Jüdische Allgemeine | 10.10.2013 | Manuel Stangorra | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17250

200. Geburtstag

Der Anti-Wagner

Giuseppe Verdi setzte mit seiner Oper »Nabucco« dem jüdischen Freiheitswillen ein musikalisches Denkmal

Seine Opern und sein Requiem sind in aller Welt auf allen Bühnen präsent: In diesen Tagen jährt sich der Geburtstag des romantischen Komponisten Giuseppe Verdi zum 200. Mal. Doch schon sein Geburtstag ist nicht eindeutig datierbar: Erst anno 1876 erfuhr der Maestro, dass er ein Jahr älter war, als er gedacht hatte: »1814 hatte meine Mutter mir immer gesagt«, so Verdi in einem Brief an seine langjährige Freundin Gräfin Clarina Maffei.

Aber der Norditaliener wollte es genau wissen und besorgte sich einen Auszug aus dem Taufregister. Die lateinische Urkunde nennt den 11. Oktober als Tauftag, mit dem Zusatz »gestern geboren«. Damals zählte jedoch ein Tag vom Sonnenuntergang bis zum nächsten. So geht die Forschung heute davon aus, dass Verdi am 9. Oktober 1813 geboren ist.

»Joseph Fortunin François«, so lauten die Vornamen im französischsprachigen Geburtseintrag der »Mairie von Busseto«, gelegen im Herzogtum Parma. Im Übrigen steht dort dasselbe wie in den Dokumenten der Kirche. Auf Französisch sind sie deshalb verfasst, weil Verdis Heimat damals napoleonisch besetzt war, was später nicht nur den Komponisten wurmte, sondern das ganze italienische Volk. Als überzeugter Patriot unterstützte er fast zwangsläufig die Freiheitsbewegung, denn die Buchstaben seines Namens, V.E.R.D.I., auch lesbar als »Vittorio Emanuele Ré D’Italia«, wurden von aufgewühlten Massen an Häuserfassaden gekritzelt oder in Sprechsalven ausgerufen.

Held Verdi avancierte zum Helden der Nation, war 1861 gar Deputierter im ersten italienischen Parlament in Turin. Sein Geburtsort, das nach Busseto eingemeindete, fünf Kilometer südöstlich vom Zentrum gelegene Dorf Le Roncole, nennt sich heute stolz »Le Roncole Verdi«. Sein Geburtshaus – ausgezeichnet mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel – steht, samt einer Porträtbüste davor, noch immer und wartet auf Besucher.

Wagners Phrasen Ebenfalls an Maffei schrieb Verdi drei Jahre zuvor aus Neapel über seinen Aida-Erfolg auch unmissverständlich, was er über den anderen Jubilar des Jahres 2013, den Antisemiten Richard Wagner, dachte, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr mit übertriebenem Pomp in Deutschland begangen wird: »Der Erfolg der Aida war … ehrlich, entschieden und nicht vergiftet durch Wenn und Aber, durch die grässlichen Phrasen von Wagnertum, Zukunftsmusik, unendlicher Melodie und so weiter.«

Verdi hielt eben mit ziemlicher Unbeirrbarkeit an Althergebrachtem fest, war – wenn auch sicher manchmal schroff und abweisend, wie sein Biograf Johannes Jansen formuliert – zugleich doch erheblich weniger egozentrisch als der Deutsche.

Zu Anfang ihrer Karrieren hatten es aber beide Antipoden schwer, obwohl sie parallel Opernkonzepte kreierten, die aus Nummernopern erwuchsen, Wege über sich entwickelnde Parlando-Stile verfolgten und die europäische Opernkultur des 19. Jahrhunderts prägten. Da nicht bekannt ist, ob die beiden sich jemals begegneten, ist es noch heute reizvoll zu lesen, was Franz Werfel, der vor den Nazis ins amerikanische Exil floh, mit seinem Verdi – Roman der Oper ins Reich der Poesie verlegte: eine Begegnung der beiden in Venedig. Doch der Roman, der vor rund 90 Jahren die Verdi-Renaissance in Deutschland einläutete, spielt 1883, in Wagners Todesjahr. Da beginnt erst Verdis Spätstil mit der Neufassung des Don Carlos und den Opern Othello und Falstaff.

