02. Sep. 2016
12:01

Wegschauen, bitte!

© Flash 90

Den einen ist’s zu züchtig, den anderen nicht genug. Ob in Frankreich der Burkini die Gemüter erhitzt oder in Israel ein Bikini die Sittenwächter auf den Plan ruft, man könnte fast meinen, es seien die 60er, und der Zweiteiler zum Baden wurde gerade erst erfunden.

Vor einigen Tagen wurde der Auftritt einer jungen Sängerin bei einem Sommerfest abgebrochen, weil sie in Shorts und Bikini-Oberteil sang und sich weigerte, die darüber getragene Bluse zuzuknöpfen. Kulturministerin Miri Regev erklärte anschließend, der Auftritt habe keinen Respekt für die verschiedenen Gemeinden gezeigt. »Daher mussten wir sie von der Bühne entfernen.« Die Sängerin trat bei einem Sommer-Popmusik-Festival in der Hafenstadt Aschdod auf. Nicht in Mea Schearim und nicht vor der Kotel in Jerusalem.

Ich will damit nicht sagen: »Everything goes«. Selbstverständlich sollte man sich dem Anlass entsprechend kleiden. In die Schule etwa gehören keine Shorts, aus denen die Pobacken lugen oder T-Shirts mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Das muss man den meisten Mädchen allerdings gar nicht erklären. Die wissen genau, was geht und was nicht. Ihnen aber Regeln aufzuerlegen, die suggerieren, mit ihrem Körper ist etwas nicht in Ordnung, bringt mich auf die Palme. Ohnehin müssen sich vor allem junge Mädchen ständig damit auseinandersetzen, weil ihnen die verkehrte Welt der Werbung pausenlos einredet, so dünn, so groß oder so schön sein zu müssen, wie völlig irreale Vorbilder.

Doch so geschieht es in der Schule meiner Tochter neuerdings, die ich sonst sehr schätze. In dieser säkularen Oberschule in Tel Aviv dürfen Mädchen keine Tank-Tops, also T-Shirt ohne Ärmel, anziehen. Jungs schon. Mädchen dürfen keine Shorts tragen, die nicht mindestens zum Knie reichen. Jungs schon. Die neueste Regel allerdings macht mich sprachlos. Ab sofort sind Leggings untersagt, wenn nicht ein T-Shirt darüber gezogen wird, das mindestens den ganzen Po verdeckt. »Man würde sonst das Schamdreieck erkennen – und das ist sexuell«, erklärte eine Lehrerin.

Vielleicht muss man dazu wissen, dass schätzungsweise 99 Prozent aller Girlies hierzulande regelmäßig Leggings anziehen. Warum das für mich hässlichste Kleidungsstück der Welt es auf die Hitliste der sonst so modebewussten jungen Israelis schaffte, ist mir ein Rätsel, doch das ist irrelevant. Worum es geht, ist die Tatsache, dass Mädchen, deren Körpergefühl sich in der Entwicklung befindet, vermittelt wird: »Dein Körper ist nicht okay, deine Sexualität ist nicht okay, du bist nicht okay.« Und das alles, um züchtig zu sein, sprich: um Jungs und Männern nicht den Kopf zu verdrehen.

Die Regeln sind von Männern gemacht. Wenn sie heute von Frauen eingeführt werden, so basieren sie doch auf jenen, die vor Hunderten oder gar Tausenden von Jahren in männlichen Köpfen erdacht wurden. Wir aber leben im 21. Jahrhundert in der westlichen Welt. Wo Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – wenn auch nicht vollständig erreicht – eine bedeutende Rolle spielt. Die mit Füßen zu treten, schwächt die Stellung der Frau in der Gesellschaft enorm.

Die einzige Diskussion, die meiner Meinung nach über Klamotten geführt werden dürfte, ist die des guten Geschmacks. Finde ich es schick, dass sich erwachsene Frauen Löcher in ihre Jeans schneiden und ihre halben Hinterteile präsentieren? Nicht wirklich! Gefällt es mir, wenn die Kardashian-Familie ihre drallen Körper in durchsichtige Stretchkleider presst und in den Gazetten der Welt erscheint? Nun wahrlich nicht.

Dennoch würde es mir nie einfallen, Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie sich kleiden sollen. Für jene, denen nicht gefällt, wie sich jemand anzieht, habe ich einen Tipp: »Einfach wegschauen, bitte!«

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