Drittes Reich

Braunes Haus

Eine Studie über die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes und seine Rolle bei der Judenverfolgung

28.10.2010 – von Wolfgang WippermannWolfgang Wippermann

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Das Auswärtige Amt leistete den Plänen der NS-Machthaber zähen, hinhaltenden Widerstand, ohne jedoch das Schlimmste verhüten zu können«, heißt es in einer Broschüre, die das Auswärtige Amt (AA) 1979 herausgegeben hat. Diesen Satz muss ein Diplomat geschrieben haben, denn er ist wahrlich diplomatisch: »Widerstand«, aber nur den »Plänen«; nicht »das Schlimmste«, wohl aber Schlimmes verhütet. Dennoch oder deshalb ist dieser Satz einfach falsch. Und wirklich schlimm ist, dass er noch 1979 von einem Angehörigen des Auswärtigen Amtes geschrieben wurde.

Tatsächlich war das AA vor 1945 eine »verbrecherische Organisation« (Eckart Conze), was es nach 1945 in einer Weise verschleierte, die schon fast kriminelle Züge hat. In diesem Satz kann der Inhalt des fast 900 Seiten umfassenden Mammutwerkes über Das Amt und die Vergangenheit zusammengefasst werden.

Herausgegeben ist es von den deutschen Historikern Eckart Conze und Norbert Frei sowie dem Amerikaner Peter Hayes und dem Israeli Moshe Zimmermann. Ganz aus den Quellen erarbeitet und zu großen Teilen auch geschrieben ist das Sammelwerk von weiteren insgesamt 13 wissenschaftlichen Mitarbeitern einer Unabhängigen Historikerkommission, die vom damaligen Außenminister Joschka Fischer im Sommer 2005 eingesetzt worden ist.

mittäter Dass das Auswärtige Amt in der Zeit des verbrecherischen Dritten Reiches selbst eine, um noch einmal Conze zu zitieren, »verbrecherische Organisation« gewesen ist, dürfte von keinem Kundigen bestritten werden. Dennoch ist dies bereits von einigen Journalisten geschehen. Sie dürften das Buch jedoch entweder gar nicht oder nur in Auszügen gelesen haben. Die Beweise für Conzes These sind nämlich mehr als erdrückend.

Das Amt hat die verbrecherische Politik des Unrechtsstaates von Anfang bis Ende unterstützt und exekutiert. Dies gilt vor allem für die Judenpolitik. An nahezu allen Maßnahmen, die vor Kriegsbeginn gegen die deutschen und dann auch österreichischen Juden ergriffen wurden, war das AA beteiligt. Selbst Juden, denen die Flucht gelungen war, wurden noch in der Emigration von Beamten des Auswärtigen Amtes diffamiert, überwacht und ihrer Unterhalts- und Pensionsansprüche beraubt. Besonders heftig angefeindet wurden die Juden, die nach Palästina gelangt waren – unter anderem vom Jerusalemer Generalkonsul Walter Döhle.

Dass Mitarbeiter des AA auch an den Planungen und der Durchführung der Deportationen der westeuropäischen Juden führend beteiligt waren, wird ebenfalls bewiesen – und war zudem in Grundzügen bereits bekannt. Dies gilt auch für den Völkermord an den Juden. Besonders intensiv war die Beteiligung des Auswärtigen Amtes am Mord der südosteuropäischen Juden. Die Dokumente dafür sind erdrückend. Nur ein Beispiel ist die Reisekostenabrechnung des Leiters des »Judenreferats« des AA Franz Rademacher, in der zu lesen war, dass der Grund seiner Reise »die Liquidation von Juden in Belgrad« gewesen sei.

verleugnung Wie war es möglich, dass diese Schuld und Mitschuld am Völkermord so lange und so erfolgreich geleugnet werden konnte? Hier sind nicht die deutschen Historiker an erster Stelle verantwortlich zu machen. Sie haben sich zwar spät, aber dann umso intensiver mit dem Völkermord an den Juden und der Beteiligung des Auswärtigen Amtes daran beschäftigt. An erster Stelle ist die verdienstvolle Pionierstudie von Hans-Jürgen Dö- scher zu nennen. Verantwortlich für die Verdrängung und Leugnung waren die Täter selbst, die von Robert Kempner so genannten »feinen Herren aus dem Auswärtigen Amt mit den blutgesprenkelten weißen Westen«.

Eine erstaunlich große Zahl von ihnen konnte ihre Karriere fortsetzen. Nach 1945 gab es im Auswärtigen Amt mehr (ehemalige) Parteigenossen als vorher. Für diese personelle Kontinuität waren jedoch nicht nur die deutschen Beamten und Politiker verantwortlich, die sich gegenseitig Persilscheine ausstellten und einander warnten, wie man es sonst nur von der Mafia kennt.


Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Anzeige

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wahlen USA

Amerika im Wahlfieber – zum Dossier

8. November 2016

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Frühling
Berlin
24°C
gewitter
Frankfurt
20°C
wolkig
Tel Aviv
28°C
heiter
New York
21°C
wolkig
Zitat der Woche
»Wenn ich alleine und jünger wäre, würde ich diesen historischen
Fehler korrigieren.«
Polens Ex-Präsident Lech Walesa bedauert, nicht jüdisch zu sein.