22. Jul. 2016
12:35

Schöne Farben

Trotz der Regenbogen-Laune war die Realität allgegenwärtig.
© Flash90

Mehr als 25.000 Menschen gingen mit. Alte und Junge, Familien, Schwule, Transgender, Lesben, Heteros, Religiöse, Säkulare. Und ich auch. Die Farben des Regenbogens leuchteten bunt auf der 16. Gay Pride Parade in Jerusalem. Sie hingen an Laternenstangen, prangten auf T-Shirts, wippten als Hörnchen auf den Köpfen von Teilnehmern, waren auf die Haut und viele, viele Schilder gemalt. Doch heller und deutlicher noch als der Regenbogen leuchtete die Farbe des Lebens.

Ein Jahr zuvor war bei demselben Event die 16-jährige Shira Banki getötet worden. Der ultraorthodoxe Fanatiker Yishai Schlissel hatte ein Messer gezückt und wild auf die Leute eingestochen. Sechs Frauen und Männer wurden verwundet, Shira starb an ihren Verletzungen. Ihr einziges Vergehen war ihr Glaube an Toleranz und Gleichberechtigung gewesen. Gestern war eine Hommage an diese Haltung.

Nur wenige Meter von dem Platz entfernt, an dem sein Kind erstochen wurde, sprach ihr Vater Ori Banki. Er rief auf, für ein tolerantes und moderates Israel einzustehen. »Im letzten Jahr wurde unsere Tochter ermordet, weil sie daran glaubte, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben zu leben, ohne sich dafür zu schämen, wer er ist«, sagte er. »Lasst euch nicht von Hass, Intoleranz und Vorurteilen aufzehren!«

Unter einem Plakat, das die lachende 16-Jährige zeigte, legten die Teilnehmer rote Rosen ab. Einer hielt ein Poster: »Wir erinnern uns an dich, Shira. Voller Liebe«. Nicht weit davon stand ein junger Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd still am Rand der Parade. Er hielt ein kleines Schild vor dem Bauch: »Der Hass ist mein Feind. Ich bin ein Religionsstudent und liebe euch alle«. Regierungschef Benjamin Netanjahu mahnte in einer Videobotschaft, dass Shira ermordet wurde, weil sie die simple Idee unterstützte, dass wir alle gleich sind. »Dieser Marsch ist einer des Zusammenhalts, wir lassen nicht zu, dass andere uns auseinandertreiben.«

Trotz der 25.000 und mehr in Regenbogen-Laune war die Realität allgegenwärtig. Der Jerusalemer Bürgermeister hatte zwar vorher Blumen am Tatort abgelegt, bei der Parade jedoch fehlte er. »Er wolle keine Gefühle verletzen«, gab er als Begründung an. Die Rufe von Hunderten Rabbinern, die Schwule und die LGBT-Gemeinde als »pervers« bezeichnen, hatte jeder Teilnehmer vernommen.

Wer seinen Kopf nur ein wenig zur Seite drehte, sah die Massen von Sicherheitskräften, die jeden Schritt der Teilnehmer begleiteten und schützen. Mindestens 30 Leute wurden festgenommen, bei zwei von ihnen Messer gefunden. Der Bruder des Mörders, Michael Schlissel, wurde ebenfalls verhaftet. Er habe mit dem lebenslänglich im Gefängnis sitzenden Yishai einen Plan ausgeheckt, auch auf dieser Gay Parade Unheil zu stiften, erklärten die Ermittlungsbehörden. »Ja, es gab eine ernsthafte Bedrohung für die Teilnehmer«, gab der Jerusalemer Polizeichef anschließend zu. »Doch wir tun alles, damit jegliche Gewalt im Keim erstickt wird.«

Unter Shiras Foto stand ein Satz von Spinoza in dicken Buchstaben: »Es ist besser Gutes zu lehren, als das Böse zu verdammen«. Die 16. Gay Parade in Jerusalem verlief ohne Zwischenfälle. In bunten Farben, die die dunklen Schatten verdrängen. Zumindest für einen Tag.

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