Interview

»Jede Form von Judenfeindschaft ist gefährlich«

Wolfgang Benz über die Zählebigkeit von Antisemitismus, Hass auf Israel und die Grenzen der Aufklärung

04.11.2010 – von Christian BöhmeChristian Böhme

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Herr Benz, was ist Antisemitismus?
Der Oberbegriff für alle Formen von Feindschaft gegen Juden, weil sie Juden sind und als geschlossene Gruppe wahrgenommen werden.

Warum gehören Vorurteile gegenüber Juden weltweit und durch alle Zeiten hindurch zu den hartnäckigsten?
Weil sie zu den ältesten überhaupt gehören. Wenn etwas so eine lange Tradition hat wie der Antisemitismus, wenn schon der Urgroßvater, der Opa und der Vater davon überzeugt waren, dass Juden geldgierig sind und unseren Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen haben, dann werden solche Einstellungen in den Familien über Generationen hinweg tradiert. Sie bleiben regelrecht haften.

Über mehr als 2.000 Jahre hinweg – wie ist das möglich?
Judenfeindliche Ressentiments werden nicht nur über die Familie weitergegeben. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren die Kirchen Träger des Antisemitismus. Dann kam die weitverbreitete, pseudowissenschaftliche Überzeugung auf, Juden seien eine Rasse. Konsensfähig ist der Hass auf diese Gruppe auch aus sozialpsychologischen Gründen: Die Mehrheit stabilisiert sich durch die Ausgrenzung einer Minderheit.

Das gemeinsame Feindbild verhilft zur Geschlossenheit?
Auf jeden Fall. Das ist ein ganz wesentlicher Mechanismus des Antisemitismus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Alles, was böse scheint und Angst macht, wird auf die Außenseiter, die Juden, projiziert.

Aber warum ist es gerade die Minderheit der Juden, die als Sündenbock herhalten muss?
Vermutlich, weil es immer so war. Aber ich habe auch keine überzeugende Erklärung dafür, dass es immer Juden trifft. Denn prinzipiell kann man jede Minderheit in ähnlicher Weise stigmatisieren. Ein Feindbild beruht nun mal auf Emotionen. Und damit entzieht es sich einer rationalen Erklärung. Man muss immer wieder betonen: Nicht »der« Jude, sein angeblicher Charakter oder seine vermeintliche Einstellung sind Ursache für das Vorurteil. Vielmehr dient »der« Jude einer Mehrheit als Projektionsfläche für eigene Ängste, Verunsicherung und Hass.

Wir kennen aus der Vergangenheit viele Formen des Antisemitismus, bis hin zur Schoa. Wie äußert er sich heutzutage?
Man kann vier Phänomene unterscheiden. Da gibt es den religiösen Antijudaismus. Der ist hierzulande nicht besonders virulent, dafür aber umso mehr in Polen und der ehemaligen Sowjetunion. Dazu kommt der Rassen-Antisemitismus, dessen Siegeszug im 19. Jahrhundert begann und im Holocaust seinen schrecklichen Höhepunkt fand. Dann existiert ein sogenannter sekundärer Antisemitismus. Der ist aus dem Gefühl der Scham und der Schuld nach dem Völkermord geboren worden – nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Eine Judenfeindschaft, die sich an Wiedergutmachung und Restitution festmacht und sich dazu alter Stereotypen bedient. Nach dem Motto: Sogar aus ihrem Unglück machen die Juden noch ein Geschäft. In diesem Zusammenhang wird dann gerne von einer »Holocaust-Industrie« gefaselt. Und in jüngster Zeit ist noch eine weitere, derzeit wohl am stärksten vertretene Form des Antisemitismus hinzugekommen: die Feindschaft gegenüber Israel, der Antizionismus.


Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Video

Chanukka Sameach!

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
1°C
heiter
Frankfurt
0°C
schneeregenschauer
Tel Aviv
20°C
bedeckt
New York
1°C
wolkig
Zitat der Woche
»Einer unserer Anwälte ist Jude.«
Kayla Moore, Ehefrau des US-Politikers Roy Moore, verteidigt ihren Mann
gegen Vorwürfe, er sei antisemitisch, rassistisch und habe Frauen belästigt.