Lese-Tipps
Wellen, Wirtschaft und WM
Empfehlenswert: Verlag und Redaktion der Jüdischen Allgemeinen geben Tipps für die Sommerlektüre
20.07.2010
© Stephan Pramme
Sommerzeit ist Urlaubszeit – und Lesezeit. Ganz egal, ob Sie am Strand liegen, auf einer Almwiese sitzen oder auf dem heimischen Balkon entspannen. Die Auswahl der richtigen Urlaubslektüre ist dabei aber genauso wichtig wie die der passenden Bademode am Swimmingpool. Spannende Krimis für laue Sommernächte, dicke Wälzer für lange Flüge oder schicke Fotobände – für jeden Geschmack sollte etwas dabei sein. Den zu treffen, ist uns hoffentlich mit den folgenden Tipps gelungen. Viel Spaß!

Sommer, Sonne, Strandsaison – alle träumen vom Meer, doch die endlosen Wellen können auch nerven. Die 18 Kurzgeschichten haben eines gemeinsam: Auch ohne Schiffbruch lässt es sich gut ins Wasser fallen. Ab 37 Grad im Schatten wärmstens empfohlen.
– Frank Albinus
Nicht schon wieder Wellen! Hinterhältige maritime Geschichten. Diogenes,
414 Seiten, 9,90 €

Wer zu Hause bleibt und bei der Hitze lieber in Bücher guckt statt liest, hier etwas Feines für die Augen: Der weltweit beste Golf-Fotograf David Cannon hat die schönsten Fairways bespielt und abgelichtet. Mit gigantischen 160 Zentimeter breiten Klapptafeln und edlen Panoramabildern ist ein bibliophiles Meisterstück in limitierter Auflage editiert worden. Empfehlenswert auch für unsportliche Naturliebhaber. Über den Preis redet man besser nicht; aber für 200 Euro gibt’s keine bessere Weltreise …
– Elmar Balster
David Cannon: Golfplätze. Heel,
264 Seiten, 199,00 €

Ein Bestsellerautor mit hartnäckiger Schreibblockade. Eine einsame Übersetzerin mit Geldproblemen. Ein junger Investmentbanker mit allzu großen Karriereambitionen. Können diese drei die Finanzwelt aus den Angeln heben? Sie können! Kristof Magnusson schafft es mit viel Sinn für das absurd Komische die Geschichte von drei Menschen zu erzählen, deren Leben (zufällig?) miteinander verwoben wird. Spannend, witzig, klug, raffiniert und dennoch so leicht wie ein angenehm warmer Sommertag. Ein kleines literarisches Meisterwerk, das zur allgegenwärtigen Krise so gut passt wie das Victory-Zeichen zu Josef Ackermann.
– Christian Böhme
Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Verlag Antje Kunstmann, 285 Seiten, 19,90 €

Warum Franklin Foers Buch weder diesen Sommer noch vor vier Jahren zum Bestseller wurde, weiß ich nicht. Dabei ist es, passend zur Fußball-WM, eine grandiose Theorie der Globalisierung. Der Autor erklärt anhand des Fußballs den Aufstieg der russischen Oligarchen, die Verschuldung Afrikas, das Auftreten des Islamismus, den Antisemitismus und das Suchen nach jüdischer Identität. Es sind Reportagen aus der Welt des Fußballs. Und das ist die Welt.
– Martin Krauß
Franklin Foer: Wie man mit Fußball die Welt erklärt. Heyne, 270 Seiten, 17,95 € (über Internet)

Amichai, Juval, Churchill und Ofir: vier Männer – eine Freundschaft. Eshkol Nevo, gefeierter Jungautor der israelischen Literatur, erzählt die Geschichte von vier Männern um die dreißig, die seit den Jugendtagen einander verbunden sind und ihre Zuneigung ins Erwachsenenleben hinübergerettet haben. Vier Menschen, die verschiedener nicht sein könnten. Sprachlich brillant, mit Wärme erzählt. Ein wunderbares Buch über ein ewig junges Thema.
– Tobias Kühn
Eshkol Nevo: Wir haben noch das ganze Leben. dtv, 435 Seiten, 14,90 €

Bildbände nehme ich nicht mit in den Urlaub. Mein Telefon schon. Deshalb empfehle ich die iPhone-App Magnum Photos. Für 3 Euro bekommt man über 100 Bilder der bekanntesten Fotoagentur der Welt. Darunter Ikonen der Fotografie von Capa, Cartier-Bresson und vielen anderen. Wem das immer noch nicht reicht, der kann für 79 Cent weitere Galerien laden, auch die meines Lieblingsfotografen Martin Parr.
– Marco Limberg
Magnum Photos/Reporters without Borders: 101 Photos For Press Freedom, 2,99 € bei iTunes

