09. Jun. 2016
10:42

Böse Worte und gute Vibes

Konzert der Band »Die Antwoord« in Tel Aviv
© Sabine Brandes

Ich war gestern mit meinem Liebsten und meiner Tochter Dana auf einem Konzert der Rap-Band »Die Antwoord«. Die Südafrikaner sind nicht gerade dafür bekannt, eine gediegene Umgangssprache zu haben, dafür aber umso mehr für ihre sprudelnde Kreativität und ihre freche Unangepasstheit.

Bevor die Sänger Ninja und Yolandi über die Bühne sprangen, lief auf den Leinwänden Werbung für kommende Konzerte des Veranstalters. Es wird ein heißer Sommer in Israel, versprechen Sia, Avicii, Garbage und andere. Als der Name »Eagles of Death Metal« flimmerte, zuckte Dana zusammen: »Waren das nicht die von Paris, Mami?« Ich nickte. Die Band, die unsagbar traurige Berühmtheit erlangte, weil sie ein Konzert im Bataclan spielte, als sadistische Mörder des Islamischen Staates ein furchtbares Blutbad anrichteten, kommt nach Israel. »Wollen wir da hin?«, fragte Dana. »Aus Solidarität?«

»Klar«, sagte ich und schaute weiter auf die leere Bühne. Über Terror wollte ich nicht reden. Nicht heute. Ich hatte mich auf einen bunten Abend voller Lachen und Tanzen gefreut. Dann stand der Name Pharrell Williams auf der Leinwand. Zu seinem Mega-Hit »Happy« tanzten auch iranische Jugendliche über die Dächer von Teheran, lachten, ließen ihre Haare im Wind flattern und drehten davon ein Video. Was für ein Vergehen! Dafür mussten sie in den Knast und wurden ausgepeitscht.

»Ihr armseligen, widerlichen Terroristen und Unterdrücker-Regimes, die ihr es nötig habt, Musikfans und junge Leute abzuknallen und zu foltern, ihr kotzt mich an«, dachte ich noch, als Leadsänger Ninja wie ein Wirbelsturm über die Bühne fegte. »Tel Aviiiiiiiiv«, brüllte er und legte los. Dann erzählte er kurz, dass Organisationen »Die Antwoord« aufgefordert hätten, Israel zu boykottieren. »We said fuck you«, schrie er ins Mikro, zeigte einen riesigen Davidstern auf seinen Shorts und erntete tosenden Applaus. »Wir sind hier für euch«, kreischte Yolandi hinterher.

Die Show war ein Feuerwerk aus bösen Worten und guten Vibes, die Israelis ein wirbelndes Publikum. Doch natürlich habe ich WhatsApp und schalte mein Telefon fast nie aus. Und so wusste ich schon nach dem ersten Song, dass dieser eigentlich fantastische Abend für immer mit den Toten von Sarona verbunden ist. Terroranschlag in Tel Aviv, vier Tote und viele Verletze.

»Mami«, fragte mich mein 15-jähriges Kind mit erstarrter Mine nach dem Konzert. Selbstverständlich hat auch sie WhatsApp und macht ihr Handy nicht aus. »Bald ist doch das Schuljahr zu Ende, und es gibt viele Partys. Darf ich da jetzt nicht mehr hin?« Ich musste schlucken. Hinter mir johlten noch immer die Massen ob des grandiosen Konzerts. Yolandi gab uns mit auf den Weg: »Just be happy!«. Ich nahm Dana in den Arm und machte ein Selfie mit ihr vor der Bühne. Ninja kann es besser sagen als ich: »Fuck you, Terror!!! Rock on, Tel Aviv!«

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