Jüdische Allgemeine | 08.02.2018 | Rabbiner Avichai Apel | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/30767

Wehrdienst

Gemeinsam an die Waffe?

Israel streitet, ob Frauen zusammen mit Männern in Kampfeinheiten dienen sollen

Verschiedene Rabbiner in Israel haben sich in den vergangenen Wochen gegen den Wehrdienst von Frauen in gemischten Einheiten ausgesprochen – darunter auch Rabbiner Shmuel Eliyahu, Oberrabbiner von Safed.

Israels Generalstabschef Gadi Eisenkot bekräftigte am vergangenen Sonntag die Integration von Frauen in die israelischen Streitkräfte, betonte aber, Frauen würden nicht an vorderster Frontlinie und nicht in Eliteeinheiten wie Golani oder bei den Fallschirmspringern eingesetzt.
Es scheint, dass in Israel derzeit ein langjähriger Konsens über den Wehrdienst vom Frauen in Frage gestellt wird. Doch gibt es bei diesem Thema wirklich nur zwei klar voneinander abgegrenzte Positionen?

»Etrog« – so nennt man im Judentum Dinge, die man sehr vorsichtig behandeln muss. Das betrifft auch die Frage der Wehrpflicht von Frauen in der israelischen Armee. Alle Pro- und Kontra-Argumente sind hier sehr sensibel zu betrachten. Jedes Wort muss genau abgewogen werden.

Vor allem aber sollten wir uns ein umfassendes Bild der jüdischen Quellen machen, um zu verstehen, wie das Judentum zur Frage von Frauen in den Streitkräften steht, und worauf sich beide Seiten berufen können.

Quellen Die Diskussion sollte weder vom Standpunkt des Feminismus noch des Chauvinismus her geführt werden. Eine politische Agenda kann unsere Betrachtung des Themas nur beeinträchtigen. Wir müssen uns auf die Quellen konzentrieren und keine Ideen berücksichtigen, die uns von der Wahrheit ablenken.

Doch in der Praxis kommt es leider oft vor, dass diejenigen, die das Thema in Israel diskutieren, dabei auch ihr eigenes Verständnis von Gleichberechtigung voranzutreiben suchen. Im Tanach, der Hebräischen Bibel, beteiligen sich Frauen auf verschiedene Weisen an Führungspositionen. Mal sind sie aktiv, in anderen Fällen wirken sie hinter den Kulissen.

Die Anerkennung ihrer Taten und der bedeutungsvollen Rolle, die Frauen bei vielen Ereignissen gespielt und dadurch die politische Lage verändert haben, gewinnt eine klare Aufmerksamkeit in unserer Tradition (wie zum Beispiel die Makkabäerin Jehudit an Chanukka).

Richterin Bekannt ist vor allem die Richterin Dwora. Sie dient als Vorbild – eine Frau, die dem Volk half, seinen Stolz zurückzuerlangen. In der Zeit, als Sisera, der Feldheer von Kanaan, das Volk Israel angriff, führte sie Krieg und brachte Israel einen großen Sieg.

In diesem Krieg diente auch eine weitere Frau, Jael, die es schaffte, Sisera zu töten und dadurch seine Soldaten durcheinander zu bringen, was ebenfalls zum Sieg Israels beigetragen hat (Buch der Richter 4).

Barak, dem Dwora den Auftrag G’ttes übermittelt, in den Krieg zu ziehen, bittet sie, ihn zu begleiten. Darauf erwidert Dwora: »Den Gang will ich mit dir gehen, nur dass der Ruhm nicht dein wird auf dem Weg, den du gehst, denn in eines Weibes Hand wird Er Sisera liefern« (Buch der Richter 4,9).

Laut Tora sind Männer als Soldaten am Krieg beteiligt. Es wird berichtet, dass die Männer, die für den Militärdienst reif sind, gezählt werden (4. Buch Mose 1).

Die Tora befiehlt, dass der Mann nicht im ersten Jahr nach seiner Heirat zur Armee gehen darf (5. Buch Mose 24). Im Talmud wird gelehrt, dass der Wille zu erobern zu den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Männer und nicht der Frauen gehört (Jewamot 65b). Doch laut Mischna müssen auch Frauen am Krieg teilnehmen. Die Mischna (Sota 8,7) lehrt uns, dass man im Fall der »Milchemet Mizwa« – eines gebotenen Krieges – sogar die Chuppa unterbricht und den Bräutigam, aber auch die Braut für den Kampf rekrutiert.

Mizwa Unter Milchemet Mizwa versteht man einen Krieg, der geführt wird, um das Land Israel zu erobern und gegen Amalek zu kämpfen. Rabbi Jehuda meint, dass es zudem um einen Krieg gegen einen Feind geht, der uns zu schwächen versucht.
Hier muss auch die Frage der Aufgabenverteilung in der Armee erörtert werden. Diejenigen, die den Frauendienst verbieten wollen, meinen, dass eine Frau auch dann, wenn sie im Fall des Milchemet Mizwa in die Armee geht, Hilfsdienst leisten und keine aktive Rolle als Soldatin übernehmen sollte.

