07. Apr. 2017
14:24

Ganz nah dran

Beliebtes Fotomotiv an der israelischen Grenze zum Libanon
© Sabine Brandes

Vergangenes Wochenende war ich im Norden. Von Tel Aviv bis an die Grenze zum Libanon braucht es weniger als zwei Stunden. Sofern es keinen Stau gibt. Es gab aber einen. Also mussten wir von der einzigen Autobahn des Landes ganz im Osten auf die Schnellstraße entlang der Küste ganz im Westen ausweichen. Der Umweg dauerte 20 Minuten.

So unkompliziert die kurzen Wege innerhalb Israels einen Ausflug in die Natur machen (in die Wüste brauche ich von meiner Wohnung aus gerade einmal etwas über eine Stunde), so nah dran sind damit allerdings auch die Schwierigkeiten. Und davon gibt es im Nahen Osten jede Menge.

Im Norden angekommen, machten wir einen Abstecher in die Sandsteingrotten von Rosch Hanikra. Ich mag diesen Ort sehr, er hat etwas von einer verwunschenen Schatzinsel mit Höhlen, durch die glitzerndes Wasser in knalligem Türkis wogt. Eine kurze Fahrt mit der Seilbahn nach oben, und die Realität holt den Besucher wieder ein. Der Metallzaun mit dem verschlossenen Tor samt Armeeposten und einigen Soldaten macht klar: Hier liegt die Grenze zum Libanon. Feindesland. Beliebtes Fotomotiv ist der Schriftzug an der Wand: »Jerusalem 205 Kilometer – Beirut 120 Kilometer«. Praktisch um die Ecke.

»Ich war schon mal in Beirut«, sagte mein Liebster plötzlich und blickte in die Ferne. »Das ist aber lange her, im ersten Libanonkrieg 1982.« Schnell rechnete ich im Kopf zurück. 19 Jahre alt war er damals, ein zurückhaltender israelischer Junge, der Physik studieren wollte und auf den Wellen ritt. Und ein Teenager, der in den Krieg musste, wenn einer ausbrach. »Oh«, murmelte ich nur und hielt seine Hand etwas fester, weil mir in diesem Moment nicht ein kluges Wort einfiel.

Nach einem Tag an der Westküste fuhren wir weiter Richtung Golanhöhen. Israels direkter Anrainer an der östlichen Grenze ist noch berüchtigter als der im Westen und jeden Tag in den Schlagzeilen: Syrien. Von der israelischen Seite aus kann man mit bloßem Auge die Kämpfe im Nachbarland verfolgen. Manchmal knallt es, dann sieht man Rauchschwaden. Viele Häuser sehen aus wie Ruinen. Es ist ein verstörender Anblick – der Krieg von der Aussichtsplattform aus.

Fast täglich kommen ganz in der Nähe Syrer an, die krank oder verletzt sind und verzweifelt – um medizinische Hilfe bittend – am Zaun stehen. Israel öffnet seine Pforten, versorgt die Menschen in einem Armeehospital an der Grenze und verlegt die schweren Fälle in die Krankenhäuser im ganzen Land. Mittlerweile haben sich diese humanitären Gesten in Syrien herumgesprochen. Für viele hat sich das Feindbild in das eines Lebensretters gewandelt.

Einige Tage, nachdem wir zurück in Tel Aviv sind, lese ich die Horrornachrichten in der Zeitung: Chemiewaffenangriff des syrischen Regimes auf Zivilisten in Idlib. Mindestens 100 Menschen sterben auf furchtbare Weise, darunter viele Kinder und Babys. Bei den Bildern der Gräueltaten steigen mir sofort die Tränen in die Augen. Ich googele, wie weit Idlib von Tel Aviv entfernt ist, wo ich gerade sitze und einen Cappuccino mit Blick aufs Meer genieße. Es sind nur einige Hundert Kilometer, mit dem Auto wäre man in wenigen Stunden da. Für die Opfer von Idlib ist das viel zu weit entfernt für jegliche Hilfe von außen. In Wahrheit aber ist es ganz nah dran.

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