Pädagogik

Gegen-Schläge

Mobbing an israelischen Schulen: Das Zentrum für Gewaltstudien greift ein

02.12.2010 – von Ingo WayIngo Way


Wie immer man auch zu den Thesen von Thilo Sarrazin zur Einwanderung und zur Unterschicht stehen mag, immerhin ist durch die Debatte das Thema Gewalt und Mobbing an Schulen in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Doch so lautstark Lehrer, Eltern und Politiker ihre Betroffenheit auch artikulieren mögen, so hilflos sind sie, wenn es um konkrete Maßnahmen geht, wie den erkannten Problemen zu begegnen sei. Möglicherweise hilft ein Blick nach Israel, um Konzepte zu entdecken, die sich auch an Neuköllner Schulen umsetzen ließen.

Dort, genauer gesagt in Jerusalem, hat Georg Rössler im Jahr 2004 »SOS Gewalt« gegründet. Das »SOS Zentrum für Gewaltstudien in Israel«, so der vollständige Name, hat Strategien zur Gewaltprävention entwickelt, die direkt an Schulen angewandt werden. Offenbar mit gutem Erfolg. Die NGO gilt mittlerweile als der größte Anbieter für schulische Gewaltprävention in Israel.

rollenspiel »Das Grundkonzept ist: Wir moralisieren nicht«, erklärt Rössler. »Wir sagen nicht, du bist böse, weil du andere schlägst. Gewalt muss als etwas begriffen werden, das so allgemein vorhanden ist, dass wir es nicht ausgrenzen können. Wir alle haben Anteil daran.« Rössler und seine Mitarbeiter setzen diesen Gedanken um, indem sie an Schulen dreitägige Workshops mit Schülern und Lehrern veranstalten, bei denen unter anderem Rollenspiele zum Einsatz kommen: Die »Täter«, also diejenigen, die schlagen, mobben, schikanieren, sollen in die Rolle des »Opfers« schlüpfen und erleben, wie sich das anfühlt – aber auch umgekehrt.

»Die meisten Interventionsstrategien versuchen, dem Täter klarzumachen, dass er Mist baut«, erklärt Rössler. »Für ihn selbst ist sein Verhalten aber erfolgreich. Warum sollte er damit aufhören?« Stattdessen wird in den Workshops auch den scheinbar unbeteiligten Schülern aufgezeigt, was sie selber zur Gewaltentwicklung beitragen – etwa, indem sie nicht eingreifen, wenn schwache Schüler schikaniert werden.

»Stärke ohne Gewalt« nennt sich der Ansatz, bei dem es darum geht, der Gruppe Möglichkeiten an die Hand zu geben, sich gegen Gewalt und Schikane zu wehren, ohne dass der »Täter« sein Gesicht verliert. Zu diesem Zweck werden etwa am Ende des Workshops Vertrauensschüler als Ansprechpartner von den Jugendlichen gewählt, die auch den Kontakt zu den Lehrern halten, ohne des »Petzens« bezichtigt zu werden. Darüber hinaus stellt »SOS Gewalt« Internet-Chaträume und ein Sorgentelefon für Schüler zur Verfügung.

import Mitgebracht hat Rössler das Konzept aus Deutschland. Der gebürtige Düsseldorfer, der in Heidelberg Jüdische Studien und Geschichte studiert hat und seit 1989 mit seiner israelischen Frau und seinen mittlerweile drei Kindern in Jerusalem lebt, hatte vor etlichen Jahren einen Kurs an der »Gewaltakademie Villigst« besucht. Dort hatte der Pädagoge und Rechtsextremismusexperte Ralf Erik Posselt ein Deeskalationstraining entwickelt, das auf seinen Erfahrungen als Streetworker basierte. So hatte Posselt sich etwa bei Straßengangs wie den »Ruhrkanakern« abgeschaut, wie sich gewaltsame Konflikte aufbauen und wie sie sich innerhalb der Gruppe auch wieder lösen lassen.



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