Rosch Haschana

Die Mauer im Kopf

Auf Basis von Versöhnung und Vertrauen ist Deutschland wieder eine Heimat für Juden. Was noch fehlt? Gefühl!

08.09.2010 – von Charlotte KnoblochCharlotte Knobloch


Wie konnte es in der gebildeten Zivilgesellschaft einer freiheitlich demokratischen Republik so weit kommen? Im Midrasch heißt es: »Die Wahrheit zersplittert in tausend Stücke, wenn G’tt sie auf die Erde wirft.« Seit nunmehr 65 Jahren sammeln jüdische und nichtjüdische Deutsche auf zwei, durch eine gefühlte Mauer getrennten Seiten die Teile auf. Knapp sieben Jahrzehnte nach der Schoa, der Entkernung der Humanität und der Offenbarung dessen, zu welcher Grausamkeit der Mensch in der Lage ist, müssen wir endlich begreifen, dass es nur eine einzige Seite geben kann: die der Menschlichkeit. In einigen Jahren werden Täter und Opfer nicht mehr leben. Nur die wenigen letzten NS-Prozesse befassen sich noch mit Schuld und Sühne. Das gesellschaftliche Schlüsselthema heißt längst Verantwortung – die uns allen unkündbar auferlegt ist und die uns alle verpflichtet. Wir müssen Verantwortung für die im Grundgesetz verankerten Werte und Freiheitsrechte übernehmen.

Mentale mauer Die Perspektive bestimmt die Wirklichkeit. Als Erben der einen Geschichte dürfen wir uns nicht länger von unterschiedlichen Standpunkten aus unterhalten. Ansonsten werden wir nie eine gemeinsame Wirklichkeit erleben. Die Zeit ist reif für eine klügere nichtjüdisch-jüdische Erinnerungskultur: im Dialog, differenziert, versöhnlich und empathisch. Wir brauchen Verständnis für die nach wie vor offenen Wunden auf beiden Seiten, für die Friedhöfe, auf denen wir zur Welt gekommen sind. Mehr als 82 Millionen Menschen in diesem Land dürfen gemeinsam die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte feiern – und müssen gemeinsam denjenigen entgegentreten, die diese Erfolge gefährden. Die mentalen Mauern müssen fallen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Schana towa!



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