Jüdische Allgemeine | 08.02.2018 | Ralf Balke | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/30775

»Somebody Feed Phil«

In 80 Küchen um die Welt

Die Netflix-Serie macht auch in Israel Station und schaut den Menschen in Töpfe und Seele

Kochen im Fernsehen hat Konjunktur. Und das nicht erst seit gestern. Den meisten wird noch das serielle »Mhmmm« oder »Lecker, lecker!« von Alfred Biolek in den Ohren klingen, der diesem TV-Format mit seiner Sendung alfredissimo! in Deutschland zu besonders großer Popularität verhalf.

Seither brutzelt es auf allen Kanälen. Doch egal, ob es sich dabei um Tim Mälzer, Horst Lichter oder Sarah Wiener handelt, im Regelfall kochen sie selbst oder gegen andere im Duell. Woanders ist man da ein ganzes Stück weiter. Dort reisen Küchen-Promis gerne einmal in ferne Länder und schauen zu, was in China oder Neuseeland auf den Tisch kommt.

Spassfaktor In Israel war es beispielsweise der Sänger und Entertainer Gidi Gov, der zusammen mit dem Starkoch Yisrael Aharoni über zwei Staffeln hinweg in Aharoni & Gidi’s Wonderful Journey kreuz und quer durch die Welt fuhr, um zu sehen und zu erfahren, wie außerhalb des jüdischen Staates Speisen zubereitet werden. Der Clou: Sie porträtierten dabei Land und Leute und nahmen sich selbst nicht allzu ernst, was maßgeblich den Spaßfaktor ausmachte.

An dieses Konzept knüpft nun der amerikanische TV-Produzent Phil Rosenthal an, bekannt als Macher der populären Sitcom Alle lieben Raymond. In seiner von den Kritikern hoch gelobten neuen Serie Somebody Feed Phil, die vor wenigen Tagen auf Netflix angelaufen ist, begibt sich Rosenthal auf eine kulinarische Tour de Force durch sechs Metropolen: Lissabon, New Orleans, Bangkok, Saigon sowie Mexiko-Stadt – und natürlich Tel Aviv.

Der 58-Jährige New Yorker hat mit Somebody Feed Phil eine Art Fortsetzung der bereits 2015 ausgestrahlten und preisgekrönten Serie I’ll Have What Phil’s Having geschaffen, in der er – angefangen bei den berühmten Tausendjährigen Eiern aus China oder Ostasiatischen Schlammpeitzger – alle möglichen exotischen Gerichte probiert und kommentiert.

unkoscher Auch auf den Reisen in seiner neuen Serie geht es beim Essen reichlich unkoscher zu. Alles, was einmal einen Puls hatte und irgendwie genießbar sein könnte, landet auf dem Teller, was gelegentlich ein wenig Überwindung kostet. Begleitet wird Rosenthal dabei unter anderem von dem amerikanischen Schauspieler Wendell Pierce, bekannt aus Serien wie The Wire oder Suits, sowie Michael Solomonov, einem Israeli, der in den Vereinigten Staaten als Koch Kultstatus genießt.

Rosenthal fachsimpelt aber nicht allein mit den Chefs unzähliger Restaurants. Recht offensiv nähert er sich auch den Menschen vor Ort. In Tel Aviv zum Beispiel überfällt er eine Gruppe älterer Damen, die sich einmal die Woche im Café eines Einkaufszentrums treffen, um mit ihnen über das Leben in Israel zu plaudern. Dabei stellt der »jüdische Junge aus Queens«, wie sich Rosenthal selbst gerne nennt, fest, dass nur zwei Tische weiter seit Jahren regelmäßig noch ein »Seniorinnen-Parlament« tagt, beide Gruppen einander aber vollständig ignorieren.

»Wie soll jemals Frieden im Nahen Osten geschlossen werden, wenn selbst diese Ladys hier noch nie ein Wort miteinander gewechselt haben?«, fragt Rosenthal. Kurzum bringt er beide Tische zusammen, wobei er recht haptisch wird und alle Seniorinnen ausgiebig knuddelt, was nicht jeder zu gefallen scheint – bei jüngeren Damen wäre garantiert eine #metoo-Kampagne wegen Belästigung die Konsequenz.

streifzüge Das Erfolgsrezept von Somebody Feed Phil ist, dass die Sendung im wahrsten Sinne des Wortes alle Geschmäcker bedient. Das zeigt sich wunderbar anlässlich von Rosenthals Streifzügen durch die lokalen Küchen in Israel. Mit einem Besuch bei Dr. Shakshuka, bekannt für seine pochierten Eier in einer Sauce aus Tomaten oder sonstigem Gemüse, oder bei Abu Hasan, einem der besten Läden, um Hummus in allen Varianten zu essen, bedient er quasi die Basis.

Mit dem Zakaim macht er die Freunde der veganen Küche mit einem Restaurant bekannt, das persisch beeinflusste Gerichte im Angebot hat, und mit dem Edel-Fresstempel Mashya wird es dann teuer und ausgefallen. Oder man verspeist Hering in dem 2010 eröffneten Shuk HaNamal und philosophiert über die Bedeutung des salzigen Fischs für Juden.

Doch Rosenthal bleibt nicht nur in Tel Aviv, sondern bereist das ganze Land. Sehr eindrucksvoll ist seine Begegnung mit der Restaurantlegende Uri Buri in Akko, der ihm mit seinen Eissorbet-Kreationen, die er mit Olivenöl beträufelt, nicht nur den Geschmackshorizont erweitert. Darüber hinaus zeigt er ihm, wie das Zusammenleben in der jüdisch-arabischen Stadt funktioniert. »Es hat viel mit gegenseitigem Respekt zu tun«, erklärt der Mann mit dem Rauschebart, der von einigen als der eigentliche Bürgermeister von Akko betrachtet wird.

Jerusalem Zudem gibt es in jeder Folge eine Art Running Gag: Rosenthal meldet sich via Skype bei seinen Eltern in New York und berichtet ihnen nicht nur von seinen kulinarischen Abenteuern, sondern auch, was er sonst noch so in dem Land, das er gerade besucht, erlebt. So erzählt Rosenthal junior von seinem Besuch in Jerusalem, was seinen betagten Vater dazu motiviert, einen Witz über die Kotel gleich dreimal zu erzählen, weil Rosenthal senior immer wieder die Pointe vermasselt.

Solche Szenen sind natürlich das Salz in der Suppe. Überhaupt scheint die Serie eine Art Familien-Business zu sein – schließlich ist Phils Bruder Rich der Produzent von Somebody Feed Phil. Doch manchmal zeigen sich auch die Schwächen solcher Formate, weil es an Faktenwissen mangelt und eher Klischees reproduziert werden. Denn auch bei Phil Rosenthal sollte angekommen sein, dass Tel Aviv nicht die Hauptstadt Israels ist.

»Somebody Feed Phil« läuft bei Netflix.