Sabine Brandes schreibt aus Tel Aviv
TLV
Alles ist relativ
Mein Liebster ist theoretischer Physiker. Seit wir uns kennen, schwirren die Moleküle nur so um uns herum. Er erklärt mir die Schönheit kristalliner Verbindungen, schleppt mich zu Vorträgen über elektrische Ladung im menschlichen Körper und zeigt mir beim Frühstück, warum die kleinen Müsliflocken unten und die großen oben liegen. Und ich? Ich finde es wundervoll. Er gibt mir einen Einblick in eine Welt, die mir lange verschlossen war.
Seit der siebten Klasse hatte ich eine Fünf auf dem Zeugnis – aus Gnade, weil ich so nett gelächelt habe. Sonst wäre es eine Sechs gewesen. Doch dank meines Freundes hole ich nun all meine verschlafenen Physik-Stunden auf. Lieber Herr R., Sie wären stolz auf mich!
Ist man mit einem Wissenschaftler zusammen, gehört es dazu, die wichtigsten Namen und ihre Errungenschaften zu kennen. Man will ja nicht ganz doof dastehen, wenn einem das Eis aufs T-Shirt kleckert und man gesagt bekommt: »Ärger Dich nicht, Schatz. So ist das halt mit dem Newtonschen Gesetz …«
Den Namen Stephen Hawking hatte ich natürlich schon gehört, bevor ich meinen Freund traf. Seinen Bestseller »Eine kurze Geschichte der Zeit« habe ich allerdings nicht gelesen. Vielleicht hätte ich es noch getan. Doch jetzt will ich nicht mehr. Denn nachdem der weltberühmte Physiker die Einladung zur präsidialen Konferenz von Schimon Peres erst angenommen hatte, sagte er nun ab. Der Grund: die Politik der Israelis. Neuerdings macht Hawking mit beim Israel-Boykott.
Ich bin so wütend! Nicht, weil ich denke, Hawking sei ein Antisemit. Das kann man ihm nach vier Israelbesuchen schlecht vorwerfen. Altersstarrsinn? Vielleicht, da er mittlerweile über 70 Jahre alt ist und es um seine Gesundheit nach eigener Auskunft nicht sonderlich gut bestellt ist. Allerdings ist er klar genug, um noch immer wie besessen zu arbeiten und Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu suchen. Also ist das auch kein gutes Argument.
Deshalb bin ich sauer. Weil Hawking ein superkluger Kopf und diese Entscheidung so schwachsinnig ist. Es ist mir unverständlich, wie man sich als derartiger Freigeist dem Druck bestimmter Gruppen beugen kann. Das hat nichts damit zu tun, dass ich meine, man dürfe hier nicht kritisieren oder sagen, dass man mit der Politik nicht übereinstimmt. Man darf! Denn davon lebt eine Demokratie. Und Israel ist eine Demokratie.
Viele einheimische Intellektuelle und Wissenschaftler teilen ihrer Regierung stetig und mutig mit, wenn sie etwas falsch finden. Auch Präsident Peres, der Hawking eingeladen hatte, betont immer wieder die Bedeutung eines Friedens mit den Nachbarn. Mit einem Besuch würde Hawking die kritisch Denkenden hierzulande unterstützen. Mit einem Boykott sagt er gar nichts.
Wenn er, wie er vorgibt, ein politischer Mensch ist, soll er bitteschön herkommen und seinen Mund aufmachen. Am Rande der physikalischen Ausführungen könnte er sagen, was er von der hiesigen Politik hält. Niemand würde es ihm verbieten, und ich bin mir sicher, man würde ihm zuhören. Aber ein feiges Statement von seinem Pressesprecher verfassen lassen und dann die Tür nicht mehr aufmachen, das ist armselig und eines herausragenden Wissenschaftlers unwürdig.
Stephen Hawking, vielleicht sollten Sie sich das Newtonsche Gesetz noch einmal zu Gemüte führen, nach Israel reisen und sich damit von oben bis unten mit Ruhm bekleckern. Doch wahrscheinlich wird das nicht passieren. Denn gerade bestätigte Hawking, dass er aufgrund der »Behandlung der Palästinenser in Israel« nicht kommen wird.
Und ich dachte wirklich, er wäre ein Großer! Doch, um es frei nach Einstein zu sagen: Alles ist relativ.
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