11. Jul. 2014
20:06

Selfies aus dem Schutzraum

Mädchen in einem Schutzraum in Aschkelon
© Flash 90

Meine Tochter ist zum ersten Mal verliebt. Er heißt Roi, geht auf dieselbe Schule wie sie und ist sehr nett. Die beiden sind entzückend anzusehen, sie verabreden sich im Kino, gehen zusammen an den Strand und tuscheln auf dem Pausenhof. Im Moment können sich Roi und Dana nicht treffen. Mein Kind verbringt die Sommerferien bei ihrem Papa in Deutschland, ihr Freund ist in Israel geblieben.

Natürlich haben beide Handys und natürlich machen sie – wie alle israelischen Teenager – überdurchschnittlich viel Gebrauch davon. WhatsApp, Facebook, Viber, SMS. Von flinken Fingern getippt rasen die Nachrichten dieser Tagen nur so durchs Orbit. Danas Vater hat für die erste Liebe vollstes Verständnis und versorgt unsere Tochter mit Steckdosen, kabellosen Internetverbindungen und permanenten Aufladekarten. So weiß sie alle fünf Minuten, dass Roi noch an sie denkt.

Doch leider weiß mein 13-jähriges Kind noch viel mehr. Dass zu Hause Krieg ist. Im Minutentakt wird sie darüber informiert, bei welcher Freundin gerade die Sirenen schrillen, wo eine Rakete abgefangen wurde, wo eine eingeschlug. Sie wird mit Jubelbildern vom Erfolg des Abwehrsystems Iron Dome versorgt und Selfies aus dem Schutzraum. Israelische Girlies mit blitzenden Zahnspangen, die hinter verstärkten Mauern und Eisentüren der Bunker in die Kameras grinsen.

Ein gewisser Galgenhumor ist den Menschen in Israel sicherlich nicht fremd. Manchmal glaube ich, er wird bereits mit der Muttermilch weitergegeben. Doch mir bleibt bei diesen Bildern oft das Lachen im Halse stecken. Ich weiß, dass sich viel Angst hinter dem übertrieben sorglosen Getue verbirgt. Kein Kind der Welt will seine Ferien auf der Flucht vor Feindesraketen verbringen müssen.

Dana sorgt sich um ihre Klassenkameraden, ihre Freundinnen und Roi. Manchmal lugt aus ihren Erzählungen sogar ein schlechtes Gewissen durch. Es bedrückt sie, dass sie in Sicherheit ist, während ihre Freunde um ihr Leben rennen müssen. Klammheimlich wünsche ich mir in diesen Momenten, ihr Handy würde verschwinden, den Geist aufgeben. Nur eine Weile, nur bis zum Ende dieses Krieges.

Ich sage ihr das natürlich nicht. Stattdessen mache ich klar, wie sehr ich ihre Empathie schätze und erkläre ihr gleichzeitig, dass sie sich auf keinen Fall schlecht fühlen dürfe, weil es ihr gut gehe. Sie soll die lang ersehnten Ferien genießen. Dana murmelt darauf immer nur »okay«. Denn – und das weiß mittlerweile jeder – ein Selfie sagt mehr als tausend Worte.

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