03. Jan. 2016
10:08

Neue Realität

Menschenleer: Tel Aviv nach dem Anschlag
© Sabine Brandes

Ich wollte das Jahr mit frohen Tönen beenden. Und mehr noch wollte ich es mit fröhlichen beginnen. Hatte ich mir doch selbst Optimismus zum neuen Jahr verordnet. Aber die Realität hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Am 1. Januar gegen 15 Uhr rannte ein arabischer Israeli mit einer halbautomatischen Waffe durch das Zentrum von Tel Aviv. Er erschoss zwei junge Männer, verletzte zehn weitere. Und er entkam.

Zuerst dachte ich, ich schreibe jetzt einen Blog über »I am Tel Aviv«. Wie sehr ich trotzdem jeden Tag genieße, die Feste feiere, wie sie fallen, und alles tue, um mir vom Terrorismus mein Leben nicht vermiesen zu lassen. Der Alltag sieht anders aus. Seit den tödlichen Schüssen auf der Dizengoff-Straße habe ich das Haus kaum verlassen. Wenn ich dennoch musste, bin ich zu meinem Auto gehastet, habe von innen verriegelt und fuhr, so schnell ich konnte, von A nach B.

Einen Tag vor den Morden war ich mit meiner Familie im Kino am Dizengoff-Platz. Wir haben uns »Star Wars« angeschaut, Unmengen von Popcorn in uns hineingestopft, gelacht und sind nach dem Film durch die Stadt nach Hause geschlendert. Wir kamen auch an der Bar vorbei, vor der heute Dutzende von Kerzen brennen. Neujahr war mein Liebster zur selben Zeit des Angriffs im Dizengoff-Zentrum einkaufen. Fünf Gehminuten vom Anschlagsort entfernt.

Heute Morgen habe ich meine Tochter zur Schule gefahren. Die liegt rund 25 Minuten entfernt im Norden der Stadt. Ich wollte nicht, dass sie, wie sonst, den Bus nimmt. Die Straßen waren wie leergefegt. Vor jeder Schule und jedem Kindergarten, die wir sahen, stand ein Polizeiwagen mit Blaulicht, vor dem Eingang ein Sicherheitsmann mit Waffe im Anschlag.

Ja, ich bin Tel Aviv. Ich wohne hier, arbeite hier, liebe und lebe hier. Aber unbeschwert ist mein Leben im Moment nicht. Seit dem Beginn der Messer-Intifada schaue ich mich zwanghaft um (wie übrigens ein Großteil meiner Mitmenschen in Israel), kann es kaum ertragen, wenn jemand nah hinter mir geht oder steht, ohne dass ich weiß, wer es ist. Solange der Täter nicht gefasst ist, kann das Leben für mich nicht seinen normalen Gang gehen. Man braucht sich nur draußen umzusehen und weiß, dass das die meisten Tel Aviver so empfinden.

Ich muss dringend einkaufen gehen. Nach einem Wochenende zu Hause ist der Kühlschrank leer. Ich denke angestrengt nach, welcher Supermarkt bewacht ist, und entscheide mich dann – zum ersten Mal in meinem Leben –, die Lebensmittel online zu bestellen. 2016 ist da. Und mit dem neuen Jahr eine neue Realität.

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