Zukunft

Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’

Mosche schreibt ein Lied, um das Volk Israel für die Zeit nach seinem Tod zu rüsten

08.09.2010 – von Rabbiner Walter RothschildRabbiner Walter Rothschild


Haasinu, Haschamajim, wa’Adabera!« – »Hört, ihr Himmel! Ich will reden!« Was für eine schöne Chutzpa! »WeTischma haAretz imre-Phi!« – »Und die Erde soll hören, was meine Lippen sagen!«
Mosche spricht – oder singt, oder rappt. Kapitel 32 des 5. Buches der Tora ist ein Gedicht, ein Lied, ein rhythmisches Rapping. Es ist kein schönes romantisches, ruhiges Abschiedslied. Mosche weiß – und auch Gott weiß es – alles was er in den vergangenen 40 Jahren aufgebaut hat, alles, was er erreicht hat, steht auf dem Spiel. Werden die Israeliten in Zukunft leben, wie sie sollen, oder wie sie wollen? Die Zeichen stehen schlecht. Die Erfahrung lehrt, dass sie ein eigenwilliges Volk sind.

Was kann er tun, um den schlimmsten Fall zu vermeiden, den totalen Untergang des Volkes? Gott warnt ihn sogar: Später, wenn er nicht mehr da sein wird, »wenn du bei deinen Vätern liegst« (31, 16-18), werden die Israeliten fremde Götter anbeten und den Bund brechen. Dann wird Gott nichts anderes übrig bleiben als das Volk zu bestrafen, und zwar hart. Derart schlimm, dass viele erschreckt sagen werden: »Es gibt keinen Gott, es kann keinen Gott geben, wenn die Welt so schlimm ist, wie sie ist!« Also, sagt Gott, soll Mosche ein Lied schreiben und es die Israeliten lehren. Damit es dem Volk eingeht und sie den Bund nicht vergessen, wird es gesummt. Musik und Reim bewirken mehr als trockene Wörter.

geleint Kann man auch die heutige Liturgie so verstehen? Wie viele Beter in unseren Synagogen sind in der Lage, eine Beracha zu summen, aber nicht zu rezitieren und gewiss nicht zu verstehen? Wie viele können Lecha Dodi oder Adon Olam singen, aber wissen nicht, was die Worte bedeuten? Viele verstehen wenig, aber ihnen gefallen die Melodien. Die Tora wird heutzutage geleint statt gelesen – aus ästhetischen, nicht aus pädagogischen Gründen. Ich selbst kann zwar keine Noten lesen, aber ich kann viele Lieder singen – wenn auch nur in Badewannenqualität. Ja, Musik berührt einen anderen Teil des Gehirns. Man trägt eine Melodie im Kopf, das ist wahr. Und wer sich an den jüngsten Fußballsommer erinnert, weiß, wie die Fans ihre Lieder lieben, wie ein Lied tausende Menschen zusammenhalten kann.

Am Anfang der Tora steht: »Bereschit bara Elohim et HaSchamajim we’et Ha’Aretz«. Die Tora beschäftigt sich im Folgenden aber nur mit der Erde. Ab und zu kommt Gott und spricht hinab zur Erde: mit Adam und mit Kain, mit Enosch, Noach, Awraham oder Mosche. Jetzt, gegen Ende der Tora, singt Mosche wieder von Himmel und Erde. Man erkennt eine gewisse Symmetrie. Als ob es wichtig ist, einfach zu betonen: Es gibt beide, die Erde allein ist nicht genug. Wir sollen immer daran denken, dass es auch andere Dimensionen gibt, die wir nicht sehen können –aber die sind da. Vielleicht deswegen soll Mosche das Lied sowohl an Jehoschua als auch an die Leviten weitergeben. Denn Jehoschua wird das Volk weiterführen, und die Leviten sollen das Buch mit dem Lied ins Nationalarchiv stellen, in die Bundeslade, wo die wichtigsten Schriften des Volkes aufbewahrt werden (5. Buch Moses 31, 23-27).

Nostalgie Erst danach, in Kapitel 32, lesen wir das Lied selbst. Es schwankt zwischen Drohungen und dem Wunsch, geliebt zu werden. Es ist Gottes, nicht Mosches Nostalgie. Denk an die gute alte Zeit in der Wüste, als alles rein war. Es gab keine Korruption, keine Ablenkungen, sondern eine Vision, ein klares Ziel. Und zur gleichen Zeit, gab es immer wieder Ärger. »Bei diesen Kindern waltet keine Treue. Sie reizten mich durch einen Ungott, sie kränkten mich mit ihren Nichtigkeiten« (32, 20-21).

Gott spricht fast wie ein Vater, der sich an die Kindheit seiner erwachsenen Söhne und Töchter erinnert, an die Probleme und Teenager-Streitigkeiten, den Kampf um Werte. Es fällt ihm schwer, die Balance zwischen Gehorsam und Unabhängigkeit zu finden. Und doch sind es seine Kinder, und er liebt sie. Es ist interessant, dass wir, obwohl wir dieses Gedicht jedes Jahr lesen, die Nostalgie nicht teilen. Wir leben jetzt, wo auch immer das sein mag, in Städten oder auf dem Land – aber eben nicht mehr in der Wüste wie früher.



Anzeige

Lust auf mehr?

Gerne schicken wir Ihnen unverbindlich ein kostenfreies
Lese-Exemplar unserer aktuellen Ausgabe zu.

Anzeige

Zum Musikspecial

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Anzeige

Tu Bischwat

Tu Bischwat – Neujahr der Bäume

Neujahr der Bäume

Zum Dossier

Jüdischer Staat

Kulturkampf und Geschlechtertrennung in Israel – zum Dossier

Kulturkampf und Geschlechtertrennung

Zum Dossier

Links und Apps

Chajm Guski empfiehlt Links und Apps

Chajm Guski empfiehlt Links und Apps

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Winter
Berlin
-2°C
schneeschauer
Frankfurt
-4°C
wolkig
Tel Aviv
16°C
heiter
New York
0°C
heiter
Zitat der Woche
»Mit unser Intelligenz und dem jüdischen Reichtum
können wir Wunder vollbringen.«
Prinz Turki al-Faisal von Saudi-Arabien über die Vorteile einer Integration Israels
in den arabischen Wirtschaftsraum