12. Mai 2017
15:19

Weder Feuer noch Flamme

Lagerfeuer an Lag BaOmer
© Flash 90

Pessach stopfe ich mir den Bauch mit Mazzen voll, Chanukka zünde ich die Kerzen an, am jüdischen Neujahr trage ich Weiß und an Schawuot backe ich Käsekuchen. Ich mag die Feiertage in Israel und mache sie alle gerne mit. An einem aber passe ich: Lag BaOmer.

Das im religiösen Kalender relativ unwichtige Fest markiert den 33. Tag der siebenwöchigen Omer-Periode zwischen Pessach und Schawuot. Traditionell gedenken Hunderttausende von streng religiösen Israelis auf dem Berg Meron dem Todestag des Rabbis Schimon Bar Jochai. Doch auch völlig säkulare Menschen feiern mit. Und zwar mit Lagerfeuern, den Medurot, im ganzen Land.

Normalerweise muss ich dann nur einmal Fenster und Türen fest verschließen. Dieses Jahr aber gleich zweimal. Denn das Oberrabbinat hat den Feiertag prompt vom Sonntag auf den Montag verlegt, damit der Schabbat nicht von irgendwelchen Feuerteufeln entweiht wird, die schon vorher zündeln. Doch dadurch, meinen die Sicherheitskräfte, werden viele nicht nur am Sonntag, sondern gleich noch einmal am Montag feiern. Denn an Lag BaOmer wabern nicht nur die Funken, sondern vor allem giftige Partikel durch die Lüfte. Die verpestende Rauchwolke über Israel ist so groß, dass sie von Satelliten gesehen wird.

Vielleicht spielt meine deutsche Engstirnigkeit eine Rolle oder mein europäisch geprägtes Umweltbewusstsein – doch wenn ich die Lagerfeuer inmitten der Städte sehe, steigen mir nicht nur vom beißenden Rauch die Tränen in die Augen.

Jede Schulklasse und jeder Kindergarten macht mit. Schon Dreijährige tanzen um die lodernden Feuer, und alle Warnungen werden in den Funken sprühenden Wind geschlagen. Statt Umweltbewusstsein wird Leichtsinn gelehrt. Und so haben die Feuerwehren, Polizei und Krankenhäuser an diesem Tag natürlich Hochkonjunktur. Besonders Eifrige bauen ihre lackierten und beschichteten Holzstapel meterhoch und brennen sie mit Vorliebe mitten in Waldgebieten oder bevölkerten Stadtvierteln ab.

Man muss sich ausmalen, dass an einem Tag im Jahr in Berlin, Hannover, München, Weimar und allen anderen Orten Deutschlands Hunderttausende von Lagerfeuern abgebrannt werden. Nicht in Gärten, sondern mitten in der Stadt. Schwer vorzustellen? Genau! Aber so sieht es in Israel an Lag BaOmer aus.

Ich sage nicht, dass der Feiertag generell abgeschafft werden sollte. Aber er muss anders werden. Nicht jede Tradition ist eine heilige Kuh, nur weil sie seit langer Zeit besteht. Wie letztens sogar der extrem fromme Gesundheitsminister Yakov Litzman zu den Chanukka-Krapfen Sufganiot sagte: »Wir müssen unsere Kinder nicht mit ungesundem Zeug füttern, nur weil Chanukka ist.« In diesem Sinne meine ich: Wir müssen unsere Luft nicht verpesten und die Natur abfackeln, nur weil es schon immer so gemacht wurde. Ich bin für Lag BaOmer wahrlich nicht Feuer und Flamme.

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