Nackt unter Wölfen

Es war einmal in Buchenwald

von Steffen Reichert

Es ist der 5. August 1944, als auf dem Ettersberg bei Weimar ein Zug Halt macht. Vier, fünf Tage lang war der Transport mit rund 2.000 jüdischen Gefangenen unterwegs. Ohne Licht in den Waggons, ohne Wasser und Toiletten, ohne Nahrung für die Insassen. Für die SS‐Wärter im KZ Buchenwald ist es Routine, Züge wie diese rollen regelmäßig in die Stadt der Dichter und Denker. Doch als der Transport hinter den Toren mit der Aufschrift »Jedem das Seine« zum Stehen kommt und die Gefangenen in Richtung Lagerinneres marschieren, ist die Aufregung groß: Ein kleines Kind ist unter den Ankommenden. Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile. Die Gefangenen drängen sich am Stacheldrahtzaun, sogar die weiblichen SS‐Angehörigen kommen aus der Lagerverwaltung herbeigerannt. Nie zuvor hat es das in Buchenwald gegeben. Die Altersuntergrenze für die Häftlinge, die in dem 1937 errichteten KZ Schwerstarbeit verrichten müssen, liegt bei 16 Jahren.
Stephan Jerzy Zweig heißt der dreijährige Junge, der mit seinem Vater Zacharias, einem polnisch‐jüdischen Rechtsanwalt, in Buchenwald eingetroffen ist. In‐ zwischen zu groß für den Rucksack, in dem ihn sein Vater im Krakauer Ghetto immer wieder vor den Nazischergen und damit dem Tod versteckte, läuft der platinblonde Junge barfuß neben seinem Papa her. Mutter und Schwester sind, wie alle Frauen des Transports, in Leipzig selektiert worden, sie werden später in Auschwitz ums Leben kommen.
Ein Kleinkind in Buchenwald. Es ist der Beginn eines Mythos’, der in der DDR jahrzehntelang das populäre Geschichtsbild prägt. »Hier wurde die Legende vom alles bestimmenden kommunistischen Widerstand geboren«, sagt der britische Historiker Bill Niven, der an der Universität Nottingham deutsche Geschichte lehrt und jetzt in einem Buch den Mythos auseinandergenommen hat.
Dieser Mythos hat einen Vater. Nackt unter Wölfen heißt der 1958 erschienene Roman von Bruno Apitz über das »Buchenwaldkind« und seine Rettung vor dem Tod durch aufopferungswillige kommunistische KZ‐Häftlinge. Mehr als zwei Millionen Mal verkauft und in 30 Sprachen übersetzt, kennt jedes Kind der DDR das Buch, genauso wie Frank Beyers gleichnamigen DEFA‐Film von 1963. »Der Roman als Fiktion wurde scheibchenweise zur Realität«, resümiert Niven seine jahrelange Forschung. »Durch das Weglassen und Hinzufügen von Details baute die SED an ihrem Geschichtsbild.«
Im Roman und im Film wird der Junge von den Häftlingen im Lager vor der SS versteckt. In Wahrheit war der dreijährige Stephan Jerzy Zweig als Häftling Nummer 67.509 in Buchenwald ein offizieller Gefangener, der auch an den Appellen teilnehmen musste. In der DDR‐Darstellung ist der Junge auch Waise, was in Wirklichkeit nicht stimmte. Zwar war Stephan Jerzy Zweig sofort nach der Ankunft von seinem Vater getrennt und im »Kleinen Lager« interniert worden, wo sein Betreuer Willi Bleicher, der später bei der bundesdeutschen IG Metall eine wichtige Rolle spielte, alles dafür tat, ihm im System des Todes das Überleben zu ermöglichen. Die Häftlinge nähten dem Kleinen Kleidung, bastelten Spielzeug, badeten ihn, besorgten Sonderrationen Essen, lehrten ihn die wichtigsten Wörter – damals »Transport« oder »kaputt«. Aber sie sorgten auch dafür, dass sein Vater den Jungen regelmäßig besuchte, mit ihm sprach und spielte. Im Roman fehlt der Vater. Auch von den liebevollen »Muttis«, als die der kleine Stephan Jerzy Zweig die in die Zwangsprostitution geschickten weiblichen Häftlinge kennenlernt, ist keine Rede. Nichts soll das edle Bild stören, an dem der offiziellen DDR gelegen ist.
Schon gar nicht der »Opfertausch«, der vielleicht tragischste Aspekt der Geschichte. Bill Niven hat recherchiert, dass im September 1944 ein kommunistischer Schreibstubenhäftling Stephan Jerzy Zweig heimlich von einer Transportliste nach Auschwitz strich und an seiner Stelle den 16 Jahre alten Sintojungen Willy Blum in den Tod schickte. »Der Beschluss zur Rettung des Kindes kam von der internationalen geheimen Lagerorganisation«, hat Vater Zacharias Zweig später in seinen Erinnerungen für Yad Vashem notiert. Was waren die Motive für diese von der kommunistischen Häftlingshierarchie veranlasste Entscheidung? »Ich weiß es nicht«, sagt Niven. Aber vieles, sagt er, spricht dafür, dass es um eine Art Propagandacoup ging: die Rettung eines Kindes als Symbol erfolgreichen Widerstands.
Am 11. April 1945 wurde Buchenwald von amerikanischen Truppen befreit. Unter den Überlebenden waren auch Zacharias und Stefan Jerzy Zweig. Vater und Sohn gingen zurück nach Krakau, emigrierten später nach Frankreich und ließen sich schließlich in Israel nieder. Dort verlor sich zunächst ihre Spur. Erst als 1963 Frank Beyers Film in die Kinos kam, gab es erste, zaghafte Fragen in der DDR. Der Junge sei durch US‐Soldaten adoptiert worden, hieß es anfangs. Dann begannen Journalisten, mit offizieller Rückende‐ckung die beiden Überlebenden des Holocaust zu suchen. Sie fanden Stephan Jerzy Zweig, er kam als gern vorgezeigter Gast in die DDR, wo er als lebende Ikone des Antifaschismus präsentiert wurde. Man hofierte und umsorgte ihn, und schließlich sagte er zu: Ja, er wolle in diesem Land leben. Das Buchenwaldkind zog in die DDR, begann eine Ausbildung als Kameramann. Doch 1972 verließ Zweig die DDR wieder, ernüchtert von den Verhältnissen. Er ging still und leise mit seiner Frau, versprach, nie ein böses Wort über den »besseren deutschen Staat« zu sagen. Zweig, der inzwischen in Wien lebt, hält sich bis heute daran. Tief enttäuscht ist er, dass nach 1990 sein Name von der Gedenktafel in der KZ‐Gedenkstätte Buchenwald verschwand. Es ist ja seine Geschichte, sagt er, die nun vergessen werden soll. Aber eigentlich war es nie seine Geschichte, sondern nur ein Mythos, für den er von anderen instrumentalisiert worden war.

bill niven: das buchenwaldkind. wahrheit, fiktion und propaganda
Übersetzt von Florian Bergmeier
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2009, 328 S., 24,90 €

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