Sabine Brandes schreibt aus Tel Aviv
TLV
Siebenhundertdreißig Meinungen
Zwei Juden – drei Meinungen. Dass ich nicht lache. Dieser Satz mag in der Diaspora zutreffen. Hier gilt: zwei Israelis – siebenunddreißig Meinungen. Oder siebenhundertdreißig. Ich habe aufgehört zu zählen. Nichts, aber auch gar nichts, scheint hier in Stein gemeißelt zu sein.
Heiliges Land hin oder her, für mich ist Israel das Land des Diskutierens. Alles wird permanent verbal auseinandergepflückt. Nicht nur in der Knesset argumentieren die Parlamentarier gern besonders scharfzüngig, ebenso erhitzt geht es an der Falaffel-Bude zu, im Supermarkt, dem Straßenverkehr und natürlich in jeglichen Schlangen vor Schaltern.
Wer vorher da war oder nachher, wo man stehen muss, um seinen Platz nicht zu verlieren, wer eine Nummer an einen anderen weitergeben darf – Stoff für Kontroverses bietet jede Schlange en masse. Und es wird rege davon Gebrauch gemacht. Dass ich morgens um acht nicht sonderlich gesprächig bin und eigentlich nur meinen Scheck einreichen will, interessiert niemanden. Man hat mitzureden, zu lamentieren und zu debattieren.
Ich habe immer schon gespürt, dass es so etwas wie ein Nationalsport ist. Sicher hat der Mann, der gestern vor mir stand und darüber (in mein Ohr) wetterte, dass die Beamten hier viel zu langsam arbeiten, seiner Frau brühwarm erzählt, wie viele Punkte er gerade beim Wett-Diskutieren auf dem Postamt eingeheimst hat.
Und jetzt weiß ich es genau. Denn die Israelis sind gerade Weltmeister im Diskutieren geworden. Nicht im meinem Kopf, sondern in Manila. Bei der Debattier-Weltmeisterschaft der Universitäten schafften es die Tel Aviver Brüder Omer und Sella Newo auf den ersten Platz. Es wundert mich kein bisschen: die Israelis verdrängten die Malaysier, Holländer und Deutschen mit Leichtigkeit auf die Plätze.
Nur am Rande: Eigentlich diskutiere ich ja selbst ganz gern. Und so manches Mal erhitzt sich auch mein Gemüt mächtig bei Gesprächen über Weltpolitik, Umwelt oder den Mangel an adäquaten Leckereien für meinen süßen Zahn.
Immerhin hält einem in Israel niemand vor, wenn man in einer Diskussion mal über die Stränge schlägt, das ein oder andere Wort zu stark betont oder vielleicht sogar die Stimme erhebt. Keiner ist eingeschnappt, weil man eine andere Meinung vertritt. Dafür gebe ich sogar meine Überzeugung auf, dass manche Dinge vielleicht doch in Stein gemeißelt sein sollten. Aber bitte nicht um acht Uhr morgens.
Es herrscht Leben im Kühlschrank
Israelis kennen sie alle: Das Gerber Baby, die coolen, schönen Leute auf den Danone-Joghurts, den vertrauenerweckenden Großvater der Käsemarke Gad. Gemeinsam leben sie in den hiesigen Kühlschränken der Levys und Cohens.
Im Video „Shelf Life“ (Leben im Regal) der Jerusalemer Hochschule für Kunst und Design Bezalel, erwachen die bekannten Produkte zum Leben. Das Baby nölt, die Jungen schäkern, Napoleon gibt seinen Senf direkt aus der gleichnamigen Streichkäsebox dazu. Einer aber stört: Saba Gad, der sein Haltbarkeitsdatum offensichtlich schon länger überschritten hat.
„Es riecht hier so unangenehm“, meckert die Dame vom Joghurtbecher. „Stimmt“, pflichtet ihr Kühlschranknachbar bei, „es gibt Leute, die man besser entsorgen sollte“. Prompt kommt der Mensch, in dessen Küche die Käse und Co. wohnen. Er hat Appetit auf den typischen israelischen Zfatit und greift nach der blauen Schachtel. Doch auch ihm kommt der Geruch komisch vor. Großvater Gad wandert – oh Schreck – in den Mülleimer. Keine Verwendung mehr für den Abgelaufenen in unserer Mitte.
Der etwas über dreiminütige Kurzfilm kann (und soll) als Aufruf gegen die Ausgrenzung von Alten und Anderen verstanden werden. Gleichzeitig will er Hoffnung machen, denn er erzählt über ein wertvolles Dasein jenseits des Kühlschrankes, in dem alles nur jung, knackig und frisch ist.
Auch in der hintersten Ecke oder gar dem Müllkübel tummeln sich jede Menge lebenslustige Gesellen. Manchmal ist es in ihrer Mitte sogar kreativer, fröhlicher und bunter als im Mainstream des Mittelregals. Keine Angst vor dem Alter, also!
Ob man Wert auf die Message legt oder nicht: „Shelf Life“ ist intelligent und professionell gemacht und absolut sehenswert. Mehr als 144.000 Mal ist das Video in Youtube bereits angeklickt worden. Ein kleiner Eindruck vom israelischen (Kühlschrank-)Leben zum Wochenende.
http://www.youtube.com/watch?v=1aqTCq2hJOo
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