Jüdische Allgemeine | 09.09.2013 | Sigrid Hoff | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16972

Geschichte

Geraubte Mitte

Eine Ausstellung über die »Arisierung« des Berliner Stadtkerns nach 1933

Ein volkstümlicher Umzugswagen vor dem Roten Rathaus im August 1933, gefeiert wird der traditionelle »Stralauer Fischzug«. Doch aus dem Wagen ragt bereits das Zeichen der neuen Machthaber auf, ein großes Hakenkreuz. Neben diesem Foto hängt ein weiteres, das nur wenige Monate später entstanden war. Es zeigt erste Abbrucharbeiten in Berlins Stadtmitte am Molkenmarkt 1934.

Nach dem Machtantritt begannen die Nationalsozialisten unverzüglich, ehrgeizige Stadtumbaupläne zu realisieren. Mit Straßendurchbrüchen, dem Abriss zahlreicher Bauten und der Errichtung von Großbauten wie der Reichsbank und Reichsmünze sollte die gesamte Berliner Altstadt umgestaltet werden. Betroffen waren vor allem jüdische Grundbesitzer.

Themenjahr »Geraubte Mitte« heißt die Ausstellung im Ephraimpalais, die erstmals den staatlichen Raubzug gegen jüdische Grundeigentümer im Stadtkern Berlins ab 1933 thematisiert. Sie ist der Beitrag der Stiftung Stadtmuseum Berlin zum Themenjahr »Zerstörte Vielfalt«. In neun Kapiteln macht sie mit zahlreichen Fotos und Plänen das Ausmaß des geplanten Stadtumbaus und seine Folgen bis in die Gegenwart deutlich. Erleichtert wurden diese Pläne durch die Rassenideologie der Nazis.

»Die Juden hatten keine Rechte«, stellt Ausstellungskurator Benedikt Goebel fest, »hier konnten die Nazis den Hebel ansetzen um ihr Ziel, die Zerstörung der Altstadt, zu beginnen«. Von rund 1.200 Grundstücken in der Stadtmitte gehörten mindestens 225 jüdischen Eigentümern. Durch Verstaatlichung oder Zwangsverkauf verloren sie nach und nach ihre Existenzgrundlage. Weder Gedenktafeln noch Stolpersteine erinnern an ihr Schicksal. Erstmals thematisiert eine Schau die städtebaulichen Auswirkungen der Rassenideologie auf Berlins Stadtmitte und ihre Nachwirkungen bis heute.

Die Verfolgungsgeschichte von fünf Familien, die zum Teil seit Jahrhunderten in Berlin ansässig waren, bevor sie von den Nazis enteignet, vertrieben oder ermordet wurden, ist mit konkreten Adressen in der Stadtmitte verknüpft und steht exemplarisch für das Schicksal von vielen anderen jüdischen Grundbesitzern. Die Recherchen zu einzelnen Adressen förderten mitunter überraschende Details zutage, etwa für das Geschäftshaus Gerson am Werderschen Markt 5/6, vor 1933 ein florierendes Modehaus im Besitz der Unternehmerfamilie Freudenberg.

Gedenktafel Im Jahre 1936 wurde die Firma »arisiert«, der Familie gelang die Emigration, das Haus wurde 1937 zwangsversteigert. Hier zog 1939 das Reichskriminalpolizeiamt ein, so dass sich hier eine Schaltstelle des Holocaust befand. Kaum bekannt ist, dass hier mit Zyklon B experimentiert wurde. Im Hof waren Gaswagen aufgebaut zum Test für ihren Einsatz bei den Euthanasieverbrechen. »Die Technik ist hier entwickelt worden«, erklärt Kurator Goebel: »Daran erinnert keine Gedenktafel.« Heute ist das Grundstück mit Townhäusern neubebaut, die Geschichte ausgelöscht.

Im Epilog verweist die Schau auf die komplexe Frage der Wiedergutmachung und Restitution nach 1990. Das Geschäftshaus Wallstrasse 16 etwa, das heute noch steht, wurde 1938 zwangsversteigert, den Erlös teilten sich das Deutsche Reich und Hypothekengläubiger. Dem nach 1990 gestellten Restitutionsanspruch der in die USA emigrierten Familie wurde zwar entsprochen, doch mussten sie den Verkaufserlös mit den Nachkommen der »arischen« Käufer von 1938 teilen.

Gefühle Enkelin Joanne Intrator, die eigens zur Ausstellungseröffnung aus den USA anreiste, freut sich, die leidvolle Geschichte ihrer Familie hier gewürdigt zu sehen. Der lange Kampf um ihre Rechte hat jedoch bittere Gefühle hinterlassen.

Die Ausstellung »Geraubte Mitte« macht auf verborgene Geschichtsspuren aufmerksam und auf das Problem, das mit Plänen für die Neugestaltung der Berliner Stadtmitte verbunden ist: ein großer Teil der nichtbebauten Grundstücke im Stadtzentrum gehörte Berliner Juden, die Rückübertragungsquote nach 1990 ist überraschend gering.

»Der deutsche Staat und das Land Berlin haben sich den nichtbebauten jüdischen Grundbesitz gesichert,« kritisiert Kurator Benedikt Goebel. So sensibilisiert die Schau auch für das eklatante Unrecht, dass den enteigneten und entrechteten jüdischen Familien in Berlins Mitte noch immer widerfährt.

Die Ausstellung »Die ›Arisierung‹ des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933–1945« im Ephraim-Palais ist bis 19. Januar 2014 dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und mittwochs von 12 bis 20 Uhr geöffnet.