30. Dez. 2016
11:28

Like it’s 1999

Auf Nimmerwiedersehen 2016!
© dpa

Es war ein grauenvolles Jahr. Vielleicht war es objektiv gesehen – sofern das überhaupt möglich ist –, nicht schlimmer als andere. Doch für mich war es der reinste Horror.

Irgendein kluger Mann (ich habe leider vergessen, wer es war) sagte vor einer Weile, dass es für ihn das Schlimmste sei, seine Erinnerungen und damit seine Vergangenheit zu verlieren. Denn die sind der Kern seiner Persönlichkeit, ohne sie sei er nicht viel mehr als eine leere Hülle. Ich kann das gut verstehen. Ich habe mein Gedächtnis glücklicherweise noch. Und doch fühle ich mich, als sei ein Teil von mir in diesem Jahr unwiederbringlich verschwunden.

Denn vieles, was geschah, kam gänzlich unerwartet und erschütterte mich in meinen Grundfesten. Ich bin kein zynischer Mensch, und so hätte ich nie gedacht, dass der Brexit Wirklichkeit werden könnte. Dass ultrarechte Extremistenparteien in Europa so unheimlich stark würden. Vor allem hätte ich meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass eines nicht geschieht: dass nämlich ein aufgeblasener Selbstdarsteller mit einer gestörten Sicht auf die Welt, die Menschen und insbesondere Frauen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird. Ich fühle mich ausgelaugt und geschlagen.

Dass der syrische Bürgerkrieg nur wenige Autostunden von mir entfernt tobt, jeden Moment unschuldige Menschen in diesem Wahnsinn sterben und ein Terrorist in Berlin Besucher eines Weihnachtsmarktes tötete, macht alles nur noch schwerer erträglich.

Oft, wenn der Weltschmerz zu schwer wiegt, lege ich Musik auf und tanze. Gut muss sie sein und sehr sehr laut. Im Moment aber stimmt mich das eher noch trauriger. Denn 2016 war auch das Jahr, in dem die Musik starb. Mit dem Tod von David Bowie, Prince, George Michael und vielen anderen, die ein Teil von mir und meiner Geschichte waren.

Zu dieser Vergangenheit gehörte auch, jedes Jahr an Silvester zu tanzen, als gäbe es kein Morgen. Das Feiern in Israel in dieser Nacht ist eine nicht gänzlich unumstrittene Sache. Es gibt immer mehr Neujahrspartys, vor allem in den säkularen Hochburgen wie Tel Aviv oder Haifa, und sogar religiöse Israelis (insbesondere jene, die irgendwann Alija aus dem Ausland gemacht haben) stoßen nicht selten auf das neue Jahr an. Das Oberrabbinat indes sieht das gar nicht gern und würde sämtliche Feten am liebsten untersagen.

Das ist nicht der Grund, doch irgendwie hat es mich nie sonderlich gereizt, in Israel Silvester zu feiern. Es fühlte sich an, als sei es nur ein Abklatsch. Das israelische Neujahr ist Rosch Haschana. Doch jetzt muss es einfach sein. Ich will dieses Jahr verjagen. Mit Pauken und Trompeten. Und dann tanze ich – like it’s 1999.

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