26. Sep. 2014
07:17

Vorbilder statt Vorsätze

Lautstark gegen Rassismus: Israels Präsident Reuven Rivlin
© Flash 90

Zum letzten Neujahr hatte ich mir viel Gutes vorgenommen. Ich muss weniger Kaffee und Cola Zero trinken, mir mehr Zeit für gesundes Essen nehmen, einen Jogakurs belegen und werde zweimal die Woche am Strand joggen gehen. Ich habe es tatsächlich zweimal geschafft. Im Jahr.

Obwohl ich sonst ein recht disziplinierter Mensch bin, fällt es mir wahnsinnig schwer, ungesunde Gewohnheiten abzulegen. Und wenn ich es auch an ruhigen Tagen schaffe, so werfe ich doch in stressigen Zeiten sämtliche guten Vorsätze mir nichts, dir nichts über Bord.

Und Stress war in 5774 leider die Regel, nicht die Ausnahme. Die wachsende Armut in Israel, der zunehmende Rassismus und der dauerhafte Beschuss des Südens, die Entführung und Ermordung der drei Jugendlichen in der Westbank, die anschließende Verbrennung des jungen Palästinensers und das Auftauchen des Horrorstaates ISIS waren nur einige der Hiobsbotschaften, die mit gnadenloser Regelmäßigkeit täglich über den Ticker liefen.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren einen Krieg im eigenen Haus, am eigenen Leib, zu spüren, setzte mir extrem zu. Täglich von Toten und Verletzten auf beiden Seiten des Konfliktes zu hören, darüber zu berichten und nicht zu wissen, wann endlich Schluss damit ist, lastete schwer. Israel fast ohne Touristen und meine geliebte Stadt Tel Aviv nahezu ausgestorben zu sehen, stimmte mich tieftraurig. Es war ein schwerer Sommer.

Kluge Menschen sagen, man soll aus jeder Tragödie etwas Gutes ziehen. Das ist nicht immer leicht, aber ich will versuchen, mich daran zu halten. Also besinne ich mich nach der harten Zeit auf das Positive. Und das sind zweifelsohne die vielen besonderen Menschen, die ich getroffen habe. Viele eindrucksvolle, selbstlose und inspirierende Frauen und Männer aus allen Bereichen des Lebens.

Zum Beispiel ist da der Arzt und Geschäftsmann, der ein besserer Mensch werden möchte und gleich die ganze israelische Gesellschaft dabei mitnehmen will. Oder die ältere Dame, die seit Jahren direkt an der Grenze zum Gazastreifen von Hamasraketen terrorisiert wird und sich dennoch aktiv für den Frieden mit den Menschen auf der anderen Seite einsetzt. Da sind die israelischen Ärzte, die unermüdlich syrische Patienten behandeln, die aus dem blutigen Bürgerkrieg im Nachbarstaat zu ihnen geschickt werden.

Und da ist auch der neue israelische Präsident Reuven Rivlin, der sich sofort nach seiner Amtsübernahme lautstark gegen Rassismus eingesetzt hat. In seiner Neujahrsansprache hat er an die auf furchtbare Weise getöteten Jugendlichen erinnert: an Eyal, Gilad, Naftali und an Muhammad.

Im neuen Jahr werde ich wieder versuchen, weniger Kaffee zu trinken und am Strand laufen zu gehen. Aber wenn nichts daraus wird, ist es nicht so tragisch. Denn statt guter Vorsätze habe ich für 5775 ja jede Menge gute Vorbilder.

Schana tova u'metuka!

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