16. Apr. 2015
17:28

Hört nicht auf zu erzählen

Israelische Kinder spielen das Leben von Schoa-Überlebenden nach
© Sabine Brandes

Wenn sich ein ganzer Jahrgang von Neuntklässlern in eine Aula quetscht, ist es selten bedächtig. Gestern morgen aber konnte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. 350 14- bis 15-Jährige saßen still auf ihren Stühlen, viele hatten Tränen in den Augen, manche hielten sich an den Händen. Auf der Bühne spielten Schüler ein Stück über das Leben im Holocaust, das sie selbst geschrieben hatten.

Es ist Jom Haschoa in Israel, der nationale Holocaust-Gedenktag. Überall im Land wird an die sechs Millionen jüdischen Opfer des Nazi-Terrors erinnert. Das ist auch im Kfar Hajarok, der Schule meiner Tochter Dana, so. Doch für sie und ihre Klasse steht die Schoa schon das ganze Jahr über auf dem Stundenplan. Auf Wunsch der Schüler.

Sie luden Überlebende in ihre Schule ein und hörten von unerträglichen Gräueltaten der Nazis, von unermesslichem Leid und Verlust. Sie litten mit, wie Zipora erzählte, dass ihre Schwester in Auschwitz erschossen wurde, weil sie krank war. Vor ihren Augen.

Die Kinder wandten sich nicht ab. Stattdessen schlossen sie Freundschaft auf Facebook und im wahren Leben. Sie besuchten sich, sangen und tanzten gemeinsam. Auch Jom Haschoa verbringen sie zusammen. Als die Überlebenden in ihrem Altenclub einen Basar veranstalten wollten, backten die Mädchen und Jungen Kuchen, um Geld für Flyer zu sammeln. Anschließend schwänzten sie die Schule und fuhren nach Tel Aviv, um sie in der ganzen Stadt zu verteilen. 20.000 Schekel kamen beim Basar zusammen, mehr als 4000 Euro. »Am Schönsten war es zu sehen, wie sehr sich die Leute gefreut haben, dass wir ihnen geholfen haben«, erzählten sie nachher.

Doch Yali, Roni, Schira, Avigail, Maya, Noam und die anderen taten viel mehr. Sie redeten, hörten zu und erzählten es weiter. Monatelang beschäftigten sie sich mit den Leben der Opfer und brachten am Ende ein beeindruckendes Theaterstück auf die Bühne. Sechsmal führen die Kinder das Stück auf und holen jedesmal die Geschichten der Ermordeten ins Bewusstsein der Lebenden.

In Deutschland sagen 70 Jahre nach Kriegsende 42 Prozent der Menschen in einer Umfrage des Forsa-Institutes, dass sie genug von Berichten über den Holocaust hätten, nichts mehr hören wollen.

Nach der Aufführung treffe ich Zipora. Sie hat Dana und zwei Freundinnen ihre Lebensgeschichte erzählt. Was für eine wundervolle Tochter ich hätte, sagt sie und lächelt. »Meine eigenen Kinder kennen meine Geschichte nicht. Ich konnte es einfach nicht aussprechen.« Dann legt sie ihre Hand auf meinen Arm und schaut mich an. »Aber ihr müsst sie erzählen. Und bitte hört nicht auf.«

Szene aus dem Theaterstück "Die Kinder von damals"
© Sabine Brandes

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