21. Nov. 2017
19:00

Musik und Politik

Nick Cave - you rock!
© S. Brandes

Musik ist für mich Eskapismus pur. Ich bin mir sicher, so geht es den meisten Menschen, die Musik lieben. Besonders seit ich ihn Nahost lebe, gönne ich mir regelmäßig eine gehörige Portion Realitätsflucht. Israel ist klein, die – nicht selten schreckliche – Wirklichkeit findet hier immer gleich um die Ecke statt. Zumindest mental ab und an verschwinden zu können, ist für mich Überlebensstrategie.

Ich stehe auf Rockmusik und wippe mit, wenn die neuesten Pophits im Autoradio spielen, ich liebe Klassik, doch ich vergöttere nur einen: Nick Cave. Keiner betört mich mit seinen Worten und seiner Stimme so wie er. Wenn ich seine Lieder höre, kann ich an gar nichts anderes denken. Cave ist für mich die Inkarnation von Romantik mit jeder Menge Coolness obendrauf.

Als ich las, dass der australische Rocker nach Tel Aviv kommen würde, brauchte ich nur vier Worte an meinen Liebsten zu richten: »Nick Cave in Israel«. Sofort setzte er sich an seinen Rechner und bestellte die Karten. Ich war im Himmel und fieberte auf das Konzert hin.

Kurz darauf las ich in der Zeitung, dass BDS-Vorreiter und Meister-Aufstachler Roger Waters Cave aufforderte, nicht nach Israel zu reisen. Ich wollte den Artikel am liebsten gar nicht lesen, denn Musik und Politik gehören für mich nicht zusammen. Wie gesagt, ich will flüchten, wenn die Töne erklingen, nicht über die oft trübe Realität der jüngsten Weltpolitik sinnieren. Musik hat für mich so gar nichts damit zu tun. Politik ist mein tägliches Brot, doch wenn ich auf ein Konzert gehe oder sogar nur, wenn ich zu Hause eine meiner Lieblings-CDs auflege, will ich davon partout nichts hören. Aber da es um den lang ersehnten Abend ging, konnte ich die Nachricht schlecht ignorieren.

Am Morgen seines Konzertes gab mein Lieblingssänger dann eine eigene Pressekonferenz: »Ich bin in Israel wegen BDS«, machte er ohne Umschweife klar. Vor einigen Jahren seien Kollegen auf ihn zugekommen und hätten ihn gedrängt, die Liste »Artists for Palestine« zu unterschreiben und damit zu versichern, nicht in Israel aufzutreten. »Aber ich wollte das nicht. Etwas daran hat gestunken. Ich fühlte mich dem nicht verbunden und mag keine Listen.« Gleichzeitig, erzählte er, habe er realisiert, dass er seit zwei Jahrzehnten nicht in Israel gespielt habe. Der Grund waren der Mangel an Popularität (das muss ein Witz gewesen sein) und Probleme bei der Logistik, Shows zu organisieren. Dadurch habe er sich gefühlt wie ein Feigling.

Als er die Europa-Tour zu seinem grandiosen Album »Skeleton Tree« plante, »war es mir wichtig, etwas dagegen zu tun, dass Künstler zum Schweigen gebracht werden sollen. Ich mag Israel und Israelis, und ich wollte etwas Bedeutendes dafür unternehmen«, so Cave.

Ich knie nieder. Nick Cave – you rock! Ihn live zu erleben, war natürlich fantastisch, ich war berauscht und bin es immer noch ein bisschen. Es war kaum auszuhalten, wie gut seine Show war, wie wundervoll seine Musik in jeder Ader vibriert, wenn er dabei (fast) direkt vor meiner Nase steht. Und dank seiner Worte ist sogar die schnöde Politik heute ein klein wenig romantischer geworden.

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