Israelis sind mit der Hand locker an der Hupe. Ob in oder außerhalb der Ortschaft interessiert niemanden, getrötet wird überall. Mich nervt das oft, vor allem, wenn überhaupt kein ersichtlicher Grund vorliegt oder klar ist, dass auch das wildeste Hupkonzert an der Situation nichts ändern kann. Letzte Woche stand ich im Stau bei Tel Aviv. Jetzt sind sie hinter den Lenkrädern ihrer Mazdas, Toyotas und Jeeps völlig übergeschnappt, dachte ich. Es bewegte sich nichts, doch um mich herum hupte es von allen Seiten ohne Unterlass. Meine Lippen setzten gerade an, böse Schimpfworte zu formulieren, als ich sie sah. Am Rand des Ayalons, der Stadtautobahn, zog ein Tross von Menschen in weiß-blauen T-Shirts vorbei, in den Händen Fahnen und gelbe Luftballons: die Familie Schalit und Tausende von Mitdemonstranten, die sich ihnen auf ihrem Marsch angeschlossen hatten. Seit Tagen gingen sie durchs Land, um auf das Schicksal von Gilad aufmerksam zu machen. Die Hupen ertönten aus Solidarität.
Vier lange Jahre schon sitzt der junge israelische Soldat in völliger Isolation irgendwo in einem Gefängnis der Hamas, niemand darf zu ihm, nicht einmal das Rote Kreuz oder ein Arzt. Jegliche Anstrengung, ihn freizubekommen, verlief im Sande. Die Regierung in Jerusalem und die Hamas schieben sich gegenseitig die Schuld für das Scheitern in die Schuhe. Angeblich liegt es an Details.
Noam und Aviva sind Gilads Eltern. Ich habe selten derart bescheidene, aufrichtige Menschen erlebt. Sie haben in keinster Weise Interesse am Rampenlicht, einzig die Sorge um ihren Sohn treibt sie an. In der ersten Zeit nach der Entführung von Gilad in den Gazastreifen hielten sie sich völlig zurück, um etwaige Geheimgespräche nicht zu gefährden. Erst enttäuschte sie die Regierung unter Ministerpräsident Ehud Olmert, jetzt ist es Premier Benjamin Netanjahu, der nichts als leere Versprechen gibt. Man wolle Gilad zwar befreien, doch nicht um jeden Preis, sagte er kürzlich. Deshalb machte sich die Familie zum vierten Jahrestag der Entführung in ihrem Heimatort in Galiläa auf, um zu Fuß bis zur Jerusalemer Residenz des Premiers zu gehen und dort für die Freilassung zu demonstrieren. Es sei ein grauenvoller Marsch, durch Gluthitze und Staub, doch wir haben keine andere Wahl, sagte Noam Schalit.
Zwölf Tage lang hörte man so in jeder stündlichen Stauschau im Radio: Stockender Verkehr durch die Familie Schalit und ihre Mitdemonstranten. An manchen Tagen waren es über 20.000, die mitliefen, insgesamt sollen sich mehr als 120.000 Israelis den Schalits angeschlossen haben. Normalerweise regen sich die Leute hier schnell auf, wenn irgendetwas Unvorhergesehenes ihre Pläne durchkreuzt. Nun aber sah ich niemanden nörgeln oder meckern. Stattdessen blieben die Fahrer stehen, zeigten rufend und hupend, dass sie genauso dachten wie die Menschen mit den Fahnen in der Hand. Viele parkten einfach ihre Autos auf dem Seitenstreifen und schlossen sich dem Marsch an. Ich tat es ihnen gleich und lief zwei Stunden mit, einen gelben Luftballon in der Hand und Gänsehaut am ganzen Körper.
Ganz ehrlich, ich mag Geschenke. Klein oder groß ist mir egal, der Inhalt ist auch nicht übermäßig wichtig. Ich finde es einfach schön, wenn jemand an mich denkt und sich die Mühe macht, etwas zu besorgen, es einzupacken und mir mit einem Lächeln in die Hand zu drücken. Oft packe ich es gar nicht sofort aus, weil ich den Eindruck des bunten Papiers mit der Schleife darauf noch länger haben, die Vorfreude, was sich darunter verbergen könnte, in die Länge ziehen möchte. Geschenke sind toll. Gestern hatte ich nichts zum Auspacken. Zugegeben, etwas enttäuscht war ich schon. Dass ich dazu noch um vier Uhr morgens aufstehen sollte, machte die Sache nicht besser. Zerknittert saß ich im Auto mit einem wässrigen Coffee to go auf den Knien. Keine frischen Brötchen, kein Geschenketisch.
Doch morgens um halb fünf ist die Welt noch in Ordnung. Sogar in Israel. Zumindest, wenn man das Radio nicht anschaltet. Über menschenleere Straßen fuhren wir im dämmerigen Morgenlicht erst gen Norden, dann nach Osten. An irgendeiner Tankstelle bogen wir ab, holperten über einen Acker und da war es dann, mein Geschenk. Ohne Schleife zwar, doch riesig und wunderschön blau. Vor mir auf dem Feld lag ein überdimensionaler Heißluftballon. Almog, der uns durch den Himmel fahren sollte, wünschte mir Masal Tow, wie man das hier so tut, und zeigte auf den kleinen Korb, in dem ich die ersten Stunden meines Geburtstages verbringen sollte.
Wow, brachte ich nur hervor, dann konnte ich erst einmal gar nichts mehr sagen. Ich war noch nie in einem Ballon geflogen. Irgendwie hatte ich das Bild eines wild schwankenden Korbes im Kopf, dachte an Seekrankheit und Schwindel. Doch es gab nichts dergleichen. Nur Stille und Entspannung. Das einzige Geräusch kam vom Befüllen mit heißer Luft. Wir flogen über Felder voller Wassermelonen, die von oben aussahen, als seien es Tausende Fußbälle, die spielende Kinder hier vergessen hätten. Hinter mir lagen die Gilboa-Berge, daneben der Tavor. Eigentlich ist die Fahrt im Heißluftballon mehr Schweben denn Fliegen. Mal geht es runter, mal hoch bis auf tausend Meter, je nach Windstärke auch recht schnell vorwärts, doch alles völlig lautlos und sanft.
Ich war zwar nicht über den Wolken, aber kurz darunter. Und auch da ist es schon wundersam friedlich. Was ja leider für den Nahen Osten nicht wirklich üblich ist. Dann sah ich die Sonne über Jordanien aufgehen und fragte mich, ob die Nachbarn das wohl auch so berauschend finden, wie ich jetzt gerade. Zwei Stunden Ruhe und Frieden im Nahen Osten - ein ganz besonders schönes Geschenk.