Jüdische Allgemeine | 15.02.2018 | Tobias Müller | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/30839

Amsterdam

Von wegen Normalität

Nach den jüngsten antisemitischen Vorfällen zweifeln manche am guten Willen der Behörden

Angst?« Sami Baron schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt er entschlossen, als hätte man ihm eine absurde Frage gestellt. Mit Nachdruck fügt er hinzu: »Angst habe ich wirklich nicht.« Er blickt durch die Fensterscheiben seines Restaurants im Süden Amsterdams auf die belebte Straße – die Scheiben, über die vor einigen Wochen im ganzen Land berichtet wurde, als ein Mann sie eines Mittags vor den Augen von Passanten und zwei Polizisten mit einem Knüppel einschlug.

Ein syrischer Palästinenser war es, der gegen Israels Po­litik protestieren wollte und wohl auch ge­gen die Ankündigung Donald Trumps, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen.

spucken Längst sind die Scheiben mit dem Schriftzug »Glatt Kosher Restaurant HaCarmel« repariert. Sami Baron, der israelische Eigentümer, ist geradezu demons­trativ gelassen. »Ich wusste, dass es eines Tages passieren würde«, sagt er. Was wohl daran liegt, dass er sich an einiges gewöhnt hat, seit er vor 18 Jahren sein Restaurant eröffnete.

»Fast jedes Wochenende spuckt mir jemand gegen die Scheiben. Manche hupen auch im Vorbeifahren und zeigen ihren Mittelfinger. Ich denke mir manchmal: Wenn ihr Mut habt, kommt doch rein und sagt mir, was los ist!«

angriff Nicht alle reagieren so abgeklärt wie Baron. Nachdem Videobilder des Angriffs im Internet erschienen, empörten sich mehrere Leser jüdischer Websites da­rüber, dass die beiden Polizisten den Täter eine halbe Minute gewähren ließen, bevor sie ihn festnahmen. »Ich und viele andere waren darüber sehr beunruhigt«, sagt Esther Voet, die Chefredakteurin der jüdischen Wochenzeitung Nieuw Israëlitisch Weekblad (NIW). Inzwischen weiß sie, dass die Polizisten sich erst vergewisserten, dass der Angreifer keinen Bombengürtel trug. So zumindest steht es im Ermittlungsprotokoll.

Noch immer aber erschreckt sie ein anderer Gedanke: »Am Vortag war der Besitzer zur Tatzeit noch mit seiner Tochter im Restaurant. Es ist purer Zufall, dass der Laden zu diesem Zeitpunkt leer war. Nicht auszudenken, wären sie zufällig auch beim Angriff dort gewesen.« Doch auch so, warnt sie, hinterlässt der Vorfall tiefe Spuren. »Natürlich sorgt so etwas für Unruhe. Als Jude ist man bald vogelfrei, für jeden Verrückten, der das israelisch-palästinensische Problem in sich trägt.«

Was die Journalistin indes am meisten ärgert, ist das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Die will den Täter nur wegen Verwüstung und Einbruch verfolgen, nicht aber wegen Terrorismus. »Ich finde es schockierend, dass sie nicht sehen, dass es ein politischer und antisemitischer Akt war. Der Täter hatte keine Ahnung, wie der Res­taurantbesitzer zu Israel oder Netanjahu steht. Er hat ihn bewusst ausgewählt, weil er Jude ist.« Beim Verhör gab der 29-jährige Palästinenser an, er habe nicht aus antisemitischen Motiven gehandelt. Sein Anwalt sagte wenig später, die Tat habe sich gegen die israelische Regierung und nicht gegen das Judentum gerichtet.

Dass die Staatsanwaltschaft dieser Argumentation folgt, empfindet auch Sami Baron als Zumutung. »Selbst die Regierung will nicht sehen, dass es durchaus Terror in diesem Land gibt.« Was ihm Mut macht, sind die vielen Solidaritätsbekundungen aus der Stadt. »Ich bekam mehr als 60 Blumensträuße und mindestens 200 Karten«, sagt er und zieht eine Tüte mit Umschlägen unter dem Tresen hervor. In etwa sechs Wochen soll die psychologische Untersuchung des Täters abgeschlossen sein und ein Urteil folgen. »Dann werde ich sehen, wie ich mich für all die Unterstützung bedanken kann.«

In der Zwischenzeit will sich Baron um eine Kameraüberwachung seines Restaurants kümmern – nicht zuletzt, weil er keinen Monat nach dem Angriff eine neue unliebsame Überraschung erlebte: Anfang Januar fand er die reparierten Scheiben nach dem Schabbat mit Mayonnaise beschmiert vor. »An dieser Seite war alles voll«, sagt er und zeigt auf die betreffende Stelle.

steine Verglichen mit den anderen Vorfällen bei jüdischen Einrichtungen in der Hauptstadt war die Schmiererei harmlos. Im Haus der ultraorthodoxen Chabad-Bewegung im Zentrum Amsterdams wurde in der Neujahrsnacht ein Fenster mit einem Stein eingeworfen. Nach einem Bericht des NIW war dies in letzter Zeit häufiger vorgekommen. Man erstattete Anzeige, und die Polizei ermittelt derzeit, ob ein judenfeindlicher Hintergrund vorliegt.

Nur eine Nacht später wurden am Hospiz »Immanuel« im jüdisch geprägten Viertel Buitenveldert zwei Kameras mit einem Backstein eingeschlagen und mitgenommen. Die Polizei gibt an, »keine Ahnung« vom Motiv des Täters zu haben. Dass es sich um die willkürliche Tat eines betrunkenen Nachtschwärmers handelt, darf man bezweifeln, denn Buitenveldert ist alles andere als ein Ausgehquartier.

Im Amsterdamer Chabad-Zentrum verweist man für einen Kommentar auf den niederländischen Oberrabbiner Binyomin Jacobs. Dieser gibt sich unverdrossen wie eh und je. »Ich persönlich habe vollstes Vertrauen in die Behörden und in die Justiz. Aber auf der anderen Seite wird die Lage natürlich immer übler. Und das macht manchen mehr Angst als anderen. Ich selbst fühle mich nicht unsicher, aber die Leute merken, dass mehr und mehr passiert.« Das Interprovinziale Oberrabbinat (IPOR), dem er vorsteht, vertraue jedoch völlig auf die Maßnahmen der Stiftung »Bij Leven en Welzijn«, die sich um die Sicherheit der jüdischen Gemeinde kümmert.

Hoffnung schöpft der Oberrabbiner auch aus einem Gespräch, das er jüngst mit dem Amsterdamer Polizeipräsidenten Pieter-Jaap Aalbersberg führte – im Restaurant HaCarmel. »Wir haben einen guten, offenen und freundschaftlichen Kontakt. Wir sprachen über den zunehmenden Antisemitismus. In Herrn Aalbersberg haben wir als jüdische Gemeinschaft einen guten Freund, der immer ein Auge und ein Ohr für uns hat. Ich weiß, dass seine Leute alles ihnen Mögliche tun, um das jüdische Amsterdam zu beschützen.«