shirley naftaliev

»Jungs brauchen Kontrolle«

An der Scheibe meines Wagens hängt ein Schild, das ich aus den USA mitgebracht habe. »Mom’s Taxi« steht da drauf. Das passt zu mir, denn ich habe drei Jungs, die ich viel hin‐ und herfahre. Das ist halt so, wenn die Kinder noch klein sind: Marc (7), Henry (12) und Robert (15).
Morgens gehen wir alle gegen 7.15 Uhr aus dem Haus. Mein Mann fährt den Ältesten und ich die beiden Jüngeren zur Schule. Gegen 8.30 Uhr komme ich im Büro an. Mein Mann und ich haben unsere eigene Firma. Er kümmert sich um die Kunden, ich bin für die Buchhaltung und die Finanzen zuständig. Ich kontrolliere die Zahlungsein‐ und -ausgänge, buche Rechnungen, schreibe Briefe, erfasse die Überstunden der Mitarbeiter und kümmere mich um ihre Gehälter. Mit dem Computer ist es zwar um einiges leichter als früher, aber man muss trotzdem alles manuell eingeben. Mahnungen muss ich auch schreiben. Leider kommt das immer wieder vor. Manchmal schaffe ich es nicht, all die Arbeit zu erledigen, dann muss ich auch mal samstags ins Büro. Da ist es ruhiger und ich kann mich besser konzentrieren.
Unsere Firma ist auf Markisen, Rollläden und Jalousien spezialisiert. Schon meine Großeltern mütterlicherseits hatten in Frankfurt ein Geschäft für Gardinen und Raumausstattung. Ende der 30er‐Jahre, als es hier in Deutschland gar nicht mehr ging, sind sie nach Palästina geflüchtet. Mein Opa hat sich dort aber nicht einleben können und hatte auch wirtschaftliche Probleme, so kam er in den 50er‐Jahren zurück nach Frankfurt. Er hat das Geschäft wieder aufgebaut und es dann an meine Eltern übergeben. Und wir haben es von ihnen übernommen.
Mein Mann und ich sind nicht vom Fach gewesen. Ich habe Anglistik und Romanistik studiert, mein Mann wiederum ist Wirtschaftswissenschaftler. Wir haben 1994 in die Branche meiner Familie gewechselt. »Anton – Sonnenschutzsysteme« haben wir unsere Firma genannt. So hieß der Vater meines Mannes. Außerdem klingt der Name deutsch. Angefangen haben wir in einem ganz kleinen Büro. Nach und nach ist unsere Firma gewachsen, jetzt haben wir 35 Mitarbeiter, darunter viele Migranten. Wir legen Wert auf die multikulturelle Zusammensetzung des Personals. Das spiegelt sich auch in unserer Familie wider. Meine Großeltern väterlicherseits stammen aus Frankfurt, die mütterlicherseits aus Lodz. Mein Mann kommt aus Aserbaidschan. Es gab dort eine jüdische Minderheit, die verfolgt wurde. Daher ist seine Familie nach Israel ausgewandert. Das war 1975, da war mein Mann Zory zwölf Jahre alt. In Israel hat er sich nicht wohlgefühlt und kam als Jugendlicher nach Deutschland. Ich habe ihn 1987 in Frankfurt kennengelernt. Geheiratet haben wir 1992.

chauffeurin In der Woche habe ich kaum Abwechslung. Die Tage verlaufen nach ähnlichem Schema. Montags bis donnertags arbeite ich bis zum Nachmittag, danach hole ich die Jungs von der Schule ab und fahre sie zum Sport. Sie spielen Fußball und Tennis. Jeder dreimal die Woche. Wenn die Kinder beim Sport sind, sehe ich zu, dass ich Besorgungen machen und dies und das erledigen kann. Dann sammle ich meine Söhne wieder ein und fahre nach Hause. Ich setze mich abends zu ihnen und achte darauf, dass sie ihre Hausaufgaben machen. Wenn ich nicht dabei bin, wird es mit den Hausaufgaben nichts. Ich habe den Eindruck, dass Jungs mehr Kontrolle brauchen als Mädchen. Bei mir war’s jedenfalls anders, meine Mutter musste nicht aufpassen.
Wenn ich nachmittags in der Stadt bin, schaue ich auch mal bei meinen Eltern vorbei, sie wohnen im Zentrum. Meine Mutter ist 82 Jahre alt und hat vor zwei Jahren Alzheimer bekommen. Das war ein sehr, sehr trauriger Einschnitt in meinem Leben. Ein großer Schock! Denn sie war früher sehr attraktiv und immer aktiv. Schlag auf Schlag hat sie abgebaut. Die Situation ist nicht einfach, obwohl sie – Gott sei Dank! – zu Hause gepflegt wird.

