02. Aug. 2015
17:11

Der Morgen danach

Die Menschen sind zutiefst geschockt.
© Flash 90

Ich mag es, über den Carmelmarkt zu spazieren. Besonders am Freitagmorgen. Am letzten Tag der Woche hängt eine besondere Spannung über den Buden. Es scheint, als priesen die Händler nur ihre besten Waren für den Schabbat, als riefen die Marktschreier doppelt so überzeugend und als schmeckten die frischen Köstlichkeiten noch einmal so gut.

Am letzten Freitag lief ich wieder den Schuk entlang. Die zauberhafte Atmosphäre war wie weggeblasen. Überall liefen Radios und tönten die Nachrichten in verstörender Klarheit: Messerattacke auf der Gay Pride Parade in Jerusalem, palästinensische Familie mit Molotowcocktails attackiert, ihr Baby verbrannt.

Niemand bot mir mehr an, »süße Früchtchen« zu probieren, keiner rief mir »Schätzchen« hinterher. Stattdessen sah ich Trauer und Ratlosigkeit in den Gesichtern der Menschen hinter den Ständen.

Es war der Morgen nach dem Terror. Dem jüngsten Terror. Denn Terror ist in Israel keine Ausnahme, sondern blutiger und immer wiederkehrender Alltag. Dieses Mal allerdings sind die Menschen wirklich zutiefst geschockt. Politiker aus allen Reihen verurteilten die Gewalttaten mit den harschesten Worten, die sie finden konnten, zeigten sich »entsetzt und in ihren Grundfesten erschüttert«. Ich glaube allen. Denn dass ein Kleinkind bei lebendigem Leib verbrennen muss, weil andere meinen, »das ist der Feind«, lässt sogar Hartgesottene vor Verzweiflung erzittern.

Was ich allerdings nicht glaube, ist, dass sich jetzt etwas ändern wird. Obwohl immer mehr Politiker Klartext sprechen wie nie zuvor. Sie rufen der israelischen Gesellschaft zu, endlich aufzuwachen, den »Terror von innen« ernst zu nehmen und den betroffenen Worten Taten folgen zu lassen. Und doch bin ich heute überzeugt, dass dies nicht der letzte Akt des Terrors gewesen sein wird. Und tieftraurig ob meiner Überzeugung. Aber statt einer Entspannung in der Beziehung zwischen Juden und Arabern habe ich in den vergangenen Jahren ausschließlich Eskalation gespürt, statt Hoffnung wachsenden Hass.

Dabei war ich immer optimistisch, habe unerschütterlich an Frieden geglaubt. Ich wäre nicht hier, wenn ich keine Zuversicht hätte, versicherte ich stur, wenn mir wieder einmal jemand etwas von »verhärteten Fronten« erzählte.

Ich nehme natürlich nach wie vor die unermüdlich Mutigen wahr, die jüdischen und arabischen Idealisten, die sich für Verständigung einsetzen, für Frieden oder zumindest ein Ende des Terrors. Jene, die nie aufhören zu glauben, dass wir eines Tages gemeinsam lachen, statt einander zu verachten und zu töten. Und ich bewundere sie. Doch ich weiß, sie sind in der Minderheit. Die Mehrheit – ich bin sicher, auf beiden Seiten – hat längst den Kopf in den Sand des Nahen Ostens gesteckt und sich mit der ernüchternden Realität abgefunden.

Elf Jahre ist es her, dass ich nach Israel zog. Während ich zwischen den Marktständen spaziere, am Morgen danach, spüre ich, dass auch mich die israelische Realität erreicht hat.

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