26. Jun. 2015
16:39

Weiße Nacht – laute Nacht

Kopfhörer-Party in Tel Aviv
© Flash90

Eine Studie ergab kürzlich, dass Schulbücher in Deutschland Israel vor allem als Nation im Kriegszustand beschreiben. Gefangen in der »Krise des unlösbaren Konflikts im Nahen Osten«. Oder so ähnlich. Ich verstehe sehr wohl, dass die Lage in Nahost aus mitteleuropäischer Sicht oft bedrohlich erscheint. Dass die Kriege mit der Hamas die meisten Menschen schockieren und die Nachrichten dominieren.

Was ich allerdings nicht verstehe, ist die unglaubliche Einseitigkeit, mit der eines der vielfältigen Länder der Welt oft dargestellt wird. Sogar Kanzlerin Angela Merkel sagte bei einem ihrer letzten Besuche hier, dass die Deutschen leider nur sehr wenig über Israel wüssten. Ich wünschte mir, dass die Autoren der Bücher vor dem Niederschreiben das Land mindestens einmal bereisen müssten. Und die Schüler nach dem Lesen sowieso. Am besten zur Laila Lawan. Der weißen Nacht in Tel Aviv.

Vielleicht würde den Deutschen dabei kein vollständiges Porträt der Situation im Nahen Osten und auch kein gänzlich objektives des Lebens in einer israelischen Stadt gezeigt. Doch das verzerrte Bild, das den meisten Menschen fern von Israel präsentiert wird, wäre danach sicher etwas ausgewogener.

Die weiße Nacht findet einmal im Jahr statt. Gestern war es wieder soweit – und damit eine komplette Stadt in den Ausnahmezustand versetzt. Doch nicht etwa vor Angst oder Schrecken, sondern vor bloßer Lebensfreude. Hunderte tanzten auf dem Rabinplatz mit Kopfhörern auf den Ohren zu den Tunes europäischer DJs.

Zehntausende streiften durch die Straßen und Gassen, in denen Restaurants, Cafés und Bars alle Sonderangebote und Aktionen präsentierten. Am Strand gab es kostenlose Konzerte, auf den Plätzen der Stadt Straßentheater, Zirkus und Modeschauen.

Die Nacht, in der niemand schläft, findet immer unter einem Motto statt, dieses Mal Europa. Auf den Plakaten luden österreichische Musiker, deutsche Literaten, französische Maler und viele andere Künstler des Kontinentes ein.

Die Menschen spazierten, feierten und freuten sich unbändig ob der lauen und lauten Sommernacht. Und ich mit. Wäre Israel ein nur von Krisen geschütteltes Land, das sich permanent kurz vor oder nach einer Katastrophe befände, ich wäre längst nicht mehr hier. Doch ich bin es noch – und wie es aussieht, werde ich es wohl bleiben. Nicht nur, aber auch wegen der Laila Lawan.

19. Jun. 2015
15:22

Im Louvre unerwünscht!

Musée du Louvre in Paris
© Flash 90

Mit 18 lebte ich ein Jahr lang in Israel. Mein deutscher Pass war voller Stempel und Visa des jüdischen Staates. Damit machte ich Ferien am südlichen Zipfel von Spanien. Nach Marokko war es von hier aus nur ein Katzensprung. Voller Abenteuerlust wollten mein damaliger Freund und ich einen Abstecher in das nordafrikanische Land machen. Als Südamerikaner brauchte er allerdings ein Visum. Da seine Eltern in Tel Aviv lebten, waren auch seine Papiere mit Israel-Stempeln übersät.

»Kein Problem«, sagte man uns in der Touristeninformation, »das marokkanische Konsulat stellt sofort ein Besuchervisum aus«. Doch genau das tat es nicht. Nachdem unsere Pässe akribisch untersucht worden waren, schickte man uns mit fadenscheinigen Argumenten wieder fort. Andere Argentinier in der Schlage bekamen problemlos eine Einreiseerlaubnis.

Obwohl dieses Erlebnis viele Jahre her ist, weiß ich noch genau, wie schlecht ich mich ob der ungerechten Behandlung gefühlt habe. Wie wütend und hilflos mich dieser offensichtliche Antisemitismus gemacht hat.

Nun sitze ich in meinem Haus in Tel Aviv, und ähnliche Gefühle brodeln wieder in mir hoch. Die Meldung ist nicht groß, doch mir ist sie sofort ins Auge gefallen: »Studenten der Universität Tel Aviv im Louvre nicht erwünscht«.

Professor Sefy Hendler aus dem Geschichtsbereich der Uni hatte vor, mit zwölf Studenten nach Paris zu reisen, um Kultur-Highlights zu besuchen. Er buchte eine Tour im Louvre und eine in Sainte-Chapelle. Doch weder das weltberühmte Museum noch die gotische Kirche hätten etwas frei, ließ man ihn wissen. Auch Alternativtermine, die der Professor anbot, brachten ihm kein Glück.

Hendler wurde misstrauisch und fragte noch einmal beim Louvre für dieselben Termine nach. Dieses Mal allerdings gab er sich als Leiter einer italienischen und danach einer saudi-arabischen Studentengruppe aus. Und siehe da – für beide standen problemlos Plätze zur Verfügung.

Der israelische Professor war zutiefst geschockt und kurz davor, die Reise abzusagen. Doch stattdessen wandte er sich an französische Freunde der Universität und die Behörden in Paris. Die untersuchen nun, ob es sich bei dem Vorfall um antisemitische Diskriminierung gehandelt habe.

Der Louvre dementierte das sofort und erklärte, man habe ein computergesteuertes Reservierungssystem, das ganz sicher nicht diskriminieren würde. In Sainte-Chapelle würden zwar Menschen die Termine vergeben, doch auch dort sei es schlicht ein Versehen und keine böse Absicht gewesen, hieß es. Professor Hendler will das nicht akzeptieren.

Und ich auch nicht. Zu groß scheint mir der Zufall, dass zwei französische Kulturinstitutionen gleichzeitig Israelis – und ausschließlich Israelis – einen Besuch verweigern. Allerdings würde ich die Erklärung liebend gern glauben. Denn ich kann damit leben, nicht nach Marokko zu reisen. Aber Paris ist wie meine dritte Heimat, ich fühle mich wunderbar in der Stadt, liebe das Flair, die Boulevards und unermesslichen Kunstschätze.

Ich sollte jetzt wohl sagen, dass ich auf alle, die mich nicht wollen, pfeife, dass sie mich mal ... können. Aber da ist auf einmal dieses Gefühl in meiner Magengegend. Und leider ist die Trauer viel stärker als der Trotz.

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