religion Freitags achte ich darauf, dass die Kinder und ich keine Termine haben, wegen Schabbat. Ich arbeite nur vormittags, gehe einkaufen und koche dann. Werktags koche ich kaum. Freitags ist der einzige Tag, an dem ich Aufwendiges zubereite und wir abends gemeinsam warm essen. Ab und an kommt auch mein Vater am Schabbat zu uns. In die Synagoge gehen wir nur an Feiertagen. Mein Mann würde gerne auch freitags gehen, aber er schafft es zeitlich nicht.
Wir sind nicht sehr religiös, das war weder mein Mann noch ich vom Elternhaus aus. Wir essen kein Schweinefleisch, halten uns aber sonst nicht an Speiseregeln, weil es hier schwer ist, koscher zu leben. In Israel oder in den USA wäre es anders. Was wir allerdings versuchen, ist, Traditionen zu pflegen und Feiertage einzuhalten. Vor allem die Feste, die für Kinder schön sind. Das bekommen sie auch in der Schule vermittelt; sie gehen ja ins Philanthropin.
Zeit füreinander nehmen wir uns am Sonntag. Es ist unser Familientag; der einzige Tag, an dem wir zusammen ausgiebig frühstücken. Wir versuchen, so viele Stunden wie möglich gemeinsam zu verbringen. Das ist nicht immer einfach, denn unsere Söhne haben unterschiedliche Vorstel‐ lungen von Freizeit: Der eine ist noch sehr verspielt, der andere wiederum in der Pubertät. Es ist nicht leicht, aber wir bemühen uns, es allen dreien recht zu machen. Wenn das Wetter schön ist, sitzen wir im Garten, oder mein Mann spielt Fußball mit den Jungs. In der Woche sieht er sie ja kaum, weil er nicht vor halb neun zu Hause ist. An den Wochenenden versucht er deshalb, sich den Kindern so viel wie möglich zu widmen. Manchmal machen wir Ausflüge, Radtouren, gehen ins Kino oder auch essen. Neuerdings will Robert, der Älteste, nicht mitkommen, weil er mehr Zeit mit seinen Freunden verbringen möchte. Das ist ganz normal in seinem Alter. Wir setzen ihn da nicht unter Druck. Immerhin fährt er noch mit uns in den Urlaub.
Am Wochenende schauen wir auch bei meinen Eltern vorbei, treffen Freunde oder bekommen Besuch von Familienangehörigen und Verwandten. In Frankfurt leben auch meine vier Jahre ältere Schwester mit ihrer Familie und drei Geschwister meines Mannes. Die Woche ist schnell um, ohne dass ich viel Zeit für mich gehabt hätte. Früher habe ich noch Sport gemacht, dazu komme ich gar nicht mehr. Wann sollte ich? Abends, wenn die Kinder versorgt sind, bin ich zu müde. Dann will ich noch ein Stündchen mit meinem Mann zusammensitzen und ein paar Worte wechseln. Während der Woche gehen wir beide nie aus. Samstagabends unternehmen wir dann und wann etwas. Aber insgesamt kommen wir beide zu kurz.

zeitmangel Wenn ich nicht arbeiten würde, wäre es natürlich ganz anders. Mein Mann sagt, dass ich nicht arbeiten müsste, dass wir jemanden einstellen könnten. Aber ich will ja arbeiten, es macht mir Spaß, auch weil es unsere eigene Firma ist. Ich könnte nicht nur Hausfrau sein. Ich habe doch nicht studiert und so viel gelernt, um dann nur den Haushalt zu machen.
Nicht genug Zeit zu haben, das ist unser Problem. Darüber sprechen mein Mann und ich öfter. Immer wieder nehmen wir uns vor, ein Limit zu setzen und weniger zu arbeiten, mehr Stunden miteinander und mit den Kindern zu verbringen. Es ist aber richtig schwierig, das Maß zu finden. Denn wir haben unser Geschäft fast aus dem Nichts aufgebaut und haben jetzt eine Firma mit 35 Mitarbeitern. Natürlich ist es Quatsch zu denken, alles ginge den Bach runter, wenn man selbst nicht im Büro ist. Aber der Laden läuft nun mal anders, wenn der Chef da ist. Ich kann besser abschalten als mein Mann. Im Urlaub zum Beispiel denke ich nicht an die Firma, mein Mann schon. In den ersten Tagen ruft er immer an und erkundigt sich. Hätte ich einen Wunsch frei, dann würde ich mir wünschen, mehr Zeit zu haben. Für mich, für meinen Mann und meine Kinder. Und fürs Reisen. Es macht mir so großen Spaß, ich würde gerne noch so viele Orte sehen.

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