Das heißt, sie darf Essen und Kleidung vorbereiten, eventuell auch einige weitere Aufgaben erfüllen, aber nicht im Bereich der Kämpfe eingesetzt werden (Radbaz, Melachim 4,7).
Der Begriff Milchemet Mizwa entspricht der Definition der heutigen Situation in Israel. Die ständige Bedrohung Israels seitens vieler Feinde und die Pflicht der Armee, die Territorien von Israel zu verteidigen, um sie nicht zu verlieren, überzeugen viele Menschen, dass die Kriege in unseren Zeiten als geboten gelten.

Damit begründen die Anhänger des Wehrdienstes beider Geschlechter ihre Auffassung, dass eine Frau heute sogar in den Kampfeinheiten der Armee dienen kann.

Was sagt die Tora dazu?« So sei denn dein Lager heilig, dass Er nicht irgend Blöße an dir sehe und dir den Rücken kehre« (5. Buch Mose 23,15).

Moral Die Aufforderung der Tora ist hier sehr deutlich. In der Armee sollen die moralischen Regeln der Beziehungen zwischen Männern und Frauen noch strenger beachtet werden als sonst. Denn Hilfe von G’tt wird im Krieg kommen, wenn wir Seine Gebote einhalten.

Männer und Frauen, die gerade 18 Jahre alt geworden sind, haben jedoch oft anderes im Kopf. Inwiefern können wir also sicher sein, dass der gemeinsame Dienst von Männern und Frauen dem richtigen Zweck dient, also dem Schutz des Volkes und des Landes, und nicht zu anderen Beschäftigungen führt, die die Soldaten vom Hauptziel ablenken?

Die Gegner der Wehrpflicht von Frauen nehmen hier eine sehr klare Position ein: Es sei nicht nötig, unsere Soldaten in Versuchung zu führen. Sie finden es besser, auf den Wehrdienst von Frauen zu verzichten, als sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen.

Die Befürworter dagegen sagen, dass Erziehung und gut fundierte Kenntnis der religiösen Werte und Lebensweise unsere Mädchen stärken, die auch in der Armee darauf achten werden, sich moralisch zu verhalten.

Es gibt noch viele weitere Argumente, die die Gegner und Befürworter des Wehrdienstes von Frauen ins Feld führen. In der Praxis sind aber ganz andere Überlegungen wichtig. Vor allem muss die Armee gute Vorbereitungen für den Wehrdienst von Frauen treffen.

Abstand Es müssen alle Bedingungen erfüllt sein, damit ein gesunder Abstand zwischen den Geschlechtern eingehalten wird, und damit man sich auf den Dienst und nicht auf die Liebe und Beziehung konzentriert.

Und zwar nicht nur zwischen den Soldaten und Soldatinnen, sondern genauso zwischen Kommandeuren und deren Soldatinnen. Die Männer dürfen ihre Machtposition auf keine Art und Weise ausnutzen und ihre Soldatinnen missbrauchen.
Es stellt sich auch die grundsätzliche Frage, wie viele Soldaten die Armee überhaupt braucht, und ob es nicht ausreicht, wenn nur Männer dienen. Diese Frage kann aber an Mädchen und Frauen, die sich dezidiert als Kämpferinnen in der Armee verwirklichen wollen, nicht gerichtet werden.

Zivildienst Meine Frau und ich haben uns entschieden, dass wir unsere Töchter dazu erziehen, nach der Schule nicht zur Armee zu gehen, sondern Zivildienst (Scherut Leumi, wörtlich: Nationaler Dienst) zu leisten. In diesem Rahmen können sie wichtige Jahre im Dienst des Volkes und des Staates Israel stehen und gleichzeitig nach den Geboten der Tora leben.

Doch egal, was unsere persönliche Meinung dazu ist – wir können die Realität nicht ignorieren. Die Armee, aber auch viele Frauen selbst wollen einen aktiven Wehrdienst bei den israelischen Streitkräften ableisten, keinen Zivildienst.

Wir müssen also Rahmenbedingungen schaffen, die die Soldatinnen stärken und ihren Dienst unterstützen. Dazu gehören passende Kleidung, Seelsorge sowie die Möglichkeit, halachische Probleme zu thematisieren und Fragen zu beantworten. Vor allem aber muss die moralische Erwartung religiöser junger Frauen, auch in der Armee die Gebote der Tora erfüllen zu können, rundum erfüllt werden. All das müssen wir sicherstellen – im Sinne unserer Frauen und des Staates Israel.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.