Glück Verdis Anfänge waren zwar mühsam, andererseits vielleicht auch mit Glück beschenkt. Knorrig, bäuerlich, pessimistisch zugleich blieb der Komponist jedoch bis ins hohe Alter. Sein Vater führte in Le Roncole einen Kolonialwarenladen mit Schänke. Parma war weit. Als die Befreiungskriege tobten, rettete Mama Luigia ihrem Sohn das Leben, indem sie sich mit dem Säugling in der Kirche verkroch.

Auch als Ministrant diente der Knabe, der inzwischen auf einem vier Oktaven fassenden Spinett das Klavierspiel erlernte. Einmal kam es zum Eklat: Ein Priester versetzte ihm während einer Messe einen Stoß wegen Unaufmerksamkeit, nachdem er so ergriffen der Orgelmusik gelauscht hatte, dass er darüber seine Pflichten vergaß. Verdi stürzte, fiel gar in Ohnmacht. Als er wieder erwachte, verwünschte er den Gottesmann mit den Worten: »Soll dich der Blitz holen!« Jahre später traf diesen Pfarrer tatsächlich ein tödlicher Blitzschlag.

Kaum acht Jahre alt, besuchte Giuseppe das Gymnasium in Busseto. Ab 1822 vertrat er seinen bisherigen Orgellehrer, der just verstorben war. Glücklicherweise kümmerte sich der wohlhabende Kaufmann und Präsident der Philharmonischen Gesellschaft, Antonio Barezzi, von dem Vater Carlo seine Waren bezog, um den Heranwachsenden. Barezzi hatte das Talent Verdis erkannt und förderte ihn: So erhielt der Knabe geregelten Musikunterricht.

Ein neuer Horizont öffnete sich, der Weg zum Konservatorium in Mailand schien geebnet. Doch dort lehnten die Professoren den Jüngling aus der Provinz wenig später brüsk ab, was der Komponist zeitlebens nicht verwunden hat. Noch Jahre später, als sein Ruhm im Zenit stand, verbot er dem Mailänder Konservatorium, sich »Konservatorium Giuseppe Verdi« zu nennen.

Schicksalsschläge Warum wurde Verdi ein so berühmter Opernkomponist? Die Antwort lautet: Eine andere Chance, als Musiker berühmt zu werden, gab es in Italien nicht. Chopin und Brahms, die nie das Feld der Oper beackerten und denen die Verehrer nördlich der Alpen Ruhmeskränze flochten, wären dort an den Bettelstab gekommen, so Jansen. In Italien galt es, von einem Impresario eine »scrittura« zu erhalten, einen Auftrag für eine Oper nach einem vorgegebenen, von der Zensur genehmigten Libretto. Zwischen 1810 und 1830 war Rossini da der führende Mann. Europa lag ihm zu Füßen. Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini traten in seine Fußstapfen.

Doch in jener Zeit – Verdi hatte 1836 Margherita Barezzi, die Tochter seines Mäzens, geheiratet – hagelte es für ihn harte Schicksalsschläge: Sowohl seine Tochter Virginia (1837–1838) als auch sein Sohn Icilio (1838–1839) starben im Säuglingsalter. Zu allem Unglück erkrankte auch noch seine Frau an Gehirnentzündung und starb im Juni 1840 in Mailand, wohin die Familie kurz zuvor gezogen war. Zeitgleich komponierte Verdi die Buffo-Oper Un Giorno di Regno, die durchfiel. Er hatte kein Geld, um seine Miete zu zahlen.

Nun war er allein, wollte alles hinschmeißen, nie mehr eine Oper schreiben, doch seine Kontrakte ließen sich nicht lösen. Mehr noch, Verdi sollte Impresario Merelli aus der Patsche helfen. Der war von Otto Nicolai versetzt worden. Nicolai wollte Temistocle Soleras Libretto Nabucodonosor, bekannter als Nabucco, nicht vertonen. Verdi zögerte ebenfalls. Doch als er das Textbuch viele Male gelesen hatte, ließ er sich überreden und fand Zugang zu diesem jüdisch-biblischen Stoff, den er im Laufe des Jahres 1841 vertonte.

