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„Ich kam mit gemischten Gefühlen“

von Annette Lübbers

„Klappe halten oder offen reden.“ Das ist das Motto von Stanislav Zrajaev – nicht nur auf dem Schulhof. Auf den Wuppertaler Straßen macht der 20jährige oft andere Erfahrungen. „Es wird furchtbar viel hinter dem Rücken der anderen gelästert“, sagt er. Deutsche Mentalität? „Vielleicht. Und vielleicht ist das sogar logisch. Immerhin weicht man auf diese Art Konflikten aus.“
An unterschiedliche Mentalitäten und Verhaltensweisen hat Stanislav Zrajaev sich erst gewöhnen müssen. Etwa 4.200 Kilometer liegen zwischen Wuppertal im Bergischen Land und seiner Geburtsstadt Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans. Die ehemalige Sowjetrepublik erstreckt sich von den Wüsten am Aralsee im Westen über etwa 1.200 Kilometer bis zum fruchtbaren Ferghanatal im Osten.
Usbekistan – ein im Westen weithin unbekanntes Land. Allein die Namen usbekischer Städte lassen eine ruhmreiche Vergangenheit auferstehen. Städte, die als Knotenpunkte der alten Seidenstraße zwischen Europa und China weltberühmt wurden: Taschkent, die Oasen‐Stadt Buchara und Samarkand, eine der schönsten von islamischer Baukunst geprägten Städte Asiens.
Daß Stanislav aus Usbekistan kommt, scheint für seine Schulkameraden allerdings keine Rolle zu spielen. „Nur wenn sich jemand über mich lustig machen will, nennt er mich den Usbeken. Ich glaube, das ist ein nur halb ernstgemeintes Etikett.“
Als Stanislav Zrajaev mit seinen Eltern und drei Geschwistern seine Heimatstadt Taschkent verließ, war er 15. „Mit gemischten Gefühlen“, sagt der schmale, drahtig wirkende junge Mann. Vieles mußte die Familie zurücklassen, so die Werkzeuge des Vaters. „Er sagte, drüben gebe es bessere Qualität. Und das stimmte sicherlich auch.“ Wichtiger als das väterliche Werkzeug waren dem Jungen jedoch seine Freunde, die er verlassen mußte. Allerdings seien viele schon vor ihnen gegangen. „Mit Beginn der Universitätszeit hätte es sowieso einen Bruch gegeben. War alles gar nicht so schlimm.“
Stanislav Zrajaev sitzt in der Küche der elterlichen Wohnung am Eßtisch. Immer wieder klingelt sein Handy – dann wechselt er blitzschnell vom Deutschen ins Russische. Seit fünf Jahren ist er jetzt in Wuppertal. Auf welchem Weg die Familie im Bergischen Land gelandet ist, weiß der junge Mann nicht mehr. „Zuerst waren wir im Auffanglager Unna‐Massen. Da war es sogar ganz nett.“ Kann er sich noch erinnern an seine Ankunft in Deutschland? „Ja, klar“, sagt er, „Frankfurt, der Flughafen war einfach überwältigend.“ Seine Hände beschreiben Bögen in der Luft. „Riesig!“ Aber Unna sei noch ungewohnter gewesen. „Die engen Straßen mit den hohen Häusern und dem Kopfsteinpflaster. In Taschkent war alles breiter.“ Und die Deutschen? „Na ja, die Menschen waren schon irgendwie dieselben.“ Und dann lacht er. „Allerdings haben die Leute hier ein erkennbar anderes Verhältnis zu ihrem Auto beziehungsweise ihren Autos.“ Er betont das „s“. „Bei uns zu Hause war ein Auto ein Luxus‐ oder ein Statussymbol. Für Autoklau gab es lange Gefängnisstrafen. Hier hat jede Familie eines oder sogar zwei.“
Stanislav Zrajaevs Familie hat Glück gehabt im neuen Land. Und das, obwohl keiner von ihnen Deutsch sprach. „Mein Vater war in Usbekistan Manager in einer Computerfirma. Er hat hier gleich einen Job gekriegt. Auf der Arbeit sprachen viele Russisch oder Englisch. Da war das Deutsche nicht so wichtig.“
Identität ist schwierig zu definieren für Stanislav. Von seines Vaters Seite her ist er jüdisch, von der Seite seiner Mutter russisch. „Zu Hause haben wir russisch gesprochen. Ich kann nur wenig Usbekisch. Nach der Unabhängigkeit Usbekistans wurde Nationalstolz bei uns aber über Nacht sehr wichtig“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Nicht, daß dies wirklich sein Thema wäre. Der junge Mann mit den dunklen Haaren und der modischen Brille lächelt. „Ich weiß nicht so richtig, was ich bin. Ein bißchen Russe, ein bißchen Jude. Als Jude hat mich aber nie jemand angesprochen.“ In Usbekistan, wo 88 Prozent der Bewohner Muslime sind, sei Antisemitismus für ihn nie ein Thema gewesen. Die häufige Frage nach der Religionszugehörigkeit hat ihn in Deutschland zunächst verwirrt. „Ich habe immer gesagt, daß ich konfessionslos bin. Ich habe zu keiner Religion einen wirklichen Bezug. Nur mein Vater hat sich in sein Judesein richtig eingefunden.“