Lucian hat weder Erinnerungen noch eine Vergangenheit. Dennoch fühlt sich Rebecca zu ihm hingezogen. Die 15-Jährige spürt, dass sie etwas ganz Besonderes mit dem Gleichaltrigen verbindet. Nur weiß sie nicht, was es ist. Lucian geht es ähnlich. Und beide ahnen, dass sie nicht mehr voneinander loskommen. Eine magische Geschichte, die Isabel Abedi einfühlsam erzählt. Sie erinnert ein wenig an die Twilight-Saga. Aber ist eben doch auf wundersame Weise ganz anders. Für Teenager und deren Mütter ein Muss.
– Bettina Menke
Isabel Abedi: Lucian. Arena, 560 Seiten, 18,95 €

Im belagerten, ausgehungerten und klirrend kalten Leningrad des Kriegswinters 1942 bekommen zwei Jungen von einem General den Auftrag, für die Hochzeitstorte seiner Tochter ein Dutzend Eier aufzutreiben – ein schier unlösbares Unterfangen. Auf abenteuerlichen Wegen gelangen sie bis zu den feindlichen Stellungen der deutschen Truppen und müssen sich mit viel Mut, List und Chuzpe gegen alle Hindernisse durchsetzen. Ein spannender und berührender Roman über Freundschaft und Überlebenswillen in grausamen Zeiten.
– Katrin Päßler
David Benioff: Stadt der Diebe. Heyne, 384 Seiten, 9,95 €

Wer Urlaubslektüre nicht unbedingt mit leichter Kost verbindet, dem empfehle ich Carla Guelfenbeins »Der Rest ist Schweigen«. Der Roman erzählt die Geschichte einer ganz normalen Familie, so scheint es zunächst. Doch als der kleine Tommy während eines Festes ein Gespräch unter Erwachsenen belauscht, erfährt er, dass sich seine geliebte Mutter das Leben genommen hat. Die Fassaden der Wohlhabenheit fallen nach und nach in sich zusammen. Und aus ihren Trümmern strebt alles Verdrängte und Ungesagte an die Oberfläche. Also: Nichts zum Wegdämmern am Strand, weil lesenswert.
– Bettina Piper
Carla Guelfenbein: Der Rest ist Schweigen. S. Fischer, 335 Seiten, 19,95 €

Vom pommerschen Jerichow nach New York und wieder zurück. Die alleinerziehende Mutter Gesine Cresspahl lebt im Big Apple, arbeitet bei einer Bank und liest jeden Tag die New York Times, die sie liebevoll ihre »Tante« nennt. Gespickt mit Nachrichten aus dem Jahr 1967/68 erzählt Johnson in tagebuchartigen Aufzeichnungen die Familiengeschichte der Cresspahls: vom knurrigen Vater Heinrich bis zu Gesines wissbegieriger Tochter Marie. Ein dickes Buch, aber vor allem eine großartige Sommerlektüre.
– Katrin Richter
Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Edition Suhrkamp, 1.906 Seiten, 38,00 €

Vor drei Jahren ist der junge Arzt David Hunter nach Manham gekommen, ein verschlafenes englisches Nest. Er will die Vergangenheit hinter sich lassen, vor allem über den Tod von Frau und Tochter hinwegkommen. Doch dann wird Hunter in einen mysteriösen Mord verwickelt. Widerwillig stellt er der Polizei seine Fähigkeiten als forensischer Anthropologe zur Verfügung. Doch der Fall einer verstümmelten Frauenleiche nimmt ihn immer mehr gefangen. Kein Krimi für schwache Nerven, aber einer für ein mitfühlendes Lesepublikum, das dem Arzt bei seiner manischen Suche nach dem Täter atemlos zur Seite steht.
– Heide Sobotka
Simon Beckett: Die Chemie des Todes. Rowohlt, 430 Seiten, 9,90 €

»Der Hummuskönig und die Badezimmerkönigin«, so heißt das Buch im Original. Zwei Israelis, die sich in New York in eine heiße Liebesaffäre stürzen, die in Costa Rica kläglich endet und in Tel Aviv ihren Nachhall findet. Dazwischen: ein Roadmovie und ein leichter Sommerroman über die Liebe aus Männersicht. So hätte der junge Philip Roth geschrieben, wenn er nicht neurotisch gewesen wäre.
– Ingo Way
Ilan Heitner: Liebe und anderer Schlamassel. Kein & Aber, 224 Seiten, 18,90 €

Haben Sie in der Immobilien-/Bankenkrise 2008 Geld verloren? Dann waren Sie wahrscheinlich psychisch zu ausgeglichen. Michael Lewis porträtiert in seinem Bestseller »The Big Short« eine Reihe von Sonderlingen, die beim Crash Milliarden machten, weil sie frühzeitig spürten, dass die als non plus ultra der modernen Finanzwelt gehandelten Hypothekenverbriefungen faule Eier waren und systematisch auf deren Absturz spekulierten. Spannend, witzig und mit einer Moral: Only the paranoid survive. Wer weiß das besser als Juden.
– Michael Wuliger
Michael Lewis: The Big Short. Penguin, 288 Seiten, 16,95 €
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