Freiheitswille In Nabucco manifestiert sich der Freiheitswille des jüdischen Volkes, das seinerzeit unter der babylonischen Gefangenschaft litt. Außerdem zeigt es die Hybris des neubabylonischen Königs Nebukadnezar, der Jerusalem und das Königreich Juda 597 v.d.Z. erobert hatte. Hier setzt die Handlung der Oper ein. Am Ende bekehrt sich der mit Wahnsinn geschlagene Despot zum Gott der Hebräer und wird geheilt.

Die Uraufführung des berühmten Belcanto-Opus fand im März 1842 im Teatro alla Scala statt. Es wurde ein durchschlagender Erfolg, nicht zuletzt wegen des berühmten Gefangenenchors »Va, pensiero, sull’ali dorate« (»Steig, Gedanke, auf goldenen Flügeln«). Nabucco markiert auch den Beginn der 16 Galeerenjahre des Meisters: Oper auf Oper schrieb er nun.

Aus dieser Schlinge befreit Verdi sich einerseits durch geschickt angehobene Honorare, die er mithilfe der Primadonna Giuseppina Strepponi – Sängerin der Abigaille der Uraufführung, die 1847 in Paris seine Lebensgefährtin und 1859 seine Frau wird – aushandelt, andererseits, indem er sich zu Texten von Schiller und Shakespeare hinwendet, die ihm hochwertige Sujetvorlagen lieferten. Tragik und Menschliches – Schuld und Schicksal – rücken so in den Fokus des reifen Maestro. Meyerbeers »Grand opéra« dient ihm dabei nur vorübergehend als Vorbild. So entstehen Rollen wie die des Rigoletto, der hexenartigen Lady Macbeth, des unbeugsamen Fiesco in Simon Boccanegra oder jene der sich opfernden Violetta in La traviata, die eine nie gekannte Gefühlstiefe ausloten.

Meisterschaft Nach und nach festigt Verdi so seinen Ruf als Meister der Töne, bereist wichtigste Bühnen Italiens – insbesondere Mailand, Rom (Troubadour), Venedig (Rigoletto, Traviata, Simon Boccanegra), Bologna, Triest, Florenz (Macbeth) – ebenso wie jene in Wien, Paris (Les Vêpres Siciliennes) und London. 1848 kauft Verdi sich von satt fließenden Tantiemen sein berühmtes Landgut St. Agata bei Busseto, das er luxuriös ausstattet. In Neapel, wo er ein gern gesehener Gast ist, entbrennt 1849 ein Streit über Luisa Miller, und auch 1858 kämpft er dort mit den Zensurbehörden um seinen Maskenball, aber das kann ihm alles nun nicht mehr schaden.

Eine seiner bemerkenswertesten Schöpfungen ist die 1862 in St. Petersburg uraufgeführte Oper Die Macht des Schicksals, in der Liebe und schließlich Angst auf Rache prallen. Kongenial wird die Figur der Donna Leonora in der 1955er EMI-Produktion von Maria Callas gesungen. Auf dem Rückweg von Russland trifft Verdi auf Arrigo Boito – ein Glücksfall in der Geschichte des Musiktheaters. Boito skizzierte für Verdi die Textbücher zu Otello, zur Neufassung von Simon Boccanegra und für den Falstaff, Verdis letzte Oper. 1877 fährt Verdi übrigens nach Köln und dirigiert beim Niederrheinischen Musikfest, dessen Leiter Ferdinand Hiller ist, seine Messa da Requiem. Hiller hatte zwei Jahre zuvor die deutsche Erstaufführung geleitet.

Wenn von den bedeutenden Verdi-Opernaufführungen der letzten Dekaden eine Ära herausgegriffen werden darf, so ist es diejenige des legendären Dirigenten Nello Santi in Zürich. Er ist eine Koryphäe der Verdi-Interpretation. Ruhmreich war sein Rigoletto mit Leo Nucci in der Titelrolle. Auch Giuseppe Verdis sämtliche Werke mit allen 32 Opern auf 75 CDs dürften eine Pioniertat des Labels DECCA im Horizont des 200. Geburtstages sein. Als Verdi am 27. Januar 1901 standesgemäß im Grand Hotel et di Milan starb, ging eine Ära zu Ende. Arturo Toscanini war sein letzter Besucher.

Opern-Tipp: Neuinszenierung »Nabucco« an der Deutschen Oper Berlin. 13. Oktober und am 19., 22. Dezember 2013