23. Jul. 2017
07:43

Kalte Fakten

Internet, Kaffee und etwas Abkühlung
© Flash 90

Ich muss einen Artikel schreiben und habe kein Internet. Ich habe auch keinen Computer, denn der ist leer. Mein Kaffee fehlt mir, den ich zum Schreiben brauche wie Luft zum Atmen. Und heiß ist es, denn mein Schreibtisch steht unter dem Dach, und die Klimaanlage funktioniert selbstverständlich auch nicht. Der Strom ist abgestellt. Nur für eine Stunde, »wegen dringlichster Arbeiten, die die Sicherheit gewährleisten«, stand auf einem Zettel geschrieben, den die Elektrizitätswerke an meine Haustür gepappt hatten.

Meine Tochter Dana ist aufgestanden und fragt, warum das Licht im Bad kaputt ist, kein Tropfen heißes Wasser fließt, und es unerträglich drückend im ganzen Haus ist. Ich brumme etwas von Wartungsarbeiten am Stromnetz. »Was?«, schreit sie und ihre Stimme überschlägt sich fast. »Mitten im Sommer? Sind die verrückt geworden?« Ich bin genervt, der Schweiß rinnt mir den Rücken herunter, und ich muss immer noch meinen Artikel schreiben. Stress pur.

Kurz entschlossen lade ich Dana auf ein Frühstück ins Café Aroma am Rothschild Boulevard ein. Das ist bis in den letzten Winkel klimatisiert, Internet funktioniert immer und Kaffee gibt es in rauhen Mengen. Sofort entspanne ich mich. Als ich meinen Artikel abgeschickt habe, sage ich zu meiner Tochter: »Dieser Stromausfall war doch jetzt sogar nett, oder?!«

Als ich etwas später wieder zu Hause bin, funktioniert alles einwandfrei. Die einzige Mühe macht die Uhr an der Mikrowelle, die ich stellen muss. Der Kühlschrank ist noch kühl, nichts verdorben, eigentlich ist gar nichts passiert. Mein Leben ist gut, habe ich Hunger, kaufe ich Essen, ist mir heiß, schalte ich die Klimaanlage ein, bin ich krank, gehe ich zum Arzt, bin ich einsam, steige ich ins Auto und fahren zu Freunden, habe ich keinen Strom, gehe ich ins Café an der Ecke.

Meinen Nachbarn geht es nicht so gut. Sie leben nur eine oder zwei Stunden Autofahrt entfernt, doch ist ihr Leben komplett anders. Es ist die Hölle. Die Menschen im Gazastreifen leiden unter dem Joch der Hamas und unter katastrophalen humanitären Bedingungen. Sie haben teilweise nur drei bis vier Stunden Strom am Tag und keine Aussicht auf Besserung. Alles ist knapp, Lebensmittel, Wasser, Hygiene, medizinische Versorgung, Hoffnung ist vom Aussterben bedroht. »Verdirbt denen das ganze Essen im Kühlschrank«, fragt mich Dana. »Wahrscheinlich schon«, sage ich.

Die meisten Nachbarn in Syrien haben wahrscheinlich gar keine Kühlschränke mehr. Der Bürgerkrieg hat das Land in eine riesige Todeszone verwandelt. Die Bewohner werden erschossen, vergiftet, verhungern oder werden zerbombt, wie die mehr als hundert Kinder, die vor Bussen standen, die sie aus ihrer belagerten Stadt in Sicherheit bringen sollten. Sie bekamen vorher eine Handvoll Bonbons. Dann kamen die Bomben. Sicherheit gab es nicht mehr.

Es gibt viele Israelis, die in Syrien helfen, so gut es geht. Allen voran die Armee. Erst jetzt veröffentlichte sie zum ersten Mal den Umfang ihrer Hilfsmaßnahmen, die sie heimlich, still und leise seit Jahren in das Land schicken. Das ist gut so, denn wer in der Welt weiß schon, dass die IDF in Syrien Krankenhäuser bauen lässt oder so viele Lebensmittel in die grenznahen Dörfer schickt, dass die Menschen vor dem Verhungern gerettet werden?

Doch weder ein Ende des syrischen Bürgerkrieges scheint in Sicht noch ein Aus für die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen. Leider bleibt mir so nicht viel anderes übrig, als für Organisationen zu spenden, die sich einsetzen und wieder und wieder darüber zu schreiben. Doch was ist das schon im Angesicht des unglaublichen Leidens um die Ecke? Ich weiß mein gutes Leben zu schätzen, bin mir bewusst, dass es mir viel besser geht, als den meisten. Ich genieße es, einen Kaffee am Meer oder in der kühlen Luft meiner Klimaanlage zu trinken. Aber jedes Mal, wenn ich die Zeitung aufschlage, schmeckt mir der auf einmal überhaupt nicht mehr.

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