10. Mai 2015
14:32

Lila Koffer

Warten auf den Koffer
© Flash90

Mein Koffer ist lila. Deshalb braucht er keine Glücksbändchen am Griff. Ich reise schließlich mit Stil und möchte nicht aussehen wie Wolfgang Petry. Auf dem Kofferband am Flughafen erspäht man sein lilafarbenes Gepäck sofort. Das erspart einem das hektische Gesuche nach Namensschildchen an schwarzen Koffern, während man dümmlich dem Laufbank hinterherstolpert.

Das dachte wohl auch Herr N., als er seinen lila Koffer vom Band hob. Er schaute nicht, er prüfte nicht. Ein Griff – und das Ding landete auf dem Gepäckwagen. Dumm nur, dass Herr N. meinen statt seinen lila Koffer mit nach Hause nahm.

Nachdem ich meinen Verlust gemeldet atte, ging ich noch einmal am Band vorbei. Da fuhr ein letztes lila Gepäck einsame Runden. Meins war es nicht, und kein Zeichen, das mir verriet, wem es gehörte. Erst zuhause fiel mir ein, dass ich am Flughafen Bescheid sagen müsste, dass es einen zweiten lila Koffer auf meinem Flug gegeben hat. Es ging niemand mehr ans Telefon.

Also rief ich meine deutsche Fluggesellschaft an. Ich erklärte den Vorfall und bat die Dame, sich mit Tel Aviv in Verbindung zu setzen, damit wir den Eigentümer des anderen Koffers herausfinden könnten. Schließlich ist jedes aufgegebene Stück eingescannt. Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Wie ich jemanden beschuldigen könne, ohne etwas beobachtet zu haben, fauchte die Mitarbeiterin mich plötzlich an. Ich versuchte mich zu rechtfertigen, dass doch niemand ohne Koffer den Flughafen verlässt, wenn er mit einem losgeflogen ist (also muss der andere-lila-Koffer-Besitzer logischerweise mit meinem durch den Ausgang spaziert sein, denn seiner fuhr ja noch auf dem Band herum). Doch sie meinte nur kategorisch, »Namen und Telefonnummern unserer Passagiere werden niemals herausgegeben. Es gäbe nämlich so etwas wie D a t e n s c h u t z«.

Ich war verwirrt und wütend. Am Sonntagmorgen rief ich wieder beim Flughafen in Tel Aviv an. Sie hätten noch nichts von meinem gehört, sagte eine junge Frau, doch ja, der andere lila Koffer sei noch da. Ich fragte ganz vorsichtig, ob ich irgendwie erfahren könnte, wem der gehört. »Klar, der ist von Herrn N.« Eine Telefonnummer hätte sie leider nicht, aber ich solle doch einfach im Internet nachschauen. Heimlich pries ich den Datenklau.

Ich ließ meine Tochter recherchieren. Zum Glück gab es N. nur fünfmal in Israel. Der erste ging nicht dran, und der zweite Herr N. war vor Kurzem von der israelischen Mafia ermordet worden. Mein Koffer in den Händen der Unterwelt? Ich erstarrte und stellte mir vor, wie die Gangster meine Haribos naschten, während sie ihre Pistolen reinigten. Meine Tochter erinnerte mich, dass niemand mehr fliegen kann, wenn er tot ist. Also entspannte ich mich wieder.

Beim vierten Anruf antwortete eine Frauenstimme. Ob ich hier einen Herrn N. erreichen kann? Sie fragte, worum es geht, und ich brachte es nur bis: »Im Flughafen...«, als sie schon in den Raum brüllte: »Eli, die am Telefon hat deinen Koffer mitgenommen«.

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