29. Aug. 2014
11:43

Unwichtiger Kram

Nachrichten 24/7
© Flash 90

Mein Liebster und ich sind uns in den meisten Dingen einig. Wir streiten wenig und verstehen uns häufig sogar ohne viele Worte. In einem Punkt aber gehen unsere Meinungen völlig auseinander. Wie oft man Nachrichten schauen, Zeitungen lesen und sich im Internet politisch auf den neuesten Stand bringen sollte. Ich tue es – und das nicht nur wegen meines Jobs – mehrmals am Tag. Mein Schatz ist Wissenschaftler und findet, dass da immer nur dasselbe steht und alles lächerlich vergänglich ist.

Bücher und Fachmagazine verschlingt er, die Nachrichten in der Zeitung überblättert er mit stoischer Vehemenz. Doch vor wenigen Wochen änderte mein Freund seine Gewohnheiten von einem Tag auf den anderen. Nun war er der Erste, der die morgendliche Tageszeitung aufschlug, durch News-Webseiten der Welt surfte und im Handy checkte, wo die Raketen abgefangen wurden, die uns morgens schlaftrunken in den Bunker torkeln ließen. Es war Krieg.

Nun ist der Krieg vorbei – so sagt man zumindest. Ob das tatsächlich so ist, da teile ich die Zweifel mit dem Großteil der israelischen Bevölkerung. Natürlich weiß ich von der Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas, habe gelesen, dass nun eine Feuerpause herrscht. Ende offen.

Doch so richtig will sich bei mir kein Gefühl des Friedens einstellen. Bewege ich mich außerhalb meiner vier Wände, scanne ich die Gegend noch immer auf der Suche nach dem nächsten Schutzraum. Ich mag nicht, wenn meine 13-jährige Tochter mit Freunden draußen unterwegs ist und ich nicht genau weiß, wo sie ist. Zwar gehe ich wieder an meinen heiß geliebten Strand, so richtig wohl fühle ich mich dabei aber nicht.

Selbst Israels Politiker äußern sich verhalten bis argwöhnisch. Finanzminister Yair Lapid sagte kurz vor dem Wochenende, dass die Militäroperation nicht vorbei sei, bis der Gazastreifen völlig entmilitarisiert sei. Und auch die Terroristen jenseits der Grenze frohlocken bereits, dass »das nicht das Ende gewesen ist«.

Es wäre nicht der erste Waffenstillstand, der von der Hamas gebrochen würde. Dabei bin ich alles andere als ein Pessimist und habe nach wie vor die Hoffnung, dass es irgendwann einen dauerhaften Frieden zwischen den Israelis und Palästinensern geben wird. Im Moment allerdings fühlt es sich, ehrlich gesagt, nicht danach an.

Dabei wünsche ich es mir nach 50 Tagen Krieg so sehr. Ich will nicht, dass noch mehr Menschen sterben, will auch nicht mehr panisch in den Bunker hasten müssen und Angst um meine Lieben haben.

Gerade habe ich die Zeitung reingeholt. Die Seiten triefen vor Pessimismus und Skepsis ob des Deals mit der Hamas. Ich will meinem Freund einen Artikel vorlesen. Er liegt auf dem Sofa und liest ein Buch. »Oh bitte«, stöhnt er und winkt ab, »halt mir diesen unwichtigen Kram vom Hals«.

01. Aug. 2014
15:30

Schomer Schabbat

Trauer um einen gefallenen Soldaten
© Flash 90

Ich freue mich eigentlich immer auf das Wochenende. Für mich heißt das meist, an den Strand zu gehen, schön zu essen, mit meinen Liebsten zusammen zu sein und endlich ein bisschen Zeit für ein gutes Buch zu haben. Ich bin kein Schomer Schabbat, sondern durch und durch säkular, fahre Auto, koche, telefoniere, schalte Licht und Computer ein und aus.

Dennoch ist für mich die schönste Zeit die kurz vor dem Schabbat, wenn man spüren kann, wie alles gelassener und ruhiger wird. Normalerweise. Doch im Moment ist gar nichts entspannt. Die Schreckensnachrichten überschlagen sich, die Zahl der Toten und Verletzten auf beiden Seiten steigt immer mehr, immer schneller.

Gestern habe ich in einem Kiosk durch eine Zeitung geblättert. Auf der zweiten Seite prangte oben ein Bild von einem jungen Mann. Er hatte einen dichten rötlichen Vollbart, so wie ihn die super-coolen Tel Aviver jetzt tragen. Dazu eine Hornbrille auf der Nase und ein Tattoo auf der linken Schulter. Mit einem schüchternen Lächeln blickte er in die Kamera. Die Geschichte war mit »Nur noch drei Monate« überschrieben. In drei Monaten wäre sein Armeedienst zu Ende gewesen. Das hatte der Soldat so herbeigesehnt. Doch jetzt geht er nie mehr zu Ende. Er ist tot.

Täglich kommen diese Nachrichten. Sie scheinen nicht aufzuhören. Gestern starben fünf Soldaten bei einem Mörserangriff. Doch in Israel sind es nicht »fünf Soldaten«, es sind die Söhne von Müttern und Vätern, Geschwister, Freunde, Familienväter. Die meisten waren nicht einmal 20 Jahre alt. Sie hätten ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt. Doch jetzt ist es einfach weg – ihr Leben.

Leider kann ich mich diesen Dingen nicht verschließen, schließlich bin ich Auslandskorrespondentin, berichte im Detail darüber. Doch auch aus menschlicher Sicht geht es schlecht. Während andere uns beschützen und dafür sterben, kann ich nicht so tun, als geschehe das alles nicht. Denn es passiert, drängt sich mit aller Vehemenz in unsere Leben. Während ich meinen Kaffee trinke und diese Zeilen schreibe, fliegen wahrscheinlich wieder Raketen, donnern Schüsse durch die Luft. Keine zwei Autostunden von hier entfernt sterben Frauen, Männer, Kinder, Soldaten.

Ich muss informiert, immer auf dem Laufenden sein. Das ist mein Job. Doch ich kann es nicht mehr hören. Nur für eine kleine Weile will ich abtauchen, so tun, als gäbe es keinen Krieg. An diesem Wochenende bin ich Schomer Schabbat.

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