Gespräch

»Antisemitische Musik gibt es nicht«

Der Dirigent Daniel Grossmann über Wagner, Mahler und sein Orchester Jakobsplatz München

08.09.2010 – von Marie SchmidtMarie Schmidt


Sie spielen oft alternative Fassungen großer Orchesterwerke, die Sie selber für kleine Ensembles arrangiert haben. Tun Sie das der Not gehorchend, weil Sie nur ein Kammerorchester haben? Oder neigen Sie grundsätzlich zu kleineren Formationen?
Letzteres. Das Spannende an diesen klein besetzten Stücken – da spielen wir ja hauptsächlich Bearbeitungen von Mahler – ist, dass diese Musik eigentlich auch davon lebt, dass sie sehr groß orchestriert ist und wunderbare Klänge erzeugt. Aber Klang hat für mich immer etwas Äußerliches, keine inhaltliche Wirkung. Und wenn man diesen unglaublich einnehmenden Klang wegschneidet, bleibt eine Essenz übrig.

Wie sieht die bei Mahler aus?
Man kann so gut die ganzen Depressionen, Verzweiflung, Traurigkeit von Mahler aus seiner Musik erkennen. Aber auch Sarkasmus und etwas sehr Witziges.

Ihr Orchester vergibt auch Kompositionsaufträge mit jüdischem Bezug. Was muss man darunter verstehen?
Da soll Musik entstehen, die sich mit Jüdischem auseinandersetzt, so einfach kann man es sagen. Abgesehen davon ist das sehr weit gefasst. Nächstes Jahr werden wir zum Beispiel ein Stück von Klaus Hinrich Stahmer uraufführen. Eine Art Ouvertüre, in der er musikalisch jüdische Themen aufarbeiten wird.

Im Orchester Jakobsplatz München spielen jüdische und nichtjüdische Musiker. Das ist Ihnen wichtig. Warum?
Unser Orchester ist kein jüdisches Ensemble, sondern es hat eine jüdische Identität. Jeder, der sich für diese Identität interessiert, soll daran teilnehmen können. Wir haben Musiker aus unglaublich unterschiedlichen Ländern, die alle ihre eigene Kultur mitbringen. Das finde ich schön, weil es das Orchester so farbig macht.

Was sind Ihre nächsten Ziele für das Ensemble?
Ich möchte die Besonderheiten des Orchesters noch verstärken. Als sein Dirigent muss ich natürlich zusehen, dass sich die Qualität an der Weltspitze orientiert. Da streben wir hin, aber wir sind noch auf einem langen Weg. Das große Ziel ist, die Tourneetätigkeit auszuweiten, sich ein Publikum außerhalb Münchens zu erarbeiten. Wir wollen deutschlandweit, aber auch europaweit, ja weltweit bekannt machen, dass es dieses Orchester gibt.

Daniel Grossmann wurde 1978 in München geboren, wo er 1993 seine Dirigentenausbildung begann, die er in New York und Budapest fortsetzte. Seit 2005 leitet er das von ihm mitbegründete Orchester Jakobsplatz München. 2009 war das Ensemble auf Tournee durch Israel, im Oktober dieses Jahres geht es auf Konzertreise durch Rumänien, Moldawien und die Ukraine. Zuvor gibt Grossmann mit dem Orchester ein Konzert zum Neuen Jahr mit Werken von Jacques Offenbach. Termin: Dienstag, 21. September, 20 Uhr, Hubert-Burda-Saal im Jüdischen Zentrum am Jakobsplatz.
www.orchesterjakobsplatz.de



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