Auch wenn Stanislav Zrajaev inzwischen längst fließend Deutsch spricht, beim Thema Jüdische Gemeinde ringt er sichtlich um die richtigen Worte. Er gehe hauptsächlich hin, weil er dort seine Muttersprache sprechen kann und Freunde trifft. „Ich fühle mich in der Gemeinde nicht wirklich fremd, aber auch nicht richtig zu Hause. Er fragt sich, ob er vielleicht eine falsche Vorstellung von einer Gemeinde habe. „Es kommt mir so vor, als spielten dort alle ein Spiel. Es gibt sicherlich einen Kern von Menschen, denen das Synagogenleben aus religiösen Gründen am Herzen liegt und die das alles sehr ernst nehmen. Aber von den Jüngeren – und auch von manchen Älteren – habe ich das Gefühl, daß das alles irgendwie künstlich ist.“ Allerdings, gesteht er nachdenklich, schäme er sich schon ein wenig, daß er nicht bete. „Aber vielleicht komme ich noch dahin – wenn ich älter bin.“
Immerhin: durch die Theatergruppe, die sich in der Gemeinde gründete, hat er sich eine neue Welt erschlossen (siehe Jüdische Allgemeine 07/06). „Das Theaterspielen hilft im Leben. Normalerweise bin ich eher ein logisch denkender, zurückhaltender Typ. Beim Spielen kriege ich eine neue Haut. Dann verwandle ich mich in jemand anderes.“ Das sagen jedenfalls seine Freunde, fügt er grinsend hinzu. Aber nicht nur das Theaterspielen hat es dem jungen Mann angetan. In seinem Zimmer steht ein Schlagzeug. Hin und wieder entspannt sich der junge Mann im Rhythmus der Trommelwirbel auf Toms, Hi‐Hats und Becken.
Leuchtende Augen bekommt Stanislav allerdings erst, als er sei neuestes Hobby erwähnt: Seit etwa einem Jahr betreibt er Parkour, eine Extremsportart. Sie entstand Anfang der 80er Jahre aus spielerischen Verfolgungsjagden über Hindernisse, die der Franzose David Belle mit seinem Vater veranstaltete. Beim Parkour überwinden die Sportler Mauern, Zäune und Baugerüste. Hochhäuser und Gebäudefassaden werden vom unüberwindlichen Hindernis zum kreativen Spielplatz. Stanislav Zrajaev holt seinen Laptop und zeigt Fotos, die ein Freund von ihm gemacht hat. Darauf setzt der junge Mann über Zäune und fliegt über Betonmauern – alles gänzlich ohne Hilfsmittel und schützende Knieschoner. „Es gibt keine Grenzen, es gibt nur Hindernisse. Und die muß man überwinden lernen“, sagt Stanislav begeistert. „Das macht nicht nur Spaß. Man lernt bei diesem Sport, Ängste zu besiegen, man wird mental stärker und lernt Selbstverantwortung und Disziplin.“ Blaue Flecke sind einkalkuliert. Allerdings sei bei manchen, die Parkour machen, schon eine Schraube locker, sagt Stanislav und schüttelt den Kopf. Er habe von Jungen gehört, die springen vom vierten in den zweiten Stock. Und was sagen seine Eltern dazu? Er lacht. „Meine Mutter ist genauso fasziniert wie ich.“
In wenigen Wochen wird Stanislav Zrajaev sein Abiturzeugnis bekommen. Wie stellt er sich seine Zukunft vor? Den Schauspielerberuf hält er kaum für realistisch. „So genau weiß ich das aber noch nicht. Wahrscheinlich werde ich Physik studieren. Aber nicht auf Lehramt, das ist nichts für mich.“ Eher möchte er wissenschaftlich arbeiten. Aber mit dem Studium könne man auch als Klempner enden, sagt er und lacht. Und wie ist sie gelungen, die Integration des jungen Mannes aus Taschkent in seine neue Heimat? „Meine Freizeit verbringe ich viel mit russischsprachigen Freunden. Also bin ich wohl nicht so richtig integriert. Und vielleicht werde ich das auch nie sein.“ Als halber Jude und halber Russe sei er in einer überwiegend muslimisch geprägten Stadt auch irgendwie anders gewesen.

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