhen. Seit den 1840er-Jahren hatte sich die Situation im Bund zu einer komplexen Krise zugespitzt. Politisch gewannen Gegner der herrschenden Monarchien an Bedeutung. Turner- und Gesangsvereine, wichtige Träger des deutschen Nationalismus, erlebten einen Aufwind und organisierten Nationalfeste. Liberale, Demokraten und Frühsozialisten verlangten politische Reformen und die Ausweitung gesellschaftlicher Partizipationsrechte.

Des Weiteren waren die 1840er-Jahre von einer tiefgreifenden sozioökonomischen Krise geprägt. Die Krise vorindustrieller Gewerbe, Missernten und das immense Bevölkerungswachstum lösten in diesem Jahrzehnt immer wieder Hungerproteste und Unruhen im Deutschen Bund aus. Allein 1847 ereigneten sich im nichthabsburgischen Teil des Deutschen Bundes mehr als 210 Hungerunruhen.

Volksversammlung Begonnen hatten die revolutionären Umbrüche in Frankreich: Nach der Nachricht vom Sturz des »Bürgerkönigs« Louis-Philippe am 24. Februar 1848 und der Ausrufung der Zweiten Republik in Frankreich entluden sich die gesellschaftlichen Krisen auch in anderen Teilen Europas – etwa im Deutschen Bund – in Revolutionen.

Nach ersten Nachrichten aus Paris beriefen der Demokrat Gustav Struve und andere Oppositionelle am 27. Februar eine Volksversammlung in Mannheim ein. Hunderte Teilnehmer stimmten vier zentralen Forderungen zu: Volksbewaffnung, Pressefreiheit, Einführung von Schwurgerichten und die Einrichtung eines deutschen Parlaments. In den nächsten Tagen griff die revolutionäre Stimmung auf ganz Deutschland über, und in allen Teilen des Bundes wurden an der Mannheimer Volksversammlung orientierte »Märzforderungen« aufgestellt.

Diese überwiegend vom Bürgertum gestützte »Institutionen-Revolution« sollte vor allem zwei Ziele erreichen: die Ausweitung der Bürgerrechte und die Schaffung eines geeinten Deutschlands. Die Bauern interessierten sich wenig für diese Fragen, sondern stritten erfolgreich im März und April 1848 gegen Überbleibsel der alten Feudalordnung.

Nation Spätestens nach den Barrikadenkämpfen am 13. März in Wien und in Berlin am 18. März, in denen es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Aufständischen und dem Militär kam, schien die Revolution gesiegt zu haben. Überrascht und in Sorge, die revolutionäre Stimmung einzuhegen, beriefen die Landesfürsten liberale »Märzministerien«, die den Wünschen nach Reform entgegenkommen sollten. Bereits am 18. Mai trat in der Frankfurter Paulskirche eine verfassungsgebende Nationalversammlung zusammen.

In bis dahin ungekannter Reichweite rückten 1848 die drei Problemkreise moderner deutscher Geschichte – die nationale Frage, die soziale Frage und die Reichweite bürgerlicher Rechte – ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen.

Der Historiker Rüdiger Hachtmann begreift die Revolution an der »Epochenschwelle zur Moderne«. Insbesondere am Beispiel der Geschichte der Juden in der Revolution lässt sich dies aufzeigen: Einerseits bedeutete die Revolution einen nachhaltigen Emanzipationsschub, und andererseits war die 1848er-Revolution eine Hochphase antijüdischer Unruhen.

agrarunruhen Die Agrarunruhen im März/April 1848 gingen häufig mit antijüdischen Exzessen einher. Oftmals griffen die Bauern noch auf traditionelle antijudaistische Stereotype wie das des »Kornjuden« zurück. Andere formulierten eine antijüdische Kapitalismuskritik und bedienten sich dabei schon wichtiger Argumente eines modernen Antisemitismus.

Vor allem zeichnete sich die Revolution aber durch einen sichtbaren Emanzipationsschub aus. Gleichheit der Religionen schien für die bürgerlichen Revolutionäre eine selbstverständliche Forderung gewesen zu sein. Erstmals konnten Juden auf bisher ungekannte Weise politisch partizipieren. Allen voran der Streiter für die jüdische Emanzipation, Gabriel Riesser, der als Vizepräsident in der Frankfurter Nationalversammlung wirkte. Dort setzte er sich in einer viel beachteten Rede im August 1848 für die rechtliche Gleichstellung der Juden ein.

Grundrechte Zwar verabschiedete die Nationalversammlung noch im Dezember eine Grundrechtecharta und im März 1849 eine Verfassung, doch die Reaktion befand sich seit dem Sommer 1848 wieder im Aufwind. Die Macht übernahmen wieder die Monarchen, und in der anschließenden Restaurationszeit wurden Errungenschaften wie das allgemeine Männerwahlrecht wieder aufgehoben. Die nationale Frage und die Verfassungsfrage ließen sich nicht gleichzeitig beantworten.

Auch die rechtliche Emanzipation der Juden wurde wieder teilweise begrenzt. Zum Beispiel knüpfte die Regierung im Kurfürstentum Hessen bürgerliche Rechte wieder an ein Bekenntnis zum Christentum.

Wird nicht die Frage nach Erfolg und Scheitern der Revolution von 1848 ins Zentrum gestellt, deutet die Revolution vor allem auf die künftigen Auseinandersetzungen in der bürgerlichen Gesellschaft hin. Erst 1870/71 schien die deutsche Frage durch die Schaffung des Kaiserreiches gelöst. Ebenfalls wurde nun schließlich die formelle Emanzipation der Juden abgeschlossen. Gerade durch die offenen Konfliktlagen wurde die Revolution schnell zur Chiffre erinnerungspolitischer Kämpfe: Wenig verwunderlich, deuteten Vordenker des Antisemitismus wie Wilhelm Marr das Jahr 1848 als Beginn des »Krieges« »der Juden« gegen »die Deutschen«.

Andererseits verteidigten Demokraten und Sozialdemokraten den »Geist von 1848«. Die Märzrevolution bedeutete den Umbruch zur bürgerlichen Gesellschaft und war gleichzeitig Indikator für kommende Konflikte.