New York

Das Haus am Park Place

Muslime wollen in der Nähe von Ground Zero ein großes islamisches Zentrum eröffnen. Das Projekt wird heftig kritisiert. Aber es gibt auch Unterstützer, vor allem unter den Juden der Stadt

08.09.2010 – von Sebastian MollSebastian Moll


Mitgefühl Als Daisy Khan die neue Islamophobie in Amerika als eine Art »metastasierten Antisemitismus« bezeichnete, stimmte Levitt ihr emphatisch zu. Ja, das sei alarmierend, was da derzeit zu beobachten sei, Juden sei das nur allzu vertraut. Nach ihrer Ankunft habe es beinahe 200 Jahre gedauert, bis sie in New York eine Synagoge bauen konnten. Deshalb sei die jüdische Gemeinde der Stadt in »der außergewöhnlichen Position, den Muslimen sowohl Mitgefühl als auch Hoffnung zu spenden«. Schließlich seien die Juden nun voll in die Gesellschaft integriert.

Integration Die Kontroverse um die »Moschee« am Ground Zero hat eine enge Affinität zwischen der jüdisch-amerikanischen und der islamisch-amerikanischen Gemeinde zum Vorschein gebracht, die vorher so noch nicht im öffentlichen Bewusstsein war. Den Einwänden der Anti Defamation League gegen den Bau stand eine breite jüdische Sympathie für das Vorhaben gegenüber.

Dem jüdisch-französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy war diese Affinität vor vier Jahren bei seinen Reisen durch Nordamerika aufgefallen. In Dearborn, Michigan, der größten islamischen Gemeinde der USA, hatte er beobachtet, dass die Menschen dem jüdischen Integrationsmodell nacheiferten, »dem unglaublichen Erfolg der Juden in Amerika«. Die Muslime in den USA, schrieb Henri-Lévy, sähen sich in einer Art »mimetischen Rivalität« mit den Juden, sie wünschten sich nichts sehnlicher, als »so glücklich zu sein wie Juden in Amerika«. Die Pläne für das heftig umkämpfte islamische Zentrum am Ground Zero sind das beste Beispiel für diese These. Und die Einrichtung von Rabbi Levitt an der 76. Straße ist das erklärte Vorbild für das Projekt.

World Trade Center Dort, in dem modernen zehnstöckigen Glasbau, der ein Kongresszentrum, Ausstellungsräume, einen Konzertsaal und Sporteinrichtungen beherbergt, haben die Kinder von Sharif El Gamal schwimmen gelernt. Er sei nicht besonders religiös aufgewachsen, erzählt der 37-jährige Immobilienunternehmer. Seine Familie habe nur die höchsten islamischen Feiertage beachtet. In eine Moschee sei er erstmals in seinem Leben nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gegangen. »Ich habe damals in der Umgebung des World Trade Centers gearbeitet und zwei Tage lang freiwillig bei den Bergungsarbeiten geholfen. Ich brauchte einfach einen Platz zum Beten«, sagte er vor Kurzem dem New York Magazine. So kam El Gamal erstmals in die Masijd al-Farah, den Gebetsraum des Imam Faisal Rauf.

Die Masjid al-Farah ist ein schmaler dreistöckiger Bau am West Broadway, etwa einen Kilometer vom Ground Zero entfernt, eingequetscht zwischen dem schicken Bistro Cercle Rouge und einer Cocktailbar. Der Gebetsraum im Erdgeschoss, in dem Imam Rauf seit 27 Jahren predigt, ist höchstens so groß wie ein Wohnzimmer. Wenn zum gerade erst zuende gegangenen Ramadan die Gläubigen nach Feierabend hierherkamen, war er rasch zum Bersten voll. Drei Dutzend Menschen passen hinein, nicht einer mehr.

Für den Immobilienmann Gamal war klar: Es muss ein anderes Gebäude her. »Es gibt viele Muslime downtown, und die Räume, die sie zur Verfügung haben, sind nicht schön und kein Anlass für Stolz.« Sofort kam Gamal deshalb jener Ort in den Sinn, wo seine Tochter schwimmen lernte. So etwas müssten die New Yorker Muslime auch bekommen. Wenn man ihn fragt, warum es denn ein Gebäude so dicht am Ground Zero sein musste, wird Gamal indes schnell ungehalten. »Sie haben offenbar nicht die geringste Ahnung vom New Yorker Immobilienmarkt.« Er habe überall in der Gegend gesucht, nirgendwo wollte ihm jemand zu einem akzeptablen Preis etwas verkaufen. Als er dann das Haus am Park Place fand, gab es kein Zögern. »Ich habe überhaupt nicht an die Lage gedacht, nicht eine Sekunde lang.«

Billigkaufhaus Lange Zeit war auch genau die kein Thema. Der Park Place ist eine typische Seitenstraße im unteren Teil von Manhattan. Viele der alten Gebäude sind heruntergekom- men oder stehen leer. Ramschläden, düstere Kneipen und Stripteasebars haben sich hier breitgemacht. Dass in das alte Billigkaufhaus in der Nummer 45-51, an dessen Fassade der Putz bröckelt und dessen Fenster vernagelt sind, eine islamische Gemeinde eingezogen ist, hatte monatelang überhaupt niemand registriert.

Dabei betet die Gemeinde hier im Tiefparterre seit dem Sommer vergangenen Jahres. Gabriella, eine junge Afro-Amerikanerin, die seit Jahren im Bezirk arbeitet und sich jeden Tag im »Amish Market« ihr Sandwich holt, ist überrascht, als man sie darauf anspricht. Im quirligen Viertel war ihr nicht aufgefallen, dass sich zur Mittagszeit ein paar Dutzend Muslime vor einem der maroden Gebäude treffen, um zu beten. »Lasst sie doch«, sagt Gabriella, die vor neun Jahren nur wenige Hundert Meter von hier entfernt in ihrem Büro saß und die Türme des World Trade Centers explodieren sah. »Es gibt doch ohnehin zu viel Rassismus.« Wer Angst vor Muslimen habe, findet Gabriella, der dürfe eben nicht in Manhattan